Die „Kaiser Chiefs“ kommen zurück

Im Auge der Windmaschine

Von Klaus Ungerer

Wir sagen Aufstände voraus: Die “Kaiser Chiefs“ aus Leeds

Wir sagen Aufstände voraus: Die "Kaiser Chiefs" aus Leeds

16. Februar 2007 Es war ein Orkan. Die „Kaiser Chiefs“ bespielten Berlin, man hatte ihnen den Columbia Club angemietet, mit lediglich akademischer Verspätung betraten sie die Bühne, nachdem – wie es jetzt Mode ist unter den Bands dieser Größen- und Kleiderordnung – irgendein Vorspiel aus der Konserve sie angekündigt hatte. Und nun versuchten sie den Nachweis zu führen, es sei unbedingt notwendig, ihre neue Platte zu kaufen, welche so heiß zu sein scheint, dass sie Popredakteure in die Infotainment-Verzweiflung trieb: Es sei an keine Vorabexemplare zu kommen, weswegen man sich doch diesen Auftritt anschauen möge, zu welchem man immerhin eingeladen sei.

Botschaft: Wut

Also ließ man sich seine Eingeladenheit kühl auf der Kehle zergehen und nahm dabei kurz in Augenschein, welche Mitteilungen die „Kaiser Chiefs“ ihren Kunden aktuell auf die T-Shirts drucken lassen: gerne solche, welche von aufrichtiger, junger Lebenswut handeln. Neben dem Verfasser stand der leibhaftige Benny Beimer. War auch er eingeladen worden oder Teil der Einladung? Möglicherweise – man kann ja in keinen Menschen hineinsehen – hatte er auch Karten gekauft. Und der Orkan? Man hätte es für möglich gehalten, dass irgendwo ein Gebläse steht, eine Windmaschine, da man die dünnen Haare des „Kaiser Chiefs“-Schlagzeugers in der Manier eines „Europe“-Videos seit- und aufwärtswehen sah, eine Bewegtheit, die ganz offensichtlich nicht von seiner Trommeltätigkeit herrührte.

Rocken mit Zeigefinger

Doch war ebenjene Windmaschine nirgends ausmachen, allenthalben war nur das Standardprogramm zu sehen: bunt durchmischtes Publikum zwischen Akne- und Wickelproblemen, schlechte Frisuren auf der Bühne, welche nur durch schlimme Zauselbärte in die Schatten gestellt wurden, welche aber kaum recht zu Ende bedacht werden konnten, da eine immer öfter zu beobachtende Pose eingeordnet zu werden verlangte: Die Sänger dieser derzeitigen Matschsynthie-Tolerierer-Gitarrenbands, welche als die kommenden Stadionfüller gelten, diese Sänger haben eine Lieblingspose. Sie singen, wenn sie zur Sache kommen, mit einem emporgereckten Zeigefinger: Hiergeblieben, heißt das wohl, ich habe euch etwas zu singen – abzuwarten bleibt, wann die Fans ihrerseits massenhaft ihre Zeigefinger hochrecken werden, und ob das Ganze sich dann auf irgend vorteilhafte Weise synchronisieren lässt.

Fest steht immerhin, dass von den „Kaiser Chiefs“ eine neue Platte auf den Markt drängt, zu der es einem jeden Käufer überlassen bleibt, ob er sie im eigenen Wohnzimmer in Zeigefingerpose mitsingen oder sie doch an einen entfernten Bekannten verschenken möchte, dem man sonst halt nur eine Flasche Wein mitgebracht hätte und dem man dann stolz erzählen kann: Man sei dabei gewesen, wie diese Scheibe, die ja im Grunde noch echt geheim gewesen sei, dennoch in Berlin in einem Club vorgestellt worden sei, brutal voll sei es da gewesen, und der Benny Beimer, der habe echt ganz nett gewirkt eigentlich, aber der echte Kracher sei doch der Orkan gewesen.

Sound zum Klimawandel

Man habe nur durch die hinterste, geöffnete Saaltür hinaussteppen müssen ins seinerseits zur kalten Februarluft hin offene Foyer – und dort sei ein regelrechter Orkanwind vom überhitzten Saal nach draußen gezogen, wie ein Ausläufer des Klimawandels sei das gewesen, über den die „Kaiser Chiefs“ ruhig auch mal ein Zeigefingerlied singen sollten – also, echt durchs Foyer und durch die Haare und Röcke gefegt sei dieser Orkan, aber das hätten die meisten gar nicht mitbekommen, weil die halt alle im Saal geblieben seien, in der Musik beziehungsweise in der heißen Luft eben.

„Yours Truly, Angry Mob“ von den "Kaiser Chiefs" erscheint bei Polydor/Universal (1723584)



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Ellis Parinder/Universal

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