James Blunt

Warme Hits, kurz vor Ladenschluss

Von Edo Reents

12. September 2007 Die Pressekonferenz hat man schon mal verpasst: vorverlegt. „Pressekonferenz? Die war schon“, sagt der Page. Es kann ja nicht jeder auf dem Verteiler stehen und Nachricht bekommen. Wenigstens hat man das vornehme Brenner's Park Hotel in Baden-Baden nun mal von innen gesehen. Am andern Tag ist auf der Homepage des ausrichtenden Senders SWR 3 nachzulesen, dem Künstler sei es ein Vergnügen gewesen, sich „mit intelligenten Menschen über Musik zu unterhalten und nicht darüber, ob ich Unterwäsche trage oder nicht“. Ach so, es ging um Musik, dann hat man ja nicht viel versäumt.

Was hätte man James Blunt, diesen freundlichen Engländer, der - und das will in diesen der Mitte verlustig gegangenen Zeiten nun wirklich etwas heißen - von seiner ersten Platte mehr als zwölf Millionen Stück verkauft hat, was hätte man den auch fragen wollen? Das findet auch Mauricio Alvarez-Dossmann von der Mainzer Stadtillustrierten „Frizz“: Er sei persönlich auch gar kein James-Blunt-Fan. Die am Handy zur Rede gestellte SWR-Dame scheint die Panne mehr zu ärgern als uns. Befürchtet sie negative Auswirkungen auf die James-Blunt-Berichterstattung?

Gewonnene Lebenszeit

Verpasste Pressekonferenz ist gewonnene Lebenszeit, so setzen wir uns, versehen mit einem großzügigen Zeitbudget, Richtung SWR-Komplex bergauf in Bewegung. Unterwegs fängt es so stark an zu regnen, dass wir uns vor einem Edeka-Laden unterstellen und uns zur Stärkung zwei leider recht warme Flaschen Schwarzwälder Rothaus-Pils kaufen, die wir vor dem Geschäft austrinken. Nun sieht die Sache schon ganz anders aus. Kurz vor Ladenschluss kommt der höchstens zwanzig Jahre alte Kassierer raus, und wir denken schon, der hält uns hier für obdachlose Alkoholiker: „Wenn Ihr noch eine Flasche wollt, müsst Ihr die jetzt kaufen. Wir machen gleich zu.“ Ja, wenn das so ist. Andererseits: Unsere Flaschen sind noch halb voll, der Regen hat auch aufgehört, also verzichten wir.

Vor dem Günter-Eich-Haus des SWR ist schon allerhand Auftrieb. Eigentlich ist es nicht so wichtig, aber dass man für den warmen Sekt zwei Euro bezahlen muss, wirkt irgendwie knauserig. Ist es dem SWR und der Plattenfirma Warner denn egal, wie die Leute sich auf einer Veranstaltung fühlen, bei der die „PR“ quasi aus allen Poren kommt? Ein Gläschen wäre ja wohl das Mindeste gewesen. Ein netter Herr händigt uns eine CD von der verpassten Pressekonferenz und einige Seiten zur neuen, jetzt gleich und selbstverständlich in einer Deutschland-Premiere live vorgestellten Platte „All The Lost Souls“aus.

Haut er, wenn's bimmelt?

Aber bevor wir mit unseren nunmehr vollständigen James-Blunt-Unterlagen in den Konzertsaal gehen dürfen, richtet die Moderatorin Stephanie Haiber das Wort an uns, das ist offenbar die Jugendherbergsmutter hier: keine Getränke mit reinnehmen, nicht Blitzen beim Fotografieren und unbedingt das Handy aus, „der Typ war mal bei der Army“. Ja, das stimmt, James Blunt war im Kosovo. Soll das heißen, dass er uns haut, wenn's bimmelt? So sieht er nicht gerade aus, wie man überhaupt sagen muss, dass James Blunts Schmuse-Image langsam eine Auffrisierung Richtung „verwegen“ vertragen könne. Der auf gepflegte Weise schmuddelig aussehende, aber überhaupt nicht unsympathische Mann, den man ohne Bart glatt mit Tom Cruise verwechseln könnte, ist einfach zu nett. Außerdem reißt er beim Singen die Augen auf, das wirkt schon mal absolut unarrogant.

Im Konzertsaal kommt dann nochmal die Herbergsmutter auf die Bühne: Um den Titel der Sendereihe „Hautnah“ schon vorher restlos einzulösen, wird James Blunt von ganz hinten, also quer durch die Menge einlaufen, bitte eine Gasse bilden. Und dann bittet sie um einen Sonderapplaus dafür, dass hier wieder einmal alles so „super geklappt“ habe. Alles geklappt? Na, die ist gut.

Besser als de Burgh

Da kommt James Blunt. Die Musiker trotten hinterher. Blunt hängt sich eine Akustikgitarre um und singt, nach einem balladigen Klavier-Intro, das uns an diesem Abend noch öfter begegnen wird, beherzt los: „Me and my guitar . . .“, das klingt schon mal ganz ordentlich. Das zweite Lied heißt „Annie“ und wird, wenn nicht in China ein Sack Reis umfällt, ein Schmatzfetzen werden, dem in den nächsten Wochen so leicht niemand entkommen wird. Dann der absolute Schmachtfetzen von vor zwei Jahren: „You're Beautiful“, im Grunde schon unhörbar, dieses Gejaule, und doch ein Popsong, wie er einem nicht alle Tage gelingt, wenn man es auf den Mainstream abgesehen hat und trotzdem Wert auf Qualität legt. Als dann „Shine On“, wieder von der neuen, am Freitag erscheinenden Platte kommt, hat man's endgültig raus: erst leise und langsam anfangen, am besten mit Klavier und Akustikgitarre (beides bedient Blunt an diesem Abend abwechselnd), dann steigern, bis hin zu druckvollen, ja, richtiggehend rockigen Ausbrüchen - fertig ist die Laube. Viel schlechter war Chris de Burgh auch nicht, aber eben doch schlechter.

James Blunt ist sicherlich kein großer Sänger; aber wie alle nicht großen Sänger macht er das wett mit eigenwilliger Phrasierung, die die Wörter mehr so zusammenquetscht, und dem Gespür dafür, dass man sich auf Lyrik, in der viel „goodbye“, „so long“ und „sorry“ gesagt wird, auch in den nächsten Jahren noch verlassen kann. Und er hat sehr gute Musiker an seiner Seite. Vor allem der Schlagzeuger sorgt dafür, dass der süffige, präzise Klang der vorab veröffentlichten Single live nicht nennenswert leidet. „1973“ heißt der Song, bei dem es auf den Gesang fast am wenigsten ankommt, der aber dank der ausgezeichneten Produktion schon Ohrwurmqualitäten entwickelt hat. 1973 - da war James Blunt noch gar nicht geboren. Seine Musik aber klingt akkurat wie aus jenem Jahr. Es war, weiß Gott, nicht das schlechteste in der Popgeschichte. Und so darf man James Blunt nun doch dazu gratulieren, dass er auch mit seiner neuen Platte nichts anbrennen lässt.



Text: F.A.Z., 12.09.2007, Nr. 212 / Seite 35
Bildmaterial: REUTERS

 
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