Bob Dylan als Maler

Die Variation ist sein Laster

Von Tobias Rüther

Bob Dylan: „Woman in Red Lion Pub”, 2007

Bob Dylan: „Woman in Red Lion Pub”, 2007

26. Oktober 2007 Es gibt Popmusiker, die zeigen das, was sie in stillen Stunden so zusammenmalen, gern und oft ungefragt herum: Paul McCartney zum Beispiel oder David Bowie. Udo Lindenbergs Likörbilder hingen sogar im Kanzleramt. Dann gibt es die diskreten Popmusiker, die als bildende Künstler begonnen haben, davon aber heute nichts mehr preisgeben: Bryan Ferry etwa, der in den sechziger Jahren beim Erfinder der Pop-Art Richard Hamilton studierte und auch Galerieausstellungen hatte, bevor er Roxy Music gründete und seine Werke konsequent aus dem Verkehr zog - vielleicht, um nicht als Dilettant dazustehen.

Für die meisten Popmusiker aber scheint es ein unwiderstehlicher Reiz, zu malen oder zu schauspielern, manche schreiben Bücher, einige wie Madonna tun beides zugleich. Was daran liegen könnte, dass Popmusik noch immer nicht so ganz als ebenbürtig und gleichauf mit den schönen Künsten empfunden wird.

Scheuer Respekt vor der Kunst

„Man on a Bridge”, undatiert

„Man on a Bridge”, undatiert

Bob Dylan, der Kunst studierte und einige seiner Plattencover malte, hat sich um solche Legitimationsprobleme nie geschert. Er hat früh erklärt, dass für ihn die „Musik das Einzige ist, was im Einklang mit der Gegenwart steht“. Und doch sagte er sofort begeistert zu, als ihn vor zwei Jahren die Chemnitzer Museumsdirektorin Ingrid Mössinger fragte, ob sie die Zeichnungen, die Dylan 1994 in einem kleinen Band namens „Drawn Blank“ veröffentlicht hatte, in ihren Kunstsammlungen ausstellen dürfe. Und nicht nur das: Dylan knöpfte sich die Skizzen, die auf seiner seit Ewigkeiten andauernden Welttournee in der Phase zwischen 1989 und 1992 entstanden waren, noch einmal vor - und schickte 320 neue Bilder nach Chemnitz, von denen nun 170 erstmals in der Ausstellung zu sehen sein werden.

Diese Schau stellt bestimmt nicht die Kunst auf den Kopf, wie das Georg Baselitz tat, dessen Bilder im Nachbarsaal hängen. Aber sie ist ein erneuter Coup für Chemnitz: Schon vor fünf Jahren wurde hier mit „Picasso und die Frauen“ spektakulär ein roter Faden geknüpft, der ein Werk im Innersten zusammenzurrte. Und das passiert in den „Drawn Blank Series“ jetzt auch mit Bob Dylan: Die Motive von damals - Zufallsbekanntschaften, Hotelzimmer, Straßenszenen, Stadtansichten - hat er digital auf Büttenpapier drucken lassen und dann mit Aquarellfarben verändert, hat drei, oft vier Variationen angefertigt, mit den Farben probiert, andere Figuren hineingemalt. Dylan hat also in ein neues Format übertragen, was er seit Jahren auf der Bühne tut: neue Versionen alter Lieder vorzutragen, einmal geschriebene Melodien immer wieder umzudeuten. Diese Performance geht jetzt in Chemnitz weiter, nur eben auf Büttenpapier.

Tausende Fans haben sich angekündigt, einige schon angefragt, ob sie die Bilder direkt kaufen und mitnehmen können: Ingrid Mössinger begrüßt, dass ein ganz anderes Publikum mit dieser Schau ins Museum gelockt wird. Was es dort sehen wird, ist die amerikanische Lakonie eines Künstlers, der in sich ruht, aber selbst in seinen Bildern nur am Rande vorkommt. Er ist Augenzeuge der ewigen Rastlosigkeit, und das liegt sicher nicht nur daran, dass all das unterwegs auf Tour entstanden ist. Lastwagen hat Dylan gezeichnet, Gleise, Fahrräder, Schiffe. Aber so teilnahmslos und beiläufig, wie diese Bilder auf den ersten Blick wirken, sind sie nicht. Da ist so etwas wie Schwellenangst zu spüren, weil Dylan wieder und wieder von Durchgängen aus zeichnet: im Türrahmen, an Fensterbänken, vor Balkonen, auf einer Veranda, in Bullaugen, halb drinnen, halb draußen - vielleicht ein Sinnbild dafür, dass Bob Dylan sich nicht so ganz traut, die Sphäre der bildenden Kunst zu betreten, ein scheuer Respekt, der sympathisch ist.

Der Mann ist eben ein Performer

Nicht alles ist gleich gut, was in Chemnitz hängt, bei aller Technik, die Dylan beherrscht (er hat vor Jahren Unterricht genommen). Seine Menschen sind oft eher Karikaturen, die Stillleben kunstgewerbliche Pflicht. In den besten Fällen aber, vor allem, wenn Dylan Frauen wie „Kassandra“ oder das „Porträt einer lächelnden Frau“ zeichnet, wird es impulsiv und ausdrucksstark. Der Mann ist eben ein Performer, auch das sieht man den Bildern an, und diese Intensität scheint manchmal aus den Bildern herausdrängen zu wollen, in den Saal, zu den Leuten. Es geht um Präsenz, ein uraltes Thema der Kunst.

Die stärksten Momente hat diese Ausstellung allerdings, wenn sie leere Räume und Einsamkeit zeigt und die Ödnis eines Sonntagnachmittags in Buffalo, New Orleans oder sonstwo auf dem Treck der „Great American Novel“, an der Dylan seit Jahren mitschreibt. „Die Hütte am See“ zum Beispiel: dreimal eine ausgesperrte Welt, die Jalousien heruntergezogen, der Fernseher abgeschaltet, Bob Dylan wohnt hier nicht mehr, er hat aber seinen Abdruck hinterlassen: ein Künstler, der sich selbst in einer Momentaufnahme sucht, wieder und wieder und wieder.

Bob Dylan - The Drawn Blank Series. Bis zum 3. Februar in den Chemnitzer Kunstsammlungen. Der bei Prestel erschienene Katalog kostet 49,95 Euro.



Text: F.A.Z., 27.10.2007, Nr. 250 / Seite 35
Bildmaterial: Bob Dylan, ddp

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