Musikkonzern in Schwierigkeiten

Abgesang auf EMI

Von Ulrich Friese

Die Rechnung mit Robbie ging nicht auf

Die Rechnung mit Robbie ging nicht auf

19. Februar 2007 Für Eric Nicoli kommt es in diesen Tagen knüppeldick. Erst wurde der Chef des Musikkonzerns EMI mit der Nachricht konfrontiert, dass sich Hoffnungsträger Robbie Williams auf unbestimmte Zeit aus dem Musikgeschäft ausklinkt, um seine Suchtprobleme zu kurieren. Dann geriet für Nicoli die Vergabe der renommierten „British Music Awards“ zur peinlichen Veranstaltung: Unter den aktuellen Preisträgern, die sich in London jedes Jahr feiern lassen, befindet sich kein Vertragskünstler von EMI.

Die Serie an Hiobsbotschaften, so scheint es, reißt für das britische Traditionsunternehmen nicht ab. Denn zeitgleich mit dem Rückzug von Williams oder der Niederlage bei den „Brit-Awards“ mußte Nicoli seinen Aktionären beichten, dass er die für das laufende Geschäftsjahr geplanten Ziele bei Umsatz und Ergebnis abermals verfehlt. Durch diese zweite Gewinnwarnung binnen zwei Monaten beschleunigte sich die Talfahrt an der Börse. Die Aktie des Musikkonzerns, der jetzt nur noch 2,7 Milliarden Euro wert ist, erreichte mit 207 Pence in der vergangenen Woche den tiefsten Kurs der vergangenen 16 Monate.

„Quittung für jahrelanges Missmanagement“

„EMI erhält die Quittung für jahrelanges Missmanagement und den Umstand, dass viel zu spät auf wichtige Branchentrends reagiert wurde“, lautet der harsche Befund eines Investmentbankers. Danach zehrte der britische Markenartikler, der sich einst mit der frühzeitigen Verpflichtung von Musikgrößen wie Beatles, Rolling Stones oder Pink Floyd weltweit profilierte, zu lange von den Erfolgen der Vergangenheit. Mit den schweren Vorwürfen aus der Londoner Finanzszene ist jetzt vor allem Nicoli konfrontiert, der vor acht Jahren von der Chefetage des britischen Keksherstellers United Biscuits an die Spitze von EMI wechselte.

Der Branchenneuling sorgte in seiner Dienstzeit zwar für einen „Neuanfang“, indem er die Kostenkontrolle im Management verschärfte und das üppige Künstler-Repertoire von EMI nach Rendite- und Umsatzkriterien durchforstete. Dieser Auslese, die er zwischenzeitlich seinem Musikchef Alain Levy übertrug, fiel unter anderem Popdiva Mariah Carey zum Opfer. Bei der Suche nach neuen Musiktalenten, die das angestammte Europa-Geschäft sichern oder aber den Tonträger-Verkauf in Nordamerika ankurbeln sollten, bewiesen Nicoli und Levy aber keine glückliche Hand. Dabei erwies sich vor allem die Verpflichtung von Robbie Williams als ausgemachter Flop. Den eigenwilligen Popstar, der sowohl in seiner britischen Heimat wie auch auf dem europäischen Kontinent regelmäßig auf ausverkauften Bühnen auftritt, köderte Nicoli einst mit üppigen Bezügen und einem langfristigen Vertrag. Doch die Hoffnungen von EMI, mit dem „Zugpferd Williams“ den amerikanischen Musikmarkt zu erobern, erfüllten sich nicht. Stattdessen bricht der Verkauf im wichtigsten Musikmarkt der Welt jetzt zweistellig ein.

EMI tut sich im Internet schwer

Die Misere im Ausland resultiert freilich nicht nur aus dem vergleichsweise dürftigen Angebot an verkaufsträchtigen Künstlern. Vielmehr tut EMI sich besonders schwer, die branchenweiten Einbrüche im Verkauf von klassischen Tonträgern durch entsprechendes Neugeschäft im Internet zu ersetzen. Zwar konnte Nicoli erst kürzlich stolz vermelden, daß der Online-Verkauf von Musiktiteln allein in den vergangenen sechs Monaten um 68 Prozent anzog. Doch gegenwärtig steuert die zukunftsträchtige Konzernsparte noch nicht einmal 10 Prozent zum Konzernumsatz bei, kritisieren Investoren in der Londoner City.

Die Schwächen im amerikanischen Musikmarkt sowie der Nachholbedarf im Internet-Vertrieb drängen EMI im internationalen Branchenvergleich zunehmend ins Abseits. Während sich Universal Music (Marktanteil: 31,7 Prozent) und Sony BMG (25,6 Prozent) im Spitzenfeld der Branche etabliert haben, rangiert EMI (10 Prozent) mit deutlich Abstand dahinter. Selbst der amerikanische Rivale Warner Music, mit dem Nicoli noch vor wenigen Monaten eine Großfusion auslotete, erreicht jetzt mit 15 Prozent deutlich mehr, geht aus einer aktuellen Übersicht des Marktforschers Nielsen Sound Scan weiter hervor.

Zwei Topmanager verlassen den Konzern

Um die Erosion bei Kunden und Marktanteilen zu stoppen, verschärfte Nicoli zu Jahresbeginn das Sparprogramm. Durch straffe Arbeitsabläufe und Schnitte beim Personal sollen die Fixkosten ab 2008 um mindestens 165 Millionen Euro im Jahr gedrückt werden. Gleichzeitig räumt der EMI-Chef im Management kräftig auf. Mit Musikchef Levy und David Munns verlassen zwei Topmanager den Konzern. Nachfolger wurden nicht benannt. Statt dessen will der 58 Jahre Nicoli die Aufgaben seiner glücklosen Vorgänger in Personalunion übernehmen und beförderte sich daher zum neuen „Chairman mit Verantwortung für das operative Geschäft“.

Der Kehraus in der Chefetage sowie die Umsetzung des jüngsten Sparplans werde im laufenden Geschäftsjahr mit einem Einmalaufwand von 150 Millionen Pfund (223 Millionen Euro) zu Buche schlagen. Kenner rechnen damit, dass sich durch die jüngsten Belastungen der Schuldenberg im Konzern von knapp 1 auf 1,3 Milliarde Pfund vergrößern wird. Spätestens dann schlägt auch für Krisenhelfer Nicoli die Stunde der Wahrheit.

Text: F.A.Z., 20.02.2007, Nr. 43 / Seite 18
Bildmaterial: AFP, AP, ddp, dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa, REUTERS

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