Pop

Mund auf, Augen zu

Von Eric Pfeil

16. April 2007 Es gibt ja die unterschiedlichsten Ausprägungen von Musikern: experimentell frisierte Mode-Fatzkes, Weltverbesserer mit Gitarren, Sensibelchen mit Laptop, Kunststudenten mit zu viel Ambition, Drogenabhängige, Kunststudenten mit zu wenig Ambition - Selbstdarsteller und Ich-Extremisten allesamt. Nur eine Spezies trifft man vergleichsweise selten: Musiker.

Die kanadische Sängerin Leslie Feist, 31, ist vor diesem Hintergrund wohl so etwas wie eine Vollblutmusikerin. Leslie Feists Hauptinstrument ist ihre Stimme. Eine Stimme, die derzeit mit kaum einer anderen vergleichbar ist. Es liegt nichts Kulleräugiges oder Verhuschtes in diesem Organ, nichts Schrilles oder Gestelztes. Leslie Feist singt klar und durchdringend, und ganz gleich, ob man sie nun im Konzert hört oder auf Platte: Es klingt, als sei man alleine mit ihr im Raum. Ab und zu verleiht sie den Tönen etwas Drängendes, eigentlich müsste es gleich anfangen zu raspeln oder zu schmirgeln. Tut es aber nicht. Diese Stimme kann einen umhauen wie eine Feder, sie kneift mitten ins Herz, und man wird ganz still, wenn man sie hört. Fast ist man geneigt zu denken, Leslie Feist bestünde nur aus dieser Stimme.

Hübsch auf spröde Art

Im Moment singt Leslie Feist nicht. Sie sitzt zu Interviewzwecken in einem grauen Kölner Hotelzimmer, das Fenster zeigt auf eine zugemüllte Baustelle. Sie sieht müde aus, aber das tut sie vermutlich immer. Leslie Feist hat sehr große Augen, aber noch größere Augenlider, die ständig auf halb acht hängen. Unablässig knibbelt sie sich den Nagellack von den Fingernägeln. Sie sieht blass aus, unter den großen Augen sieht man blaue Ränder. Am liebsten würde man sie auffordern zu singen, in der Hoffnung, sie fühle sich dann vielleicht wohler.

„Ich singe wirklich fast ununterbrochen, eigentlich seit ich fünf bin. Außer beim Essen.“ Sie lacht, und man muss erst mal begreifen, dass Leslie Feist herzhaft lachen kann, ohne dass sich ihr immer müder Gesichtsausdruck auch nur geringfügig verändert. Es lacht nur der Mund, der große kantige Kiefer, die Augen hängen weiter auf halbmast. Sie ist hübsch, aber auf eine sprödere Art, als ihre Pressefotos andeuten.

WG mit Peaches

Leslie Feist wird am 13. Februar 1976 in Amherst, in der kanadischen Provinz Neuschottland geboren. Nachdem sie einmal festgestellt hat, dass sie für ihr Leben gerne singt, steigt sie als Schülerin bei einer Punkrockband ein. Ein paar gewonnene Talentwettbewerbe später tourt sie mit der Band kreuz und quer durch Kanada und entdeckt die Freuden des Unterwegsseins. 1998 teilt ihr ein Arzt mit, dass ihre Stimme derart ramponiert sei, dass sie nicht weiter singen könne. „Das war ein Schock“, sagt sie, und das Knibbeln am Nagellack wird hektischer, „aber es hatte auch etwas Gutes: Ich habe dadurch angefangen, Gitarre zu lernen.“ Sie zieht nach Toronto, steigt als Gitarristin bei der Band Divine Right ein und tourt weiter. Zwischendurch bringt sie ein erstes Solo-Album heraus, das ihr heute vorkommt „wie eine alte Fotografie mit blöder Frisur“.

Im Jahr 2000 lernt sie die kanadische Musikerin Peaches kennen, zieht mit ihr zusammen und übernimmt einen Gesangspart auf deren erstem Album. Zwei Jahre später ist sie Teil des Musikerkollektivs Broken Social Scene, das für das Album „You Forget in People“ 2003 mit dem begehrten Juno-Award für das beste Independent-Album ausgezeichnet wird. Doch erst 2004 erscheint das echte Solo-Debüt von Feist. „Let It Die“ ist das, was man gemeinhin als Achtungserfolg bezeichnet. Die Musikwelt horcht auf, alles staunt über diese anrührende Stimme, die klingt, als wüsste sie etwas mehr über die Schönheiten und Schrecken der Welt als die meisten anderen. Eine Stärke des Albums besteht außerdem darin, dass die Musik in keiner Sekunde zum Präsentierteller für Feists Stimme wird. Im Gegenteil: Gesang und Musik sind von solch stilsicherer Behutsamkeit, dass man sich nur wundern kann: zu stilvoll für MTV und doch noch zu aufgekratzt, um als Cafétapete zu enden.

Moderne Barmusik

Feists Musik ist letztlich moderne Barmusik. Nur dass in diese Bar Sonnenstrahlen fallen, die beinahe alle denkbaren Popschattierungen hörbar werden lassen. Wichtig für das Album war ein weiterer Kanadier, den es ebenso wie Freundin Peaches ins Berliner Exil verschlagen hat: Chilly Gonzales, exzentrischer Popclown, begnadeter Pianist und Komponist. Auch am neuen Album „The Reminder“, das in einem alten Haus vor den Toren von Paris entstand, ist er wieder beteiligt. „Es war toll, dort aufzunehmen, wir haben Kabel vom Kellerstudio ins darüberliegende Wohnzimmer gezogen, damit wir das Schlagzeug und Gonzos Klavier vorm Kamin aufnehmen konnten“, schwärmt Leslie Feist. Man hört der Platte diese Bemühungen an: Warm und organisch tönen die Instrumente und lassen die Klänge ineinanderlaufen wie Farben auf einer feuchten Palette. Trotzdem ist dies keine altmodische Platte. Wenn das Attribut „zeitlos“ jemals auf Musik zugetroffen hat, dann auf die Lieder von Feist und ihrer Band.

Auf „The Reminder“ spannt sie den Bogen noch weiter als auf dem Vorgänger: Die Songs reichen von anrührenden Tränentupfern („So Sorry“) über flirrenden Tanzbodenpop (die Single „My Moon My Man“) bis hin zu Meditationen in kargen akustischen Landschaften (das verwehte „The Park“, mit von der Künstlerin selbstaufgenommenem Vogelgezwitscher, und das ozeanabgründige „The Water“). Der schönste Song der Platte heißt „The Limit to Your Love“, ein gemeinsam mit Gonzales komponiertes, elegantes Stück Plüsch-Soul, in dem sich filigrane Streicher und Flöten anschleichen, nur um gleich wieder abzutauchen: „I know I know I know / that only I can save me“, singt Feist hier im Chor mit sich selbst dem abwesenden Liebhaber entgegen. Geradezu hysterisch dagegen ist „Sealion“, eine live-erprobte Aneignung von Nina Simones „Sea Lion Woman“.

Sonne und Tränen

Nun geht es bald wieder auf Tour. Für die Sängerin, die zwischen Paris und Toronto pendelt, ein Zustand, der ihr noch am ehesten ein Gefühl von Heimat gibt: „Zuhause ist für mich ein sehr flüssiger, elastischer Begriff. Toronto ist gemütlich und sicher, meine Familie lebt dort, aber es ist nicht mein Zuhause. Berlin kenne ich durch meine kanadischen Musikerfreunde auch sehr gut, es ist eine Stadt mit viel Gegenwart, in der vieles noch angenehm ungeklärt ist. Paris wiederum ist wunderschön, aber eine ziemlich tote Stadt. Alles dort ist fixiert, festgefahren und in Historie gemeißelt. Auch die Menschen dort werden ewig so bleiben. Aus dieser historischen Sicherheit entsteht ja auch dieser französische Nationalismus, der mich sehr abschreckt.“ Aber sich für eine dieser Städte als festen Wohnsitz zu entscheiden und sich von einer endgültig zu verabschieden, würde ihr mehr als schwerfallen, seufzt sie.

Kann sie sich denn gar nicht vorstellen, mal zur Ruhe zu kommen? „Doch natürlich, ich will auf gar keinen Fall bis an mein Lebensende touren. Aber ich erzähle dir jetzt von meinem Plan: An Weihnachten habe ich in der Karibik dieses deutsche Paar getroffen, die beiden waren um die sechzig. Sie haben sich zur Ruhe gesetzt und besitzen hier in der Nähe ein Haus. Aber jedes Jahr reisen sie zusammen vier Monate um die Welt. So etwas wünsche ich mir: ein festes Heim zu zweit und trotzdem herumreisen.“ Sie werde niemals anders können, als das Unterwegssein als etwas Positives anzusehen, sagt sie. „Selbst heute. Immerhin - auch wenn ich nur dieses Hotelzimmer hier kennengelernt habe: Ich bin in Köln.“ Sie schaut durch das Hotelfensterglas hinaus auf eine Baustelle, wo Arbeiter dabei sind, Schutt wegzuräumen. Später wird sie wieder ihre Koffer packen, und es geht in die nächste Stadt, wo weitere Interviews auf sie warten.

Ganz oben in ihrer Reisetasche liegt ein Buch über Bob Dylan. Ihr Freund Gonzales hat es ihr geschenkt. „Ich habe ihm erzählt, dass mich Interviews so schrecklich auslaugen. Ständig rede ich über Dinge, die mir sehr am Herzen liegen. So lange, bis ich sie totgequatscht habe. Ich habe oft Angst, ich würde Dinge, die mir wichtig sind, durch die Rederei mit einem Fluch belegen, so dass sie nicht mehr wahr wären. Als ich Gonzales davon erzählt hatte, schenkte er mir dieses Buch. Er sagte: ,Mach's einfach wie Dylan: Erzähl jedem Interviewer eine andere, gerade erfundene Geschichte'.“ Sie legt das Buch zurück. „Ich versuche es“, lächelt sie, „aber es ist nicht einfach.“

Feist: „The Reminder“ (Universal)



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 15.04.2007, Nr. 15 / Seite 27
Bildmaterial: Universal

 
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