Nancy Sinatra

Baby, komm zurück zu ihr

Von Edo Reents

19. Oktober 2004 Eine neue Platte von Nancy Sinatra? Warum nicht? Wenn Feministinnen Literaturnobelpreise kriegen, dann sollte sich auch die "wahre Mutter des weiblichen Rock" zu Wort melden dürfen.

Daß das "Rock City Magazin" sie einmal so bezeichnete, geschah in Ermangelung treffenderer Epitheta. Genausogut und etwas weiter ausgreifend hätte man sie die wahre Mutter aller weiblichen Unterhaltungskünstler (nach Mae West) nennen können. Als singende Schauspielerin und schauspielernde Sängerin hatte sie eine Zeitlang soviel zu tun, daß niemand sehr genau darauf achtete, ob sie das eine oder wenigstens das andere wirklich beherrschte.

Wegen ihr sah man Elvis-Filme

Das mag auch mit ihrem Aussehen zu tun haben, das in vierundsechzig Jahren nicht nennenswert gelitten hat und allein schon ein Grund war, sich einen albernen Elvis-Presley-Film wie "Speedway" anzusehen oder eine Platte wie "These Boots Are Made For Walking" zu kaufen - war doch Nancy Sinatra drin beziehungsweise vorne drauf. Wobei man sagen muß, daß der "Boots"-Song, den sie mit Lee Hazlewood zum besten gab, den Frauen vermutlich mehr Mut machte als das, was Brigitte Bardot und Jane Birkin zur selben Zeit sangen und hauptsächlich trieben.

1961 nahm die Zwanzigjährige ihre erste Platte auf Im Juni 2004 in Zürich 1967 bei einem Konzert vor amerikanischen Soldaten in Vietnam Mein Vater, das Denkmal: Nancy (r.) mit ihrer Tochter A.J. Lambert bei der Ei... 1966 in London Das erste öffentliche Duett mit dem Vater: 1955 in der University High School...

"I'm gonna walk all over you": Nancy Sinatra konnte das den Männern deshalb so überzeugend in Aussicht stellen, weil sie es so anstrengungslos tat, ganz im Vertrauen darauf, daß mit irgendwelcher Gegenwehr sowieso nicht zu rechnen war. Sie war, vermutlich noch mehr als Ann-Margret, die Synthese aus Unschuld und Sex-Appeal, Lässigkeit und einer Durchtriebenheit, die sich ihrer Wirkung vermutlich nicht in jeder Lebenslage bewußt war.

Gut gemacht, Kind

Deswegen gehört es sich auch nicht, zu fragen, ob ihre neue, unbetitelte Platte, die erste seit fast zehn Jahren, auch preisgesangswürdig ist. Man muß da Kavalier sein. "Nancy Sinatra" ist in erster Linie ein Ereignis, dem von vornherein mit Respekt zu begegnen ist, und lebte ihr Vater noch, dann würde der sich einen Whiskey nachgießen und sagen "Gut gemacht, Kind!" Denn die Platte hält so ziemlich alles bereit, was hinwegtröstet über die Tatsache, daß der Feminismus, den sie in der Popmusik (unbeabsichtigt?) hoffähig gemacht hat, außer ihr eigentlich nur noch in Cher eine sympathisch-souveräne Vertreterin gefunden hat.

Das neue Werk hat sie allerdings nicht alleine gestemmt, die Liste der Mitwirkenden - außer Tochter AJ Azzarto und Schwiegersohn Matt - ist im Grunde ein wenig zuviel des Guten. Aber diese Dame muß eben nur auf den Fingern pfeifen, und schon ... Und doch ist es ganz Nancy Sinatras Platte - wenn ein Rinderbaron seine Herde von Cowboys zusammentreiben läßt, käme man ja auch nicht auf die Idee, die Cowboys zu deren Besitzern zu erklären.

Es begann mit Morrissey

Alles hatte damit angefangen, daß Morrissey das Lied "Let Me Kiss You" geschrieben hat, extra für Nancy, und wohl glaubte, ihr mehr als mütterliche Gefühle entlocken zu können. Es ist ein etwas bitteres, verschwiemeltes Lied geworden, doch als Vorab-Single, die die Leute auf sinatramäßige Betriebstemperatur bringen würde, taugte das allemal. Zur Sache geht's dann mit anderen.

Fangen wir mit den Amerikanern an: Pete Yorn verhilft ihr mit "Don't Mean Nothing" zu solidem Songwriterskiffle, Steven Van Zandt kitzelt in "Baby Please Don't Go" übermütige Rockromantik im Geiste Springsteens aus ihr heraus, Jon Spencer treibt sie in "Ain't No Easy Way" mit seiner Gitarre in gutgelaunten Blues, und die Männer von "Calexico" assistieren ihr in "Burnin' Down The Spark", flirrender südwestamerikanischer Folk.

Erstklassiger Steigbügelhalter

Interessanterweise kommt die Zusammenarbeit mit den ebenfalls reichlich vorhandenen britischen Gentlemen zu stimmigeren Ergebnissen. Das klingt dann alles sehr passend und stilsicher. Pete Thomas zum Beispiel, sonst Schlagzeuger bei Elvis Costello, ist dieser außergewöhnlichen Amazone ein erstklassiger Steigbügelhalter: "About A Fire" hat den knarzenden, latent clubhaften, also recht modernen Sound, den Costello auf seiner vorvorletzten Platte bot und der auch Nancy Sinatra gut zu Gesicht steht.

Doch am besten sitzt das Korsett, wenn Jarvis Cocker (von "Pulp") es ihr schnürt: "Don't Let Him Waste Your Time" ist unverbissener, selbstbewußter Frauenpop, fast feierlich vorgetragen von einer, die weiß, was Zeit- und Männerverschwendung ist. Noch schöner dann der zweite Cocker-Song, der das Ganze in sein Gegenteil verkehrt: "Baby's Coming Back To Me", eine majestätische Ballade, die, als altersweises Bekenntnis zum Idyll, das durch eine alte Sehnsucht zugleich verdüstert und aufgehellt wird, auch von der sechs Jahre älteren Loretta Lynn stammen könnte: "Outside there's children laughing, the radio plays my favourite song, the sun is shining ..." Was will man mehr?

Der Country ist immer noch stark in Nancy Sinatra, das merkt man jetzt wieder. Sie geht mit großer Ruhe zu Werke und singt die Songs stimmlich nicht aus (was ihr auch nicht zu empfehlen wäre), sondern hält sich an die Maxime des wohl größten aller Neoromantiker, Willy DeVille: Nie zum Äußersten gehen! Das hilft.

Nancy Sinatra, ohne Titel. Sanctuary Records 302.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.10.2004, Nr. 244 / Seite 34
Bildmaterial: AP

 
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