Von Doris Achelwilm
03. März 2007 Lange bevor der spätere Musiker Win Butler bereit für die Bühne war, wuchs er in Texas heran; dort, wo unter Arkaden“ gemeinhin keine Alleen aus gotischer Säulenarchitektur verstanden werden, sondern Spielhallen und weitläufige Videotheken. Zu seinen Kindheitserinnerungen zählt die lokale Schauerlegende, wie ein solcher Tempel einst gomorrhisch in Flammen aufging.
Die Phantasmagorie sollte ihm Jahre später gelegen kommen. Er ließ sich in Montréal nieder und benannte die Band seines Lebens nach ihr: eine inzwischen siebenköpfige Horde aus Multi-Instrumentalisten. Darunter sein Bruder William sowie die Exil-Haitianerin Régine Chassagne, die zu Anfang von The Arcade Fire“ die Co-Sängerin wie auch die Frau des Win Butler wurde.
Gitarren in Gruppendynamik
Die konstituierende Hitze hielt sich, die ersten urkundlich erwähnten Konzerte fanden 2003 statt. Seitdem vertreten sie auf gruppendynamischste Weise, keine halben Sachen zu machen: Sofern es die Spielstätte zulässt, stehen Arcade Fire“ mit allem, was sie von Kontrabass über Gitarren bis Akkordeon haben, in einer Reihe da. Ihr Schattenriss bewegt sich dabei zwischen auratischer Phalanx und Kelly Family. Schlimmer noch ist es um ihren Aktionismus bestellt: Wenn Instrumentenwechsel als Energieventil nicht mehr reichen, hagelt es Drumstickschläge auf den motorradhelmbewehrten Hinterkopf des Keyboard-Organisten. Getragen wird der Übermut von heiligem Ernst und Magnetmelodien. Gelinde gesagt musste ihre Aufladung überspringen. Und als mit Funeral“ das Albumdebüt erschien, war es für eine Erfolgsgeschichte, die halbwegs gemessen verläuft, bald zu spät.
Der hysterische Segen ist bekannt: Rezensenten schrieben Ergriffenes. Zivilanhänger fieberten jedem Arcade“-Fünkchen hinterher. Pop-Honoratioren wie David Bowie und David Byrne, die unter normalen Umständen als mögliche Sound-Vorbilder ins Spiel gekommen wären, stellten sich vorzeitig als Fans und später als dankbare Gastsänger heraus. Das Hase-und-Igel-Prinzip ging weiter, als Funeral“ zum Zeitpunkt seiner europäischen Veröffentlichung, im Frühjahr 2005, via Blogosphäre längst voretabliert war. Vom Schneeball zur Lawine: Bis heute wurden über 1 Million Exemplare verkauft.
Verstrahlte Offenbarung
Dass diese Gründungsmythen und Superzahlen allenorts bilanziert werden, gehört nun zum prickeligen Umstand, dass die zweite Platte erscheint. Die Erwartungen von Medien und Jüngerschaft kochen. Neon Bible“, dem Titel kann man glauben, hat die Ausmaße einer verstrahlten Offenbarung, etwas gebrochen Archaisches und grell Beständiges.
Die bandspezifische Erhabenheit, die bereits zu Zeiten von Funeral“ mächtig genug klang, um zur Einstimmung von sogar Sport-Events gespielt zu werden, ist auf Playknopfdruck präsent. Ein Lüftchen nähert sich, das zum Windstoß hochfährt. Was da über vier Minuten stürmt, nachhallt und wettert, heißt Black Mirror“ und bedeutet, dass Arcade Fires“ Herzblut noch dichter und dunkler fließt als zuvor. Während Win Butler die Schattenseiten eines öffentlich gewordenen Spiegelbilds beschwört, setzen die umliegenden Streicher und Paukenschläge auf schaurige Effekte.
Naturschauspiel als Song
Eingespielt wurde das Song gewordene Naturschauspiel wie auch die meisten weiteren Stücke in einer von der Band erworbenen Kirche. Funeral“ war nicht zuletzt die impulsive Verarbeitung verschiedener Todesfälle in den Familien der Bandmitglieder. Doch den kathartischen Ausdruck zur Trauerphase scheinen Arcade Fire“ erst in der Barockorgel gefunden zu haben, die vor allem das Bibelstück Intervention“ hochamtlich donnern lässt. Als feines Kontrastmittel verschafft sich ein Triängelchen Gehör. Knabenchöre schwelgen in Angstfantasien. Zwischen den Kräften singt Butler von irdischen Vergänglichkeiten und Verwandtschaften, die immer irgendwie fortbestehen. Universeller wird’s nicht mehr.
Eschatologie und Gemeinschaft
Was folgt, sind kompaktere sowie schnellere Stücke, in denen sich die voluminöseste unter den Bands locker macht, oder größere Stücke wie Ocean of Sound“, in dem sie mit einer Bläserabordnung der Mariachi-Mannschaft Calexico“ zusammengeht. Falls Arcade Fire“ sich schon mal verhoben haben (ein Versuch, mit U2“ ausgerechnet Love Will Tear Us Apart“ zu interpretieren, verunglückte kläglich); sie sind entschuldigt: Neon Bible“ ist schöner und mutiger geworden, als man es von einer mit Vorfreuden und Wünschen bepackten Platte erwarten kann.
Mit ihrem ausgeprägten Gemeinschaftssinn, dem eschatologischen Gedankengut und einem Kollektiv-Outfit, das an Planwagensiedler und Wanderprediger erinnert, legen sie stilbildende Attribute an den Tag, die das Potential haben, auf Dauer schal zu werden. Aber es passt noch, wieder. Es ist alles gut.
"Neon Bible" von "Arcade Fire" ist bei City Slang erschienen (955 000, Vertrieb bei Universal).
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: City Slang