Von Jonathan Fischer
19. Juni 2006 Nicht für jede Leiche in New Orleans spielt eine Blaskapelle auf. Zum Mardi Gras sind in diesem Jahr schon wieder Tausende von Touristen gekommen, und manche Städteplaner träumen jetzt von einem Disneyland des Jazz; doch zugleich und von der Öffentlichkeit kaum bemerkt, geht der bodycount weiter: Ende April wurden die Überreste zweier Opfer des Hurrikans Katrina unter den Ruinen eines Hauses gefunden; 1282 sind es insgesamt, und bald wird wohl auch diese Zahl auf T-Shirts gedruckt und in die Souvenir-Geschäfte neben I survived Katrina gehängt.
Noch ist die Stadt nicht wieder zu Normalität zurückgekehrt, 300.000 Flüchtlinge sind noch nicht in die Stadt zurückgekommen. Wer keinen Job, keine politische Lobby hat, dem wird das Heimkommen nicht leichtgemacht: New Orleans wird schöner wiederaufgebaut als zuvor, hat der Bürgermeister Ray Nagin versprochen, aber an den Sozialbauten hängen Eisenschlösser, damit die ehemaligen Bewohner draußen bleiben. Einige Offizielle geben offen zu, daß man die Sozialfälle nicht zurückhaben wolle - und die Ausgeschlossenen machen ihrer Wut immer öfter in Gewaltaktionen Luft. Die örtlichen Zeitungen berichten von ersten Schießereien bei Paraden.
Alle Hoffnungsmeldungen haben mit Musik zu tun
Irvin Mayfield, der offizielle Kulturbotschafter der Stadt New Orleans, spricht von einem Lebensgefühl wie bei einer Beerdigung. Als die Dämme brachen, da wurde nicht nur eine Stadt überschwemmt, sondern auch eine große Tradition. Aber Mayfield hat auch ein paar gute Nachrichten: Der Bürgermeister habe die Musik als den Motor künftiger Wirtschaftsentwicklung gepriesen. Und die Schulen führen ab sofort Jazz als verpflichtendes Unterrichtsfach ein. Eigentlich haben alle Hoffnungsmeldungen mit der Musik zu tun: Denn die war schon immer der größte Reichtum der Stadt - ihr Erdöllager gewissermaßen.
Aus keiner anderen amerikanische Stadt kommen so viele, so gute, so unterschiedliche Musiker: Hier wird man morgens von einer Brassband geweckt, schaut später im Kaffeehaus einem Pianisten, den man bis dahin nur von Schallplatten kannte, auf die Finger; und abends hört man aus den Türen der Clubs von Soul und Funk bis zu Cajun und Zydeco den ganzen Reichtum der Südstaatenmusik.
Sollen wir deswegen aufhören, Musik zu machen?
Aus der Tragödie wird möglicherweise etwas Neues, Großartiges hervorgehen, sagt Irvin Mayfield. Und wenn man die neuen Alben der Musiker aus New Orleans, die Platten von Dr. John, Irma Thomas und Allen Toussaint, zum Maßstab nimmt, ist die Musik auf dem besten Weg.
Ob er geknickt, verbittert, verzweifelt sei? Allen Toussaint wehrt solche Fragen mit jovialem Lächeln ab: Na gut, ich habe mein Hausinventar mitsamt dem Flügel verloren. Von den Seasaint-Studios sind nur ein paar modrige Räume, Stapel verrotteter Tapes und Elektroschrott zurückgeblieben. Aber sollen wir deswegen aufhören, Musik zu machen?
Vier Tage Hollywood, vier Tage New Orleans
Auf einem Konzert für die Opfer von Katrina hat ihn sein Freund Elvis Costello angesprochen: Warum nicht gleich ein ganzes Toussaint-Songbook aufnehmen? Mit all den wunderbaren, leider schon halb vergessenen Songs, die der 68jährige Toussaint einst für Lee Dorsey oder Betty Harris geschrieben hat, Songs, die später von Little Feat oder Patti Labelle gecovert wurden - Songs, welche die Fans und Kenner und eben auch den Briten Elvis Costello davon überzeugten, daß New Orleans nicht nur der Geburtsort des Jazz ist, sondern die Wiege des Rock'n' Roll und ein Shangri-La der Soulmusik.
Toussaint, der seit den späten fünfziger Jahren als Pianist, Songwriter und Produzent den New-Orleans-Soul prägte, hat in den letzten Jahren vor allem von den Tantiemen solcher Klassiker wie Working in the Coalmine gelebt. Mit Costello hat er das Album The River in Reverse (Verve) in acht Tagen eingespielt, vier Tage in Hollywood, vier Tage im geisterhaften New Orleans. In der Stadt galten noch die Notstandsgesetze, die Hotels waren mit Flüchtlingen, Aufräumkräften und Versicherungsvertretern belegt. Abends war es oft schwer, ein geöffnetes Restaurant zu finden.
Selten hat ein Soulalbum authentischer geklungen
Wenn Costello mit zorniger Stimme von gebrochenen Versprechen singt, dann kontrastiert das wunderbar mit der nonchalanten Leichtigkeit von Toussaints Klavierspiel. Die alten Songs haben die neuen beeinflußt, sagt Costello, der den Titelsong The River in Riverse und zwei andere geschrieben hat. Selten hat ein Soulalbum authentischer geklungen.
Tatsächlich lassen sich Toussaints melodramatischer Song On the Way Down, die Tanznummer Tears, Tears And More Tears und der rohe Funk von Who's Gonna Help Brother Get Further heute wie Kommentare zu Katrina lesen.
Songs mit ungeheurer Dringlichkeit
Wir tanzen, während wir weinen, das, sagt Toussaint, war eigentlich immer das Thema der Musik aus New Orleans. Wahrscheinlich wäre Toussaints und Costellos wunderbar kompromißloses Album vor einem Jahr trotzdem nicht möglich gewesen. Die Depression nach dem Sturm hat aber den traditionellen Rhythm'n'Blues wieder mit dem Herzschlag der Stadt synchronisiert.
Auch Irma Thomas, die Queen of Soul, kann ein Lied davon singen. Ihr Club, der Lion's Den, wurde überflutet, Irma Thomas flüchtete zu Freunden nach Baton Rouge. Schon Wochen später spielte sie in einem ländlichen Studio in Louisiana eines der schönsten Alben ihrer Karriere ein. Die sparsamen, oft akustisch swingenden Arrangements von After the Rain (Rounder) akzentuieren den schneidenden Gospelgesang von Irma Thomas. Ob sie Blues singt oder Countryballaden, Stevie Wonders Shelter in the Rain oder Nina Simones I Wish I Knew How It Would Feel to Be Free: Irma Thomas verleiht den Songs eine ungeheure Dringlichkeit: Wer ahnte vor Katrina, was schwarze Menschen hier seit Jahrhunderten erleiden?, fragt sie.
Die unerwünschten Rückkehrer
Die Bürger von New Orleans haben ihrer Stadt schon eine Menge verziehen: Wie einer Mutter, sagt Allen Toussaint. Doch diesmal kehren einige trotzige Kinder ihrer Nährmutter den Rücken. Just them niggaz behind their desks that ain't hearin' us, wütet New Orleans' erfolgreichster Gangsterrapper Juvenile: We starvin'! We livin' like Haiti without no government . . .
Seinen Hörern empfiehlt Juvenile zynisch, die Katrina-Verluste mit dem Verkauf von Crack wettzumachen. Und Cyril Neville, der jüngste der berühmten Neville Brothers, will im Exil in Texas bleiben: Bei einem vom Fernsehen übertragenen Benefiz-Konzert trug er ein T-Shirt mit der provokanten Aufschrift: Ethnic Cleansing in New Orleans.
Es droht die Disneyfizierung
Neville schimpft: Wenn wir Afroamerikaner nicht endlich wirtschaftlich am Tourismus beteiligt werden, wenn die schwarzen Viertel nicht dieselben Vorzüge - etwa Steuervergünstigungen - wie das French Quarter erhalten, dann kann die Stadt niemals wieder auf die Füße kommen. Wenn er sagt, daß seine ehemalige Nachbarschaft im überschwemmten Stadtteil Gentilly von Bulldozern planiert werden soll - sie machen daraus wahrscheinlich einen Golfplatz für Weiße -, spricht er nur aus, was viele Afroamerikaner befürchten: Es droht die Disneyfizierung der Stadt, mit Jazz-Themenparks und neuen Hotels, aber ohne Rücksicht auf jene armen Viertel, die immer den Nährboden der örtlichen Kultur bildeten.
Für viele Amerikaner, besonders die im frommen Bible Belt aufgewachsenen Südstaatler, war New Orleans immer der Hafen in ein Jenseits der Freizügigkeit, eine geheimnisvolle Halbwelt der Süchte und der Mythen. Wir haben hier einen speziellen Geist, der sich alles, was in die Stadt kommt, anverwandelt, sagt Dr. John, der Pianist und Sänger, dessen Musik auch oft gefährlich und suchterregend klingt.
Nichts verletzt dich hier
Als Kind habe er überall aus den Häusern in seinem Viertel Pianos und Bläser klingen gehört. Es waren so viele, daß es beinahe beängstigend war. Und als es noch das tägliche Schiff von New Orleans nach Havanna gab, mischten sich auch kubanische Klänge in den Jazz und den Rhythm'n'Blues. Es ist dieser Überfluß, der New Orleans beseelt und aus dem Dr. John die exotischen Zutaten für sein neues, in den örtlichen Piety-Studios aufgenommenes Album Mercernary (EMI) schöpft. Und der immer noch Legionen von Musikern hierherzieht - darunter Rockstars wie Eric Clapton, Alex Chilton, Ani DiFranco, Robbie Robertson oder Bob Dylan: In seinen Chronicles vergleicht Dylan die Stadt mit einem sehr langen Gedicht . . . Hier kann dich nichts aus der Ruhe bringen, dich nichts verletzen . . . Er konnte damals kaum ahnen, als wie verletzlich sich die Stadt erweisen würde. Daß ein einziger Wirbelsturm das Schicksal des angeschlagenen Mississippi-Hafens besiegeln könnte.
Irvin Mayfield bringt die Ängste vieler Mitbürger wenige Wochen vor der nächsten Hurrikan-Saison auf den Begriff: Wir brauchen politischen Druck, damit die Deiche sichergemacht werden. Das ist das wichtigste. Unsere Kultur, unser Lebensgefühl dagegen hat staatliche Hilfe nicht nötig. Kein Hochwasser kann die Musik unserer Stadt überfluten.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 18.06.2006, Nr. 24 / Seite 30
Bildmaterial: AP, Ben Watts, Emi Music, Henry Diltz, Rounder, Verve
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