Von Richard Kämmerlings
29. August 2006 Die Musikbranche glaubt gern an Wunder. Worauf hat man nach den gigantischen Umsatzeinbrüchen seit den späten Neunzigern nicht alles seine Hoffnung gesetzt - auf Musikportale im Netz, auf Kopierschutz und Schulhofrazzien, auf Cross-Marketing und Superstarwahlen und schließlich, als letzte Wunderwaffe, auf Klingeltöne. Warum es also nicht einmal mit Massagen probieren? Gleich hinter dem Eingang der Kölner Popmesse c/o Pop stößt der Besucher auf das Angebot: Gehetzt, genervt, verspannt - relaxt auf den Masssagestuhl! Die Minute für achtzig Cent. Das ist billiger als ein Download bei I-Tunes, aber vermutlich für den pfiffigen Anbieter um einiges ertragreicher.
Denn auch in der vermeintlich so hippen Popbranche arbeiten überwiegend Schreibtischtäter; vor typischen Bürokrankheiten bleibt auch der Betreiber des coolsten Labels nicht verschont, wenn er sich die Nächte und die Demo-Tapes in Selbstausbeutung um die Ohren schlägt. Kampf dem Schreibtisch-Krampf - Überleben im Büroalltag hat die c/o Pop passenderweise ebenso im Workshop-Angebot wie Work-Life Balance - Modethema oder sinnvolle Perspektive. Das mag man sich bei vielem fragen, was in der Branche an Rettungsringen herumgereicht wird.
Grabrede auf die Plattenindustrie
Während man in der imposant-feudalen Festivalzentrale in der ehemaligen Bundesbahndirektion am Rheinufer die Sorgen über Nacht mit DJ-Stars wie Laurent Garnier wegfeierte, herrschte tagsüber auf den Podien entsprechende Katerstimmung. Die großen Visionen der späten Neunziger, als man noch glaubte, aus dem Internet eine Gelddruckmaschine zu machen, sind lange verflogen: Zwar boomt das Netz, ob in Variante 1 oder 2. Musik ist überall zu kriegen, die Frage ist nur, wer damit noch irgendeinen Heller verdient. Die Musiker kaum, die Plattenfirmen definitiv nicht. Am meisten wahrscheinlich die Hersteller von CD-Brennern.
Vertreter benachbarter Branchen sehen das illusionslos. Karl Heinz Pütz, Chef der Hörbuchsparte von Random House, verglich auf einem Thinktank-Podium die Plattenfirmen mit der Nähmaschinenindustrie. Die habe auch einmal ihre ganz große Zeit gehabt, doch dann hätten die Leute auf einmal aufgehört, zu Hause ihre Kleider zu nähen. Diese Grabrede wollte Christopher Gersten von Universal als Vertreter der Major Labels natürlich so nicht stehenlassen - aber ein wirklich überzeugendes Geschäftsmodell für das digitale Zeitalter hatte niemand anzubieten. Von der Musikpiraterie einmal abgesehen, sind auch die legalen Downloads wie bei I-Tunes oder Musicload schlicht zu billig; der ganze Apparat der Plattenfirmen von der Talentsuche über die Produktion bis zum Marketing ist damit nicht zu finanzieren. Auf Dauer wird das zu Lasten der Qualität gehen - natürlich nicht bei Garagenbands, aber jedenfalls im Mainstream.
Magnetwirkung von Deutschpop
Ökologische Nischen sind angesichts der Katastrophe im Vorteil. Die Szene der elektronischen Musik, in Köln seit Stockhausens Pioniertaten traditionell stark vertreten, präsentiert sich in den weitläufigen Bürofluchten des Festivalzentrums gewohnt minimalistisch; meist kreist in leeren, karg dekorierten Räumen irgendwo eine Vinylplatte. Ein bißchen erinnert das an einen Kunsthochschulrundgang, alles sehr arty, und im Vergleich etwa zur schroffen und schrulligen Leipziger Popup, dem lärmigen Indierock-Pendant, geradezu gut erzogen und sophisticated. In einem Lichtraum kann man sich auf einem langgezogenen Federbett lümmeln, das ein bißchen wie eine Installation von Tracy Emin wirkt, daneben gibt es sogar eine Weinlounge mit ausgesuchten Tropfen. Edel geht auch die Popwelt zugrunde.
Daß man aber mit elektronischer Musik, wie lebendig und innovativ sie auch sei, selbst in Köln nur ein begrenztes Publikum erreicht, haben auch die Organisatoren begriffen. Im begleitenden Konzertprogramm setzte man immer schon auf die Magnetwirkung von Deutschpop und Rock, in diesem Jahr unter anderen auf die Abräumer Bela B. und Jan Delay. Diese Monsters of Spex im Open-Air des Jugendparks auf der anderen Rheinseite war leider in diesem Jahr zu verkühlt und verregnet, um dem Branchenklima ein Zwischenhoch zu verschaffen. Da fiel es schwer, die drei unverdrossen im Platzregen auftretenden Retromädchen von The Pipettes in ihren gepunkteten Petticoats nicht für symbolisch zu halten. Die Branche denkt sich allerhand Hübsches aus: Warum nicht einmal den Sechziger-Jahre-Sha-la-la-Girlspop wieder auf die Rampe schicken? Doch dann lockt man damit nicht einmal die Popfeuilletonisten-Schar hinter dem Ofen hervor.
Das Paradoxe an der gegenwärtigen Situtation ist, daß es gerade in den verschiedensten Sparten populärer Musik ein rasant wachsendes Überangebot an spannender, frischer und durchaus auch experimentierfreudiger Musik gibt. Das Internet hat die lokalen Szenen aufgebrochen; was im letzten Heimstudiowinkel produziert wird, kann weltweit sein, wenn auch noch so kleines Publikum suchen. Nur findet der Markt keine Mittel und Wege mehr, die Beziehungen zwischen Künstler und Hörer auf ökonomisch sinnvolle Weise zu kanalisieren. Das gleiche passiert mit der Pop-Kritik, deren Filterfunktion angesichts des Überangebots wieder wichtiger wird, für die aber auch niemand Geld bezahlen will. Auch da bieten das Netz und kostenlose Musikmagazine alles zum Nulltarif. Ganze Richtungen des Pop träumten und träumen immer noch vom Ende des Kapitalismus. Bald ist es da, anders als gedacht: Man darf einfach nicht mehr mitspielen. Der Markt ist tot, leider ist es vorerst nur der eigene.
Text: F.A.Z., 29.08.2006, Nr. 200 / Seite 33
Bildmaterial: Marcus Kaufhold, Universal Music
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