Von Edo Reents
26. März 2008 Aerosmith gehörten zur dritten Generation der Rock 'n' Roller und hatten also von Anfang an das Problem, wie sie noch originell sein könnten, ohne auf die Errungenschaften der Rockmusik zu verzichten, gar deren Traditionsstränge zu kappen. Beides zugleich gelang keiner Band; dass sie aber das Beste aus ihrer Situation machten, ist wesentlich ihrem Sänger zu verdanken. Steven Tyler nämlich hatte unter den fünf Musikern von allem am meisten: Ehrgeiz, nervöse Energie und Durchhaltevermögen. Er persönlich ist die Katze, von der es heißt, sie habe neun (oder waren es sieben?) Leben: Nine Lives, die Platte, mit der Aerosmith in den späten neunziger Jahren mit geradezu unverschämt abgreiferischen Schmusenummern und nach wie vor knochenhartem Rock allen noch einmal zeigten, was eine Harke ist, kann nur auf einen wie ihn gemünzt sein.
Das Imitativ-Selbstparodistische, welches seiner Band als den legitimen Nachfolgern der Rolling Stones, Yardbirds und Kinks zwangsläufig anhaftete, verkörperte er in fast jeder Hinsicht und auf höchst originelle, erzhumoristische Weise: gesangstechnisch als gar nicht mal so viel schlechtere Mick-Jagger-Kopie, die als solche freilich auch wusste, dass jede Rockröhre, die diesen Namen verdient, das klassisch-frenetische Rhythm-&-Blues-Erbe nicht verschmähen darf; als Bühnenclown, dem bis heute kein Fummel zu abgeschmackt ist; und überhaupt als androgyner, in seinen frühen Jahren noch regelrecht mädchenhaft wirkender Typ, der aber in Wirklichkeit, wie sein Vorbild Mick Jagger, meistens gar nicht weiß, wohin mit dem ganzen Testosteron.
Toxic twins
Mit solchen Talenten reicher gesegnet als die meisten anderen Sänger seiner Generation, gab und gibt Steven Tyler die richtige Galionsfigur einer der wichtigsten Bands nicht nur der siebziger Jahre ab, als die Aerosmith zweifellos zu gelten haben. Der Blues war genauso stark in ihnen wie der Hardrock; Country schlich sich gelegentlich mit ein; selbst leiseste Jazzanklänge waren zu hören, als die Brecker-Brüder Randy und Michael auf dem zweiten und bereits meisterhaft ausgereiften Album Get Your Wings (1974) für sie ins Horn stießen. Hier kamen Tylers Stärken voll zur Geltung: die heiser-sehrende, oftmals wie von sich selbst stranguliert klingende Stimme und das Gespür für jenen rasiermesserscharfen, scharfkantig akzentuierten Rock 'n' Roll, für den kompositorisch sonst meistens der Gitarrist Joe Perry zuständig war, der als zweiter Keith Richards Steven Tylers Mick-Jagger-haftigkeit komplett machte. Die toxic twins, als die sie in Anlehung an die glimmer twins Jagger/Richards durchaus ehrenhaft tituliert werden, wussten natürlich auch, was sich gehört, und richteten sich mit ihren diversen Süchten gegen Ende der Siebziger fast zugrunde.
Aerosmith, die dem Jahrzehnt mit Liedern wie Dream On und Sweet Emotion überhaupt erst einen Begriff von Powerballade gegeben hatten und mit Walk This Way 1975 so zukunftsträchtig klangen, dass sich die Rapper Run DMC davon später spektakulär anregen ließen - Aerosmith waren damals total am Ende. Die Plattenfirma Columbia ließ sie fallen, Tyler behauptete, zu dieser Zeit halb Peru verkokst zu haben, und in Zeiten von Punk, Disko und noch ganz anders zur Sache gehendem Heavy Metal vermisste sie auch niemand.
Ein gleichsam mafioser Aufsteigerwille
Dann aber kamen sie bei David Geffens Firma unter, Platten wie Permanent Vacation und Pump brachten einer nachgewachsenen Hörerschaft mit frech-bündigem und plötzlich wieder hochprämiertem Rock (Rag Doll, Love in an Elevator, Janie's Got a Gun) nahe, dass Feuerzeugschwenken und Autoraserei nicht unbedingt nur peinlich, sondern auch Ausdruck von Lebensfreude sind. Diesen Aufwind wusste das Quintett, angetrieben vom unverwüstlichen Tyler, schlau zu nutzen mit dem Album Get A Grip (1993), welches wieder das unverbrüchlich hart Donnernde wie das einschmeichelnd Hinterhältige bereithielt, als unnachahmliche Synthese präsentiert in Übersongs wie Crying und Living on the Edge.
Dass es Aerosmith bis heute gibt, ist wohl auch Steven Tylers italo-uramerikanischem Geblüt geschuldet: einem eisernen, gleichsam mafiosen Aufsteigerwillen, der schon den Jungen nachts nicht schlafen ließ und ihn einst, 1970, in einer Eisdiele in Sunapee, New Hampshire, die richtige Entscheidung treffen ließ, als er sich mit den anderen vier Aerosmith Haudegen zusammentat - natürlich als mit Abstand Wildester unter ihnen. Solange es ihm, Steven Victor Tyler Tallarico, selbst nicht zu viel wird, möge er einfach so weitermachen, noch lange über den heutigen Mittwoch hinaus, an dem er sechzig Jahre alt wird.
Text: F.A.Z., 26.03.2008, Nr. 71 / Seite 36
Bildmaterial: AP, picture-alliance / dpa, picture-alliance/ dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb
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