Marianne Faithfull

Es geht eine Sängerin verloren

Von Freddy Langer

25. November 2004 Zum Glück gibt es Navigationsgeräte. Denn hätte die elektronische Stimme im Auto nicht gesagt "Das Ziel befindet sich links", wir hätten das Brückenforum in Bonn-Beuel womöglich übersehen: ein schlanker Bau vom Charme der siebziger Jahre, dessen Saal ungefähr so groß ist wie die Aula eines mittleren Gymnasiums und mit Reihen stapelbarer Stühle genauso unbequem möbliert. An der Decke Scheinwerfer mit Glühbirnen in den drei Grundfarben. Hinter der Bühne ein Vorhang, von dem man anfangs noch hoffte, er würde sich öffnen, wenn endlich das Vorprogramm vorüber wäre: ein Duo mit Cello und elektronischem Baß zunächst, eine junge Frau mit lockigem braunem Haar, akustischer Gitarre und süßem Stimmfehler später; beides Auftritte wie Bewerbungen für die Untermalung des Abiturballs, aber wiederum nicht so schlecht, daß die Zuschauer in solch großer Zahl hinaus an die Biertheke hätten stürmen müssen.

Irgendwann jedenfalls war es Viertel vor zehn, und die ersten mögen an ihr Auto gedacht haben, das im Parkhaus stand, welches um Mitternacht schließt. Von Marianne Faithfull aber war noch immer nichts zu sehen. Dann ging das Licht aus im Saal, so plötzlich, als wäre jemand gegen den Schalter gestoßen. Und dann passierte noch immer erst einmal lange nichts.

Keineswegs in der Bezirksliga

"Das Beste, was einem Popstar passieren kann", erklärte Marianne Faithfull bei Gelegenheit in einem Interview, "ist immer noch, daß er früh stirbt." Weit davon entfernt war sie nicht, damals in den siebziger Jahren, als sie nach etlichen Skandalen und der Trennung von Mick Jagger nicht länger die Lichtgestalt der Swinging Sixties war, das Starlet mit dem Engelsgesicht, der glockenhellen Stimme und immerhin vier Hits in zwei Jahren, sondern als Schattenfigur heroinsüchtig in den Gassen von Soho vegetierte. Dann die Auferstehung 1979 mit dem Album "Broken English", die Stimme nun lebenssatt heißer, kratzend, ruppig, die Lieder derb und sarkastisch. Nie wurden die Erfahrungen mit der Lust an der Selbstzerstörung und dem Verlangen, das Leben in seinen extremsten Formen zu spüren, tiefer in Vinyl gestanzt. Die Platte war ein Meisterwerk, sie leitete ihre Katharsis ein.

Seither ist Marianne Faithfull nie mehr ganz verschwunden - ob sie sich im Blues und Jazz versuchte, atemraubend Stücke von Kurt Weill interpretierte, sich im Stakkato den Punk aus der Seele schrie oder als Diseuse deutsche und französische Chansons säuselte. Und anders als der Rahmen in Bonn-Beuel vermuten ließ, ist sie keineswegs in die Bezirksliga abgestiegen; im Gegenteil. Einer ganzen Generation von englischen Popmusikern gilt sie nicht nur als Ikone, als die legendäre Überlebende; sie ist deren Muse geworden. Für die vorige Platte "Kissin' Time" schrieben ihr Jarvis Cocker von "Pulp", Billy Corgan von den "Smashing Pumkins", Damon Alborn von "Blur" sowie der amerikanische Sänger Beck semi-autobiographische Titel, die sie selbst in dieser Wucht und Offenheit nie hätte texten wollen - sagt sie.

Sympathisch, nicht furios

An der jüngsten, eben erst erschienenen und durchaus beachtlichen CD "Before The Poison" (Ministry O/Edel) haben Nick Cave und PJ Harvey mitgearbeitet, auch dies Musiker, die mit Hard Rock wie mit Balladen in der Kunst des Düsteren zu Hause sind. Aber vielleicht ist das der Fehler. Marianne Faithfull, die nicht der Versuchung widerstehen konnte, ihre schauerlichen Lebenserfahrungen als Gesamtkunstwerk zu gestalten und dafür sogar Dante zum Zeugen rief, geht sich über die prominenten Mitarbeiter schrittweise verloren. Was PJ Harvey ihr komponierte, hätte diese mit ihrem trockenen Sprechgesang besser selbst aufnehmen können. Es ist, als würde Marianne Faithfull, 57 Jahre alt, allmählich zur Mutterfigur der Rockmusik.

Und so ähnlich stand sie denn auch doch noch irgendwann in Bonn-Beuel auf der Bühne. Nur halbelegant im eng gewordenen schwarzen Hosenanzug, das Haar gescheitelt und glatt gekämmt, die Lippen ein wenig zu auffällig geschminkt, oft eine Zigarette in der Hand, oft eine Brille auf der Nase, um sich die Liedtexte vom Blatt ins Gedächtnis zu rufen, in ihren Bewegungen etwas ungelenk. Sympathisch also. Nicht furios. Dafür fühlte sich offenbar die Band zuständig und zerhackte lautstark jeden einzelnen Titel dieser Art Rückschau auf fast vierzig Jahre Popmusik zur baß- und schlagzeuglastigen Schrammelmusik.

Nur einmal spürte man so etwas wie Gefühl, Erinnerung, als stünde sie einem Gespenst gegenüber: bei dem großartig morbiden Stück "Sister Morphine", das Marianne Faithfull den "Rolling Stones" als Dankeschön für deren Hit "As Tears Go By" geschrieben hat. Einen kurzen, erschütternden Augenblick lang lag mit ihrem schmerzhaften Timbre die Qual von Todesnähe über den Stuhlreihen des kleinen nüchternen Saals. Im nächsten Monat tritt hier Chris Norman auf.

Weitere Konzerte:

Donnerstag, 25.11.: Fabrik, Hamburg
Freitag, 3.12.: Xtra Limmathaus, Zürich, CH



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.11.2004, Nr. 276 / Seite 39
Bildmaterial: PA

 
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