Von Oliver Jungen
19. August 2007Weil in Köln alles, was mehr als dreimal stattfindet, zum Brauchtum zählt, hat nun auch die c/o Pop ihre Jugend hinter sich. Das Festival für elektronische Musik, Indie- und Popkultur, das zugleich ein Branchentreff unabhängiger Musikverlage darstellt und neben vierzig Konzerten zwei Konferenzen (Work in progress und Wag the Long Tail) sowie einen Messebereich (Affair) umfasst, wurde vor vier Jahren nach dem Weggang der Popkomm nach Berlin gegründet.
Unter Keyboardfanfaren kann nun verkündet werden: Die c/o Pop hat es geschafft. Die Teilnehmer- und Besucherzahlen (etwa 30.000) sind weiter angestiegen. Der Aufmerksamkeit der gesamten Kulturszene - dieses Jahr ist etwa das Goethe-Institut beteiligt, das den Kölner DJ Hans Nieswandt beauftragt hat, durch Südostasien, Australien und Neuseeland zu tingeln, um vielversprechende Elektroniker einzusammeln - entspricht das riesige Medieninteresse.
Das Budget von knapp unter einer Million Euro entstammt zu jeweils einem Drittel öffentlichen Mitteln, Sponsoren- und Eintrittsgeldern. Die eigentliche Leistung aber liegt darin, bei allem Erfolg den chaotisch-subversiven Charme bewahrt zu haben. Dafür sind in erster Linie der Geschäftsführer Norbert Oberhaus sowie der Programmleiter Ralph H. Christoph verantwortlich, zwei Pragmatiker, denen niemand zu erzählen braucht, wie man sein Haus rockt.
Und was für ein Haus! Es gibt wohl kein besseres Symbol dafür, dass man sich keineswegs als arriviert betrachtet, als die Schauplätze der Veranstaltung, Märchenschlösser des Interim: das atmosphärische RheinTriadem, die zwischengenutzte alte Bundesbahndirektion, sowie - zum letzten Mal - das angrenzende RheinPalais, eine nicht weniger imposante Immobilie im Renovierungszustand. Popkultur war immer provisorisch, spätestens seit den Herausforderungen durch das Internet ist es auch die Industrie. Zuversicht scheint sich breitzumachen, dass ihr dies nicht unbedingt zum Nachteil gereicht.
Der schrumpfende Markt und die Discountierung der Branche durch i-Tunes und Konsorten bleibt eine Herausforderung, keine Frage: Plattenproduktionen seien oft nicht mehr lukrativ, sondern nur noch Visitenkarten für die Anschlussvermarktung, sagte etwa Jan Hagenkötter, der Inhaber des Labels InfraCom!. Aber statt einer Früher-war-alles-besser-Mentalität durchwallte Enthusiasmus das Treffen, selbst wenn viele der selbstbewusst eingerichteten Präsentationsräume in der provisorischen Pop-WG nicht gerade überfüllt wirkten. Unwohl fühlt man sich in der avantgardistischen Nische nicht mehr.
Dazu trägt nicht zuletzt das Phänomen des Long Tail bei, das der Journalist Chris Anderson vor drei Jahren zum Schlagwort gemacht hat: Durch das Internet rechnen sich auch klassische Ladenhüter, wenn nur ihr Angebot groß genug ist. Nirgends bewahrheitet sich dies besser als im Musikgeschäft. Oft führen Internetdienste allerdings nur an die vier juristisch gewappneten Majors Lizenzgebühren ab. Die unabhängigen Plattenfirmen setzen deshalb jetzt auf Zauberei. Unter dem Namen Merlin operiert seit einigen Monaten eine gemeinsame Lizenzierungsagentur, deren Geschäftsführer Charles Caldas in Köln rosige Zeiten beschwor.
Eine eigene kleine Konferenz zum Thema Nische hielt im Rahmen der c/o Popder Verband der deutschen Internetwirtschaft gemeinsam mit der Deutschen Welle ab. Allerdings herrschte hier - im abgetrennten Krawattenbereich - ein rein ökonomisches Verständnis von Nische vor, das mit Kleinvieh macht auch Mist zu harmlos ausgedrückt wäre. In den großen Firmen herrscht vielmehr Begeisterung darüber, nun auch billigste Massenware losschlagen zu können: der Nischenkunde nicht als Inselbegabter, sondern als Müllschlucker. Nicht nur Susanne Stürmer von der Produktionsfirma UFA demonstrierte dies eindrucksvoll an mitgebrachtem Material.
Als Reinfall erwies sich die erste öffentliche Präsentation des Theseus-Geheimprogramms des Bundeswirtschaftsministeriums. Dass derzeit für 180 Millionen Euro an einer neuen netzbasierten Wissensinfrastruktur, einem Web 3.0, gebastelt wird, hat ja allmählich die Runde gemacht. Man durfte also auf erste Ergebnisse gespannt sein. Der Informatiker Stephan Weiss bot jedoch nichts als nebulöse Schlagworte - auch der alte Theseus war schon gerne mit Keule unterwegs.
Dass der Internetbranche die guten Ideen ausgehen, zeigte auch das Panel Algorithmus & Rhythmus: Viele Unternehmen führen inzwischen die Arbeit des Music Genome Project fort und analysieren massenhaft Musiktitel, so dass Netzdienste bald auf Knopfdruck ähnlich bis gleich klingende Titel ausspucken werden - offenbar eine wichtige Einrichtung. Dass diese Form von Musikgenuss tatsächlich eine Zukunft hat, zeigt der Erfolg des Internetradios Last.fm, wo personalisierte Musiklisten erstellt werden, damit niemand mehr mit Neuem konfrontiert werden muss. Gipfel des Blödsinns ist ein neuer MP3-Player für Jogger, der Musik aussucht, die zum Schrittrhythmus passt.
Die genaue Gegenstrategie fährt die c/o Pop: Hier wird aus der Praxis heraus wirklich Neues angedacht. So spielte man beispielsweise das Für und Wider einer Kulturflatrate (mit Lizenz zum Brennen also) durch. Überzeugend ist das alles, weil das Ziel nicht in erster Linie der Umsatz, sondern die Qualität der Musik ist, wovon man jede Nacht einen vielfältigen Eindruck gewinnen konnte. Den inoffiziellen Höhepunkt indes bildete nicht das sonntägliche Freiluftgewummer von Sven Väth vor Tausenden Ravern, sondern wieder einmal die prall gefüllte Jahresparty des Kompakt-Labels in der Nacht von Freitag zu Samstag, die diesmal zwischen Backsteinbögen in Kölns neuester und prächtigster Spielstätte Expo XXI stattfand.
Bei einem Festival, das mit einem Fehlfarben-Konzert beginnt, kann wohl wenig wirklich schiefgehen. Den einzigen Ärger mussten die Veranstalter einstecken, weil ihr Hauptveranstaltungsort, das Gloria-Theater, allabendlich dem Andrang nicht gewachsen war und zahlreiche Bändchenträger bei den Battles, Uffie & Feadz oder M.I.A. abgewiesen wurden. Dies werde sich im nächsten Jahr ändern, verspricht das Oberhaus. Ansonsten solle alles bleiben, wie es ist: ambitioniert, praxisorientiert und unkonventionell. Etablieren will man sich besonders als Metafestival, als Treffen für Festivalmacher. Schon in diesem Jahr waren dreizehn europäische Festivals zu Gast, die jeweils einen Abend bestritten.
Ein rhetorischer Befund zum Abschluss: Neben krausem Denglisch erfreute sich in diesem Jahr vor allem eine Formulierung geradezu epidemischer Popularität: am Ende des Tages. Kein Beitrag ohne diesen umständlichen Blick in die unbestimmte Ferne, in der die Kasse stimmen soll. Dass man sich aber auch darüber freut, wenn bis dahin noch viel vom Tage übrig bleibt, unterscheidet die in Köln zusammengekommene Szene wohltuend von den gewinnorientierten Musikvermarktungstrusts.
Text: F.A.Z., 20.08.2007, Nr. 192 / Seite 33
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