24. September 2008 Ein alter Stevie-Wonder-Witz geht so: Mister Wonder, macht es Ihnen eigentlich etwas aus, dass Sie blind sind?“ Der Musiker: Nein. Hauptsache, ich bin kein Schwarzer.“ Wie man ihn kennt, würde Stevie Wonder darüber selber womöglich am meisten lachen; vielleicht hat er die Anekdote sogar persönlich in die Welt gesetzt oder auf eine dumme Reporterfrage so geantwortet. Dieser Musiker mit dem bisweilen irritierend sonnigen Gemüt findet nichts dabei, sich über sein eigenes Handicap lustig zu machen.
Nun ist Stevie Wonder sicherlich nicht wieder auf Tournee gegangen – das erste Mal seit zwanzig Jahren, in Deutschland war er seit vierundzwanzig Jahren nicht mehr, also seit I Just Called to Say I Love You“, seinem kommerziellen Höhe-, künstlerisch aber eher Tiefpunkt –, um sich faule Witze anzuhören. Dass aber auch der Deutschland-Abschnitt, der nun in der komischerweise nicht ausverkauften Kölnarena begann, unter dem Motto A Wonder Summer’s Night“ steht, muss ein Versehen gewesen sein: Haben die Programmplaner noch nie etwas davon gehört, dass der deutsche Herbst in manchen Jahren auch vorgezogen wird?
Ganz Soulgenie
Es wurde einem dann aber doch sehr schnell warm ums Herz, als der Musiker am Arm seiner attraktiven, auch nicht mehr minderjährigen Tochter Aisha auf die Bühne kam, halb füllig gewordener Weltmusikweiser, halb oder sagen wir besser: ganz Soulgenie. Dass er sich kaum verändert hat, mag eben doch mit seiner Wandlungsfähigkeit und Bandbreite zu tun haben; dergleichen hält offenbar jung. Und so sieht Stevie Wonder heute noch fast genauso aus wie in den Siebzigern, die er beherrscht hat wie kein anderer: das Gesicht weich und mild, die Haare ohne Grautöne zu langen Dreadlocks geflochten. Und wie ein Kind, als wollte er Backe, backe Kuchen“ anstimmen, klatscht er in die Hände; die riesige Mundharmonika, auf der er nun ein Motiv des Songs That’s What Friends are for“ bläst, klingt klar und jungfräulich wie einst, als Little Stevie Wonder noch Grußadressen an Uncle Ray (Charles) schickte.
Dieser Auftakt, den Wonder mit lautmalerischem Sprechgesang vielleicht etwas zu sehr in die Länge zieht, bevor er in dem satten Soul-Sound der fünfzehnköpfigen Band ausgesprochen weich landet, verheißt den spielerischen Abend, der es über weite Strecken dann auch wurde und den nur ein durch und durch musikalischer Mensch wagt und hinbekommt wie dieser Achtundfünfzigjährige. Man wird an dieser zweieinviertelstündigen Darbietung Abstriche machen müssen – vor allem die Mitmach-Aktionen hätte man ruhig etwas straffen können –; aber was soll man sagen, wenn gleich als zweites Lied Master Blaster (Jammin’)“ kommt, dieser ungewöhnliche Reggae mit dem triftigen Gesang, Stevie Wonders letztes wirkliches Meisterwerk (1980)? Seine Stimme funktioniert so reibungslos, dass er, wie damals im Studio, nebenbei auch noch die übrigen Instrumente hätte bedienen können und nicht nur Keyboard, Synthesizer und das gute alte Hohner-Clavinet – im Kopf tat er dies sehr wahrscheinlich auch; als gelerntes Ein-Mann-Orchester mit schätzungsweise dreißig Händen wird er jede einzelne Note überwacht haben, auch wenn er sein Ray-Charles-Kopfwackeln inzwischen etwas reduziert hat.
Ein wirklich unerhörter drive
Man war an diesem Abend einer einzigartigen musikalischen Kraft ausgesetzt und konnte erleben, wie sehr die Neuerungen, für die Stevie Wonder seit seinem Eintritt in die völlige Unabhänigkeit von Motown 1971 stand, bis heute nachwirken. Seine alle Fesseln wie ein Kraftprotz sprengende und damals geradezu futuristisch anmutende Art zu komponieren, zu arrangieren und zu interpretieren, der Wechsel zwischen quecksilbriger Lebendigkeit und dunkleren, in sich gekehrten Balladentönen, der unerhörte drive, die jederzeit mit Überraschungen aufwartende Spielfreude – all dies wirkt heute so zwingend wie damals, als man ihm die Grammys nur so hinterherwarf.
Dazwischen allerdings gönnte er sich die eine oder andere Zeitschinderei, erzählte in fast zu intimer Mitteilsamkeit, wann er die Idee zu dieser Tournee hatte (jedenfalls nicht schon vor vierundzwanzig Jahren), ließ seine Tochter und einige andere Tänzer singen, die mit professioneller Dynamik arbeitenden Musiker Soli spielen und rief zu guter Letzt auch noch dazu auf, Barack Obama irgendwie zu unterstützen. Man sollte indes vorsichtig damit sein, solche Einlagen auf das Konto eines mit normalen Maßstäben nicht zu messenden, aber nun, im reiferen Alter, eben auch schon ein wenig tüddelig-verspielten Mannes zu halten, vor dem man keinen Respekt mehr zu haben braucht.
Die anhaltende Bedeutung Stevie Wonders, die in der Synthese aus Liebe (in jeder Spielart) und einem sozial-ethnischen Engagement liegt, das im Zweifelsfall nicht mit sich spaßen lässt, war auch in den schwächeren Momenten dieses Konzerts spürbar; die gute Laune ist nur ein Teil davon und sicher nicht der entscheidende. Erst in der zweiten Hälfte gab er sein wirklich Bestes und damit alles: den verkappten Jazz von I Wish“ mit den stechenden Bläsern, den leidenden Funk von Living for the City“, die treibenden ganz alten Klassiker Signed, Sealed, Dilivered“ und For Once in My Life“, den überwältigend spaßigen Sir Duke“ und schließlich, als Höhepunkt, Superstition“; mit diesem Blockbuster blies der blinde Mann wie ein Riese durch die Halle.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Thomas Brill