Von Andreas Rosenfelder
16. Mai 2005 Wie ein obszönes Werk lesen sich Udo Lindenbergs Stasi-Akten nicht gerade. Auf dem Formblatt für die Personenbeschreibung hat der Beamte nicht etwa ansprechend unterstrichen, sondern durchschnittlich aussehend - ein hartes Urteil für einen Rockstar.
Noch ungnädiger die musikalische Einschätzung: Die Prüfung der Künstleragentur der DDR hat ergeben, daß Lindenberg ein mittelmäßiger Schlagersänger der BRD ist, an dem kein Interesse besteht. Nur ein Mitarbeiter bringt Lindenbergs ausschweifendes Wesen auf einen altmodischen, aber kraftvollen Begriff: Der Mann selbst ist ein Strolch, anders kann man ihn nicht bezeichnen.
Glaubwürdige Flegeljahre
Tatsächlich gibt es wohl keinen deutschen Rocker, auf den dieses fast schon poetische Attribut so zuträfe wie auf Lindenberg. Kein Niedecken, kein Westernhagen, erst recht kein Maffay oder Klaus Meine hat halbwegs glaubwürdige Flegeljahre vorzuweisen, auch wenn Lindenberg natürlich längst zu diesem Klub staatstragender und mit Kanzlern befreundeter Popschaffender gehört und insofern nicht zufällig mit einer Sonderausstellung im Bonner Haus der Geschichte gelandet ist.
Allerdings hörte die Pubertät des Dauerhotelgasts, dessen Lebenswerk ähnlich wie das seines alten Hamburger WG-Genossen Otto Waalkes in ein genialisches Frühwerk und ein mit Ausnahmen eher flaches Spätwerk zerfällt, nie wirklich auf. Deutlichstes Zeichen dafür ist der von Lindenberg kultivierte Privatjargon, der an ein zerfleddertes Jugendsprache-Lexikon erinnert und doch auf eigenen Sprachschöpfungen im Geiste von Erika Fuchs basiert. So wendet er sich beim Eröffnungskonzert mit dem Panik-Orchester angesichts der schrägen Weltlage gegen Sülzolin - und beweist mit der lustigen Formel zugleich, daß die Poetik bei ihm noch vor der Politik rangiert.
Was mach ich bloß mit Kati?
Leider tritt Lindenbergs Dichten, das ihm einen Seitenplatz in der deutschen Ideengeschichte sichern müßte, in Bonn ganz hinter den Symbolen zurück. Allein ein Taschenkalender von 1972, im Museum natürlich am Schicksalsfeiertag des 17. Juni aufgeschlagen, gibt Einblick in seinen Bewußtseinsstrom: Was mach ich denn bloß mit Kati? Die Totale oder das Arrangement?
Die Geschichte des 1946 in Gronau geborenen Schlagzeugers, der mit Klaus Doldingers Passport den Trommelwirbel aus dem Tatort-Vorspann einspielte, rückt weder als Totale noch als Arrangement in den Blick. Privates kommt fast nur gespiegelt in den Stasi-Akten vor, die als kopierte Ordner ausliegen, dazu in einigen Ausrissen aus Boulevardzeitungen, denen Lindenberg sein wildes Leben auf dem Hamburger Kiez beichtete.
Keine Angst vor Erotik
Ihre Weihen zieht die Ausstellung aus seiner womöglich etwas hochgehängter Rolle im Einheitsprozeß - dokumentiert durch seinen Briefwechsel mit Erich Honecker (Ich hab mich sooooo gefreut!), die geschenkte Motorradjacke und die im Gegenzug erhaltene Schalmei mit FDJ-Gravur. Außerdem zeugen zahlreiche Plakate von Lindenbergs Engagement für die Friedensbewegung und gegen Rechtsradikalismus. Daß die Polithymne Bunte Republik Deutschland von 1989 zu seinen nervigsten Stücken gehört und in unsterblichen Songs wie Alles klar auf der Andrea Doria von 1973 ein oft absurder Humor regiert, fällt in der historisierenden Ausstellung unter den Tisch oder geht unter in unfreiwillig komischen Floskeln wie Mitunter fürchtet er derbe Erotik nicht.
Neben Plattencovern und einigen nichtssagenden Reliquien wie einem Nietenarmband tritt auch der naive Maler Lindenberg in Erscheinung, der mit selbstironischen Udogrammen und an der Hotelbar gepinselten Likörellen eigene Genres schuf. Während die cartoonhaften Zeichnungen manchmal noch von passablen Wortspielen wie Highlige Schrift getragen werden, bieten die Quadriga mit Reichstagskuppel oder das riesige Tryptichon Der Panikpräsident, das einen Comic-Udo mit Hut und Sonnenbrille vor dem Bundestag zeigt, mißratene Staatskunst. Nur einem staatlich geprüften Strolch verzeiht man solche Peinlichkeiten.
Bis 29. Mai im Bonner Haus der Geschichte.
Text: F.A.Z., 14.05.2005, Nr. 111 / Seite 35
Bildmaterial: Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, M.Jensch/A.Thünker, Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Michael Jensch, Axel Thünker, Udo Lindenberg, Udo Lindenberg; Foto: Tine Acke, Zeitgeschichtliches Forum Leipzig
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