Popmusik

Jugend musiziert

Von Joachim Hentschel

27. September 2004 Die Stimme paßt nicht zur Erscheinung. Boshaft verkürzt, ist das die Geschäftsidee hinter der Sängerin Joss Stone. Wie wenn man jemanden trifft, mit dem man vorher nur telefoniert hat: Dachte, du wärst groß und dick! Im Fall Joss Stone: Hoppla, die Kleine zeigt's uns aber!

Ihr Produzent Steve Greenberg hatte früher die Angewohnheit, Verhandlungspartnern ihre CD vorzuspielen, während sie im Zimmer nebenan warten mußte. Die Leute hörten mächtiges Gurren, schokoladige Brusttöne, gottgläubig klingenden Gospelgesang. Dann wurde sie hereingewunken und durfte sich anstarren lassen wie ein Zaubertrick: Wahnsinn, daß ein blonder, weißer Teenager vom Land so schwarz klingen kann.

Manche dachten lieber "afroamerikanisch" als "schwarz", manche fragten sich sicher auch, was denn bloß so unglaublich daran sein soll, wenn eine Siebzehnjährige Sängerin Soul macht - sieht man "Superstar"-Wettbewerbe, kriegt man ja den Eindruck, die jungen Leute kennen heute gar nichts anderes mehr. Gibt es nicht auch Schwarze, die unvorstellbar weiß klingen?

2,5 Millionen mal verkauften sich ihre “Soul Sessions“ Ihr Soul klingt echt, doch ist sie eine Fälschung? Gottgläubig klingender Goseplgesang Bitte auf keinen Fall aufhören

Das zusätzlich Bemerkenswerte an der Engländerin Joss Stone aber ist, daß Amerika sie umarmt, daß sie von "The Soul Sessions", einer CD mit Versionen von unbekannten alten Songs, seit diesem Frühjahr rund 2,5 Millionen Stück verkauft hat, daß sie mit "Fell in Love with a Boy" (von der Band White Stripes) einen großen Radiohit hatte und nächstes Jahr wohl mindestens einen Grammy gewinnen wird. Nach der Oscar-Verleihung ging sie zur Party von Elton John, der ihre Mutter ganz reizend fand und Joss Stone für Andy Warhols "Interview"-Heft Fragen stellte. Elton: "Woher hast du den Soul?" Joss: "Weiß nicht. Ein paar Leute glauben, ich hätte ihn aus einem früheren Leben."

Quengeliger Teenager

Da wundert einen gar nichts mehr. Erst recht nicht, wenn man selbst losgeht, ein Interview mit ihr zu machen, zum Londoner Sitz von Virgin Records im (großteils schwarzen) Stadtteil Queen's Park kommt und Joss Stone dort wie ein quengeliger Teenager in schlechter Sitzhaltung im Foyersofa hängt, das Handy in der einen Hand, die Tüte vom Drogeriemarkt in der anderen. Daneben die schnittige Mutter, ihre Managerin, die man einfach Wendy nennen soll: "Schatz, du mußt dich noch umziehen!"

Es tue ihr leid, die Tochter komme gerade vom Glastonbury-Festival und habe kaum geschlafen. ("Es war toll, aber der Schlamm! Unser ganzes Auto riecht muffig.") Joss Stone, vom Garderobenplaudern mit James Brown direkt ins muffige Auto, und wahrscheinlich hatte der Vater schon ungeduldig gehupt, weil die Diva beim Haarefönen getrödelt hatte. Man wundert sich kein bißchen. Auf diese Trivialdialektik war man vorbereitet, denn wenn schon die Stimme nicht zum Körper paßt - was soll dann passen?

Joss Stone heißt eigentlich Jocelyn Stoker, aber Joss Stone klingt natürlich gefälliger. Folgende Wortspiele sind Journalisten schon dazu eingefallen: "EMI Records bringt den Stein zum Singen"; "Ihre Stimme macht Joss zum Edelstein"; "Nur einen Steinwurf vom Superstartum entfernt?". Eine englische Musikzeitschrift kam auf "Deep Throat", ekelhaft, der Titel eines Pornofilms, der ist ab 18.

Mama, die Unterhosengeschichte

Man erzählt keine Anekdoten über die Unterwäsche von siebzehnjährigen Mädchen, aber hier ist eine: Joss Stones Mutter war auf einer der vielen Popreisen schnell in einer Wäscherei, packte Höschen ihrer Tochter in einen Sack und vergaß den dann im Gepäckfach eines Flugzeugs. "Mama, die Unterhosengeschichte!" krächzt Joss Stone quer durch den Raum, heiser vom vielen Singen. "Es gibt eine Version, in der ich angeblich meine Mama daheim angerufen und sie gebeten habe, mir frische Wäsche nach Amerika zu schicken. Als ob ich blöd wäre!" Sie hat sich mittlerweile umgezogen, sitzt barfuß im Schneidersitz, vor der Couch liegen die Flip-Flops, das letzte unverschlammte Paar.

Als sie noch in Ashill in der ländlichen Grafschaft Devon zur Schule ging, wunderte sich Joss (Tochter eines Obst-Großhändlers und einer Managerin für Ferienwohnungen; gut in Kunst, schlecht in Bio), warum alle Mädchen einen Freund hatten und sie nicht. Sie sei immer so laut, sagten die anderen. Die Jungs hätten Angst vor ihr. Es gab kleine Gesangswettbewerbe, bei denen sie die Freundinnen auf der Bühne zum Begleitchor degradierte.

Was für eine Heulsuse

"Ich hatte ,I Say a Little Prayer' von Aretha Franklin vorgeschlagen, da war ich zehn und die einzige, die das Lied kannte. Ich habe gesagt: Singt, Mädchen, egal was, aber bitte singt und hört auf keinen Fall auf! Sie haben es nicht kapiert." An den toten, stummen Punkt kam sie selbst nur, wenn Erwachsene zuhörten und sie dabei anschauten. Bei einer Familienhochzeit, als die noch kleinere Joss einmal "Amazing Grace" singen sollte, mußten alle weggucken, und dann hat die Frau neben ihr zu heulen angefangen: Was für ein wunderschönes Lied, was für ein wunderschöner Gesang! Was für eine Heulsuse, dachte Joss Stone.

Das doofe daran: Das Problem mit den Erwachsenen hat Joss Stone noch immer. Noch heute, wo sie pfeilgerade und auswegslos hineinplaziert ist ins Segment Erwachsenenmusik, wo sie CDs macht für die angeblich starke Käuferschaft ab vierzig aufwärts. Und die starren und glotzen noch mehr als früher, weil das Publikum ja weiter genüßlich an der Frage knabbert, an der rhetorischen, reaktionären und saublöden Frage, wo das weiße Mädchen diese Stimme herhat. Warum der Soul, die Leidens- und Erlösungsmusik, bei ihr so echt klingt, obwohl - und das ergänzen wir sinngemäß - Joss Stone eine Fälschung sein muß.

Zu perfekt, zu glatt

An diesem Montag erscheint die neue CD, diesmal mit Stücken, an denen sie selbst mitkomponiert hat. "Mind, Body & Soul" heißt sie, und es ist wieder Musik, die in öffentlichen Sitzbereichen Gemütlichkeit verbreiten wird, aber man kann sich nicht vorstellen, daß sie irgend jemandem richtig ans Herz wachsen wird. Zu perfekt klingt es, zu glatt. Sie verdrängt das, aber bald wird die junge, laute Frau merken, daß die wundervollen Komplimente im Prinzip schwere Beleidigungen sind und es beim kennerhaften Gerede über ihren Gesang eigentlich immer nur um ihren Körper geht.

Auf der Bühne läuft sie barfuß, rafft mit einer Hand den langen, schlierengemusterten Hippie-Rock. Dieselbe Haltung, in der man nachts heimlich an den Kühlschrank schleicht. Hinter ihr plärren fünf farbige Background-Sängerinnen, eine mit Terpentin gewaschene Band. Joss Stone tanzt ein bißchen, so sexy, wie sie es sich vorstellen kann, legt die Hand verschämt auf die Brust und singt, singt gewaltig, das schon, das wirklich, und hört auf keinen Fall auf.

Am liebsten unsichtbar

"Wenn ich zu nervös werde, mache ich einfach die Augen zu, bis das Lied vorbei ist. Dann wäre ich am liebsten unsichtbar", sagt sie. Sie könnte ja mal den ausverkauften Madison Square Garden erpressen und erst weitersingen, wenn sich alle umgedreht haben, wie auf der Hochzeit.

Müssen wir uns Sorgen machen um Joss Stone? Um kein Klischee achtlos zu übersehen: Steckt hier ein flugbereites Talent zwischen feigen Geschäftsinteressen fest? Auch sie wurde ja bei einer Casting-Show im englischen Fernsehen entdeckt, mit zwölf. Wurde von einer Management-Firma zum Klinkenputzen und Vorsingen geschickt und bekam vom Produzenten Greenberg (berühmt für die Hanson-Drillinge und den gleißenden Pop-Meilenstein "Who Let the Dogs Out?") in Miami einen Haufen pseudolegendärer Musiker verpaßt, wegen der Glaubwürdigkeit.

Was die Leute vergessen: Im Vergleich mit den Soulvorbildern aus den sechziger Jahren ist Joss Stone beim Karrierestart mit siebzehn schon ziemlich spät dran. Popmusik war immer besessen von der Potenz jugendlicher Körper, und daß die Durchlauf-Temperatur heute höher ist als damals, muß für Joss Stone kein Schaden sein. Wenn sie ein paar einfache Regeln befolgt:

- Nichts mit Lenny Kravitz anfangen.

- Ein Instrument lernen, am besten Klavier, weil man das auch mit geschlossenen Augen spielen kann.

- Und spätestens mit fünfundzwanzig eine gescheite Band gründen. Das kann soviel Spaß machen, das mit der Musik.

Joss Stone: "Mind, Body & Soul", erscheint an diesem Montag bei Virgin.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 26.09.2004, Nr. 39 / Seite 30
Bildmaterial: AP

 
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