Von Richard Kämmerlings, Vancouver
29. Mai 2007 Mit Dinosauriern hatten sie es immer schon. In Synchronicity“, dem zweiteiligen Titelstück ihrer fünften und letzten Platte von 1983 singt Sting von einem urzeitlichen Monster, das auf dem Grunde eines schottischen Sees nach seiner eigenen Zeitrechnung lebt. Haben The Police“ nach ihrer Auflösung etwa auch heimlich und unbemerkt weiterexistiert, als verborgenes, lauerndes Rockreptil, während ihr Sänger eine kuriose Evolution zum seriösen Tonsetzer und belächelten Kuschelrocker durchlief? War das aus der Zeit gefallene Urviech durch Abtauchen vor aller Mutation geschützt, während die Popkultur an der Oberfläche immer neue Wellen von Elektronisierung und Digitalisierung ergehen lassen musste bis zur gleichzeitigen Präsens aller erdenklichen Stile und Codes?
Im Posthistoire des Pop ist alles immer da. Nun taucht auch das Monster wieder auf, und siehe da: Es ist kein bloßes Selbstzitat, sondern immer noch gefährlich. Nach fast einem Vierteljahrhundert haben sich The Police“ wiedervereinigt; mit dem Auftaktkonzert ihrer Welttournee Vancouver ist offiziell ein neuer Anfang gemacht. Pop- und Bandgeschichte sind wieder im Gleichtakt. Nun kann es im Präsens weitergehen.
Kaltstart mit Flaschenpost
Drei Männer betreten die Bühne des General Motors Place“, und noch bevor die gut zwanzigtausend Zuschauer in der ausverkauften Sporthalle überhaupt jubeln können, fallen die drei im Handumdrehen in Message in a Bottle“: jene vier berühmten, von Andy Summers effektvoll zerlegten Gitarrenakkorde, das zugleich knüppelnde und tänzelnde Schlagzeug Stewart Copelands mit der trockensten Snare-Drum aller Zeiten, Stings markanten Basslauf und die kaum nachsingbare Melodie: Just a castaway / an island lost at sea-oh / another lonely day / no-one here but me-oh“.
Schon in diesem Auftakt, jener Robinsonade von 1979, ist alles enthalten, was dieses Trio ausmacht: ein kreolisch-karibisches Gespür für die atmosphärische Qualität von Rhythmen, ein kühler, fast minimalistischer New-Wave-Sound ganz ohne jede Elektronik, eingängige, aber nicht simple Verse und Melodien. In ihren besten Stücken fallen Form und Inhalt zusammen: So wie Message in a Bottle“ würde es tatsächlich klingen, wenn sich Robinson Crusoe ein Tonstudio neben seiner Hütte gezimmert hätte.
Perfektes Zusammenspiel, wenig Rockstargetue
Die drei sind sichtlich guter Dinge; vor allem Summers und Copeland freuen sich wie die Schneekönige über ihr Comeback im Rampenlicht. Es gibt keine Begleitmusiker, keine große Show, kaum Ansagen, außer der üblichen Mitsinganimation wenig Rockstargetue, einfach drei Musiker in perfektem und lustvollem Zusammenspiel. Andy Summers sieht man sein Alter deutlich an, er wirkt nach einigen Songs schon ziemlich geschafft, dabei konzentriert er sich nur vollkommen auf sein exzentrisches Spiel, das Akkordfolgen subtil zerlegt und umspielt, Soli als Begleitung einsetzt und dem Bandsound die Schärfe und Härte von Postpunk gibt.
Sting hat seine jüngsten Ausflüge in die elisabethanische Lautenmusik offenbar als Jungbrunnen genutzt, er ist ein dynamischer Frontman ohne das Paradiesvogelhafte, das er mal hatte. Das Kreischen und Schreien der frühen Stücke hat er ersetzt durch eine volle, ausdrucksstarke, teilweise auch eine ganze Oktave tiefer gelegte Intonation. Für einige Songs passt seine Stimme sogar besser, als würde er heute erst ihre Frühreife physisch eingeholt haben: When the World is Running Down You Make the Best of What’s Still Around“ könnte auch als Motto über der Tour stehen: Wenn die Welt den Bach runtergeht, machen wir das Beste aus den Resten.
Beim Schlagzeug sind sie ornamental und barock
Die eigentliche Sensation aber ist Stewart Copeland. Mit Brille, Radfahrertrikot, Lederhandschuhen und Schweißband wirkt er wie ein gerade aus dem Höhentraining zurückgekehrter Leistungssportler, und wie gedopt hämmert er sich auch durch seine Sprints und Bergetappen, bei denen zwischendurch auch noch Einrad-Akrobatik drin ist. Es ist einfach unglaublich, in welchen kleinsten Lücken er noch zischelnde und knackende Zierelemente unterbringt: Beim Schlagzeug sind die sonst so kargen Police“ ornamental und barock. Zugleich gibt der Vollprofi auch noch den Animateur und Clown; hinter dem Schlagzeug wird für Wrapped Around Your Finger“ ein ganzes Instrumentenmuseum mit inklusive Mammutgong aus dem Boden gefahren. Auch bei der ersten Zugabe King of Pain“ spurtet Copeland zwischen den Drums und seinem Schlagwerkpark hin und her und haut trotzdem pünktlich zur Eins voll auf die Zwölf. Welcome to this one man show“ – allein die ist das Eintrittsgeld wert.
Die Songauswahl überrascht wenig, ist aber doch überzeugend. Obwohl sie keinen Hit auslassen – von Roxanne“ über Every Little Thing She Does is Magic“ bis zum unvermeidlichen Every Breath You Take“ als vorletzter Zugabe –, entsteht nie der Eindruck einer reinen Single-Parade. So werden auch weniger bekannte Sachen wie The Bed’s Too Big Without You“ oder das jazzige Murder by Numbers“ eingestreut. Andere Stücke haben sich in der Zwischenzeit wie von alleine weiterentwickelt, in den Tiefen von Loch Ness sozusagen: Spirits in the Material World“ oder die Lolita-Geschichte Don’t Stand So Close to Me“ sind stärker geworden.
Es ist genau umgekehrt wie bei anderen alten Bands
Kritiker der Wiedervereinigung haben vorweg behauptet, aus dem geringen Einfluss auf die stilistischen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte könne man auf die Belanglosigkeit des Individualstils schließen, auf einen letztlich unoriginellen Eklektizismus. Gerade live kann man erkennen: Es gibt auch Größe, die deswegen nicht wirkt“, weil sie zu groß ist. Walking in Your Footsteps“ besingt die Spuren der Dinosaurier, in deren Fußstapfen man bei aller Faszination auch nicht treten kann. The Police“ sind in allen Teilen und erst recht als Ganzes nicht zu kopieren oder gar weiterzuentwickeln, höchstens, und das ist Arbeit genug, von sich selbst.
Auf den Stühlen hatte es schon beim Kaltstart kaum jemanden gehalten; das Bewusstsein, Zeuge einer Sternstunde zu sein, verließ das Publikum nicht mehr. Als letzte Zugabe, überraschend, der schwere Rocker Next To You“, das erste Stück vom ersten Album. Zunächst langsamer als im wilden Original, fast wie eine Born To Be Wild“-Parodie gespielt, verdoppelt Copeland am Ende das Tempo, als wolle er demonstrieren, dass diese Band immer noch alle ungespitzt in den Boden rammen kann. The Police“ sind wieder da, und das heißt mehr als nur anwesend. Es ist genau umgekehrt wie bei anderen alten Bands: Neue Stücke gibt es nicht, trotzdem geht es um alles andere als Nostalgie oder eine sentimentale Reise in die goldenen Achtziger. Die Musik von The Police“ ist so aktuell wie nur denkbar. Ihre Rückkehr wird Spuren hinterlassen.
The Police kommen im Herbst auch nach Deutschland. Sie spielen am 11. September in Hamburg, am 22. September in München, am 10. Oktober in Mannheim und am 13. Oktober in Düsseldorf.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, dpa