Cyndi Lauper

Danke für diesen Raubzug

Von Andreas Platthaus

Ach, wer ist denn da? Cyndi Lauper ist wieder aufgetaucht

Ach, wer ist denn da? Cyndi Lauper ist wieder aufgetaucht

06. September 2008 Ihre erste Platte vor einem Vierteljahrhundert hieß „She’s so Unusual“, und weiß Gott, das war sie. Cyndi Lauper brachte eine Quengelstimme mit, die Joni Mitchell wie eine Operndiva klingen ließ. Und im Video zu „Girls just want to have fun“, einer Hymne des hedonistischen Jahrzehnts, fegte die Sängerin in weiten Petticoats erst durch die spießige elterliche Wohnung, dann mit einer multikulturellen Mädchen-Gang marodierend durch die Straßen ihrer Heimatstadt New York.

Eine neue Cyndi Lauper

Doch im Inneren dieser damals immerhin auch schon dreißigjährigen Krawallschachtel steckte eine Komponistin von seltener Reife: Zwei der drei Titel, die sie für ihr Solo-Debüt selbst schrieb, zählen zu den Höhepunkten der Popmusik. „She Bop“ ist ein mittels Stimme dekonstruiertes Melodiewunder, das noch heute mitreißt, und die Ballade „Time after time“ wurde durch Miles Davis bereits zwei Jahre später zum Jazz-Standard geadelt, als er mit untrüglichem Gespür in dem banalen Original-Arrangement einen kommenden Klassiker erkannte und ihn für sein Album „You’re Under Arrest“ einspielte.

Dann wurde es stiller und stiller um Cyndi Lauper, obwohl in größeren Abständen immer noch neue Platten erschienen, insgesamt acht. Und dann kam im Mai dieses Jahres erst in Japan, danach in den Vereinigten Staaten „Bring Ya to the Brink“ heraus, das neue Album einer neuen Cyndi Lauper, das nun endlich auch in Deutschland erhältlich ist (Sony BMG 88697065922). Und man kann nur sagen: Es ist großartig. Das haben allerdings schon recht viele gemerkt.

Ikone des homosexuellen Publikums

Vorgestern war die Platte in mehreren Frankfurter Fachgeschäften ausverkauft. Oder ausgeklaut, denn das wäre angemessen, wo doch auch Cyndi Lauper selbst auf Raubzug ausgegangen ist. Sie hat reiche Beute heimgebracht von ihren Plünderungen in den Königreichen des Dancefloors. Schon die Typographie des Namensschriftzugs auf dem Cover ist bei „Village People“ geklaut – wie es Madonna bei ihrem Album „Confessions on the Dancefloor“ vorgemacht hatte. Überhaupt Madonna: Zusammen mit den Pet Shop Boys ist sie die hörbare Hausheilige von Cyndi Lauper geworden, was so weit führt, dass „Grab a hold“ eine unverschämt dreiste Variation auf „Like a virgin“ geworden ist – bis hin zur Phrasierung und zu den legendären Synthie-Bassläufen, die Nile Rodgers damals aus der schwulen Musiksubkultur in die Hitparaden eingeführt hatte.

Cyndi Lauper hat sich ihre Vorbilder mit Bedacht ausgesucht. Sie hat sich über die Jahre selbst zu einer Ikone des homosexuellen Publikums entwickelt – obwohl sie Mann und Kind zu Hause hat. Aber fast jedes der neuen Stücke, die diesmal bis auf eines sämtlich aus eigner Feder stammen, hätte im Studio 54 zum Einsatz kommen können – und doch ist es Cyndi Lauper gelungen, absolut modern zu klingen, selbst wenn sie bereits im Auftaktstück rhythmisch und textlich „Missionary man“ von den Eurythmics zitiert (um einmal einen etwas höflicheren Begriff zu gebrauchen). Aber legt eine Diebin, die sich selbst im letzten Lied „Rain on me“ als robber in the dark charakterisiert, Wert auf Höflichkeiten? Und weiß Gott, das ist sie.

Am 1. November 2008 spielt Cyndi Lauper im E-Werk in Köln.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, Lori Seid

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Cyndi Lauper beim Fotoshoot zu ihrem aktuellen Album “Bring Ya to the Brink“Girls just want to have fun...Fast alle neuen Stücke hat Cyndi Lauper selbst geschriebenDiebin im Dunkeln Ihren Petticoat hat sie ganz hinten im Kleiderschrank vergrabenEs ist ihr gelungen, absolut modern zu klingenSchon bei ihrem Durchbruch war sie 30 Jahre alt - doch man merkt ihr die Jahre nicht anAusdrucksstark in der Radio Music Hall in ihrer Heimatstadt New York im Juni 2008