Von Max Nyffeler
01. Februar 2008 Rechtzeitig zum Messebeginn veröffentlichte die französische Tonträgerindustrie ihre neuesten Verkaufszahlen. Danach hat sich die Talfahrt der CD im Jahr 2007 geradlinig fortgesetzt: Der Verkauf ging um weitere siebzehn Prozent zurück, bei den Singles, die in direkter Konkurrenz zum Internet-Download stehen, sogar um 52 Prozent. Doch von Krise redete bei der Midem kaum noch jemand. Die schleichende Herabstufung der einst marktbeherrschenden CD zu einem Medium unter vielen wird emotionslos hingenommen, und alles wartet auf den großen Durchbruch im Online-Geschäft.
Langsam werden die Weichen dazu gestellt. Der schrittweise Verzicht der Majors auf den Kopierschutz per Digital Rights Management - Ende 2007 kündigte auch Warner an, sich vom verkaufshemmenden DRM zu verabschieden - und parallel dazu der Ausbau von Amazon zur Download-Plattform als Konkurrenz von iTunes dürften mittelfristig den Weg zum Massenmarkt ebenso ebnen wie die gegenwärtig diskutierte Anpassung des europäischen Urheberrechts.
Wie lässt sich ein Copyright-Desaster verhindern?
Die Kardinalfrage lautet: Wie lassen sich die riesigen Vorteile des Internets als Vertriebsmedium nutzen, ohne dass es zu einem Copyright-Desaster kommt? Während in den Roundtables die Juristen, Geschäftsführer und Labelmanager über globale Strategien berieten, wurden im Ausstellungsbereich bereits praktische Lösungen präsentiert. Sie funktionieren außerhalb der schwerfälligen Strukturen der Multis und benötigen einzig eine Software in der Art, wie sie nun das österreichische Miniunternehmen rebeat.com in Cannes vorstellte.
Nach Abschluss eines Vertrags kann hier jeder Autor mit ein paar Klicks seine Musiktitel in eine Datenbank einstellen, die wiederum mit den führenden Musikportalen vernetzt ist. Globale Verträge mit ihren Betreibern sichern den Rückfluss der Download-Gebühren. Die Provisionen halten sich im Rahmen, das ganze Abrechnungsverfahren ist automatisiert und so extrem kostengünstig.
Die Rechte von Autoren und Interpreten werden nicht nur von den vielgescholtenen Jugendlichen ohne Unrechtsbewusstsein oder den Piratenunternehmen aus Fernost untergraben. Das können auf ganz legale Weise auch ehrenwerte Unternehmen in unserer nächsten Umgebung tun. Darauf wies bei der Preisverleihung des Cannes Classical Award der Inhaber der schwedischen Firma BIS Records hin, als er die Auszeichnung zum Label des Jahres entgegennahm: Die europäischen Rundfunkanstalten diktierten bei ihren Musikproduktionen den Interpreten zunehmend Vertragsbedingungen, die eine vollumfängliche Abtretung der Rechte an der Aufnahme zum Inhalt hätten. Durch den Programmaustausch würden diese Aufnahmen dann beliebig oft und abgeltungsfrei gesendet - zum Nachteil nicht nur der Interpreten, sondern auch der um ihr Überleben kämpfenden unabhängigen CD-Labels, die gegen die mächtige Konkurrenz nicht mehr ankämen.
Die audiovisuelle Klassikproduktion expandiert
Ist die DVD das nächste Format, das vom Internet verschluckt wird? Die Frage stellt sich zumindest im Klassiksegment vorläufig nicht. Bei der Neuheitenschau der im Internationalen Musik- und Medienzentrum Wien zusammengeschlossenen Musikfilmproduzenten war jedenfalls nichts Derartiges zu hören. Ein Großteil der über dreihundert vorgestellten Neuerscheinungen wird über kurz oder lang auch als DVD erscheinen. Die audiovisuelle Klassikproduktion expandiert, auch wenn wegen des schrittweisen Rückzugs der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten aus den altbewährten Koproduktionsmodellen die Finanzierung schwieriger geworden ist. In die Lücke stoßen inzwischen vereinzelt private Investoren, die im Bereich des gehobenen Home Entertainments ein Zukunftspotential wittern.
Opernverfilmungen sind noch immer ein Kerngebiet der DVD, doch nicht alle sind so gelungen wie die wagemutige Produktion von Schostakowitschs Lady Macbeth von Mzensk in der Regie von Martin Kusej und der musikalischen Leitung von Mariss Jansons, die nun mit dem Cannes Classical Award ausgezeichnet wurde. Erkennbar ist eine Tendenz, von der bloßen Abbildfunktion wegzukommen und die Möglichkeiten des Mediums erzählerisch zu nutzen durch genuin filmische Aufnahme- und Schnitttechniken, Einbeziehung von Backstage-Perspektiven oder Zusatztracks, die oft auf hohem Niveau Erhellendes zu Werk und Interpretation beitragen. Das alles macht die DVD zu einem eigenständigen Informationsträger, der an ästhetische Neugierde und Intelligenz des Publikums appelliert.
Die neuen Musikfilme suchen die Nähe zum Publikum
Die Lust an der Erzählung zeigt sich besonders deutlich bei den Documentaries, deren Zahl stark gewachsen ist. Aufnahmen, die einen Künstler bei der Arbeit zeigen, werden angereichert mit dem Blick ins Private: Karajan zwischen Beethoven und Swimmingpool. Human Touch ist gefragt, gerade bei den Stars, deren Karriere immer kürzeren Vermarktungszyklen unterworfen ist. Noch 2007 etwa schien Roberto Villazón im Verein mit Anna Netrebko für dauernden Erfolg im Musikfilmgeschäft zu bürgen; in diesem Jahr wurde auf den öffentlichen Podien bereits wortreich sein Niedergang beklagt. Doch mit dem Enthusiasten Gustavo Dudamel steht schon der nächste Medienliebling bereit.
Die neuen Musikfilme suchen mit allen Mitteln die Nähe zum Publikum. An die Stelle des neutralen Off-Kommentars treten prominente Sprecher wie der Popmusiker Sting, der in Twin Spirits, einem englischen Film über Robert und Clara Schumann, Roberts Liebesbriefe liest, oder Armin Mueller-Stahl, der als Kommentator durch die exzellente Schostakowitsch-Dokumentation der Münchner Produktionsfirma Loft Music führt. Entertainment und pädagogischer Anspruch beginnen sich auf merkwürdige Weise zu überlagern.
Text: F.A.Z., 02.02.2008, Nr. 28 / Seite 36
Bildmaterial: AFP
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