Von Peter Kemper
07. Mai 2006 Der Mann hat es nicht leicht: Speziell in Deutschland darf er nicht alt werden. Hier, wo seine Songs Masters Of War oder A Hard Rain's A-Gonna Fall zum festen Sing-Along-Repertoire der Ostermärsche in den Sechzigern zählten, wo Blowin' In The Wind mittlerweile zum Lehrstoff des Religionsunterrichts gehört, wird Bob Dylan in der breiten Öffentlichkeit wie ein ewiger Berufsjugendlicher behandelt. Man erinnert sich an ihn vor allem als Protestsänger, hat vielleicht noch seinen skandalösen Wechsel zum elektrifizierten Rock 'n' Roller auf dem Newport Festival 1965 im Hinterkopf. Irgendwo zwischen Like A Rolling Stone und The Times They Are A-Changin' ist sein wetterfestes Image angesiedelt.
Die Lieder seit den Siebzigern werden in der Regel mit milder Nachsicht behandelt: Tja, Bob Dylan. Der lebt zwar noch, aber seine Kreativität hat seit den Sechzigern doch stark nachgelassen. Allenfalls die Alben Blood On The Tracks von 1975 und Time Out Of Mind aus dem Jahr 1997 scheinen demnach aus den vergangenen drei Dekaden noch als hörenswerte Belege für künstlerisches Stehvermögen zu taugen.
Das Faszinosum Dylan
Doch eine solche Sichtweise verkennt das Wesentliche des ungebrochenen Faszinosums Dylan: Kein anderer Sänger oder Musiker im Pop-Kosmos kämpft seit mehr als 40 Jahren so unerbittlich um seine künstlerische Integrität. Kein zweiter Singer/Songwriter hat im Laufe der Jahre so viele unterschiedliche Masken ausprobiert: vom traditionsbesessenen Folksänger und Protest-Barden über den psychedelisch infizierten Rockstar, den christlich inspirierten Prediger, den Blues-Archivar, entspannten Country-Gentleman und Swing-Sucher bis zum postmodernen Dekonstruktivisten des eigenen Werks. In immer neuen Anläufen erfindet Dylan seine Identität - ob im Resonanzraum seiner Stimme oder in den Konzerträumen seiner never ending tour. Getreu der Devise Rimbauds: Ich ist ein anderer!
Wer heute ein Dylan-Konzert besucht, ist überrascht, eine Menge junger Leute unten den Besuchern zu entdecken. Was interessiert die Kinder von Techno, Rap und Hip-Hop an diesem alten Mann? Es ist die ungebrochen jugendliche Haltung Dylans - die Kids sprechen von attitude. Ähnlich wie Johannes Paul II. wegen seiner Standfestigkeit und konsequenten Widerborstigkeit gegen den moralischen Mainstream für hedonistisch erzogene Heranwachsende eine Kultfigur wurde, so ist der Sänger (der dem damaligen Papst im September 1997 auf dem Welt-Eucharistie-Kongreß vor Tausenden begeisterter Jugendlicher unter anderem mit Knockin' On Heaven's Door ein bewegendes Ständchen brachte), ob seines stoischen Eigensinns eine Identifikationsfigur für junge Menschen mit ihren Sehnsüchten.
Nie allgemeine Erwartungen erfüllt
Niemals in seiner Karriere hat Dylan sich nämlich mit den Erwartungen des Mainstreams, mit den Moden und Maschen des Pop-Marktes gemein gemacht. Selbst auf die Gefahr hin, langjährige Fans und Weggefährten ein ums andere Mal vor den Kopf zu stoßen, ist er der Trickster einer nicht enden wollenden Selbsterfindung geblieben.
Kein Wunder, daß solche gelebte Dissidenz bei jungen Leuten gut ankommt, bietet die Popszene als zunehmend hegemoniales System mit ihren corporate identities doch immer weniger Möglichkeiten der Selbstvergewisserung durch Unterscheidung. Bob Dylan dagegen verkörpert geradezu diese Differenz zu sich selbst.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 07.05.2006, Nr. 18 / Seite R1
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