Popmusik

Totgesagte singen länger

Von Edo Reents

04. Mai 2008 Der 10. April 1970 ist der Tag, an dem die Popmusik ihre Unschuld verlor. Damals machte Paul McCartney öffentlich, was sich schon lange abgezeichnet hatte, aber dennoch für viele als ein Schock kam: das Ende der Beatles. Es war, obwohl es dabei keine persönlichen Verluste zu beklagen gab, ein trauriges Datum für die Popgeschichte, nicht weniger einschneidend als all die prominenten Todesfälle.

Fast vier Jahrzehnte später scheint der Tod in der Popmusik besiegt: Bands, die sich aufgelöst hatten, erstehen gemeinsam wieder auf, finden zusammen, auch wenn sie noch so zerstritten waren oder noch so oft verkündet hatten, eine Wiedervereinigung komme für sie nicht in Frage. Selbst das Ableben eines wichtigen Bandmitglieds ist kein Hindernis. Sänger, die erklärt hatten, nie wieder auftreten, ja überhaupt keine Musik mehr machen zu wollen, kehren aus der Versenkung zurück und machen Platten.

Selbst Tote erstehen wieder auf

Eingeleitet wurde diese Entwicklung von einer Beatles-Platte in den neunziger Jahren, als man John Lennon für das Lied "Free as a Bird" aus dem Jenseits zuschaltete und, mit kräftiger Unterstüzung der Firma EMI, den Anschein zu erwecken versuchte, die vier seien nun wieder glücklich vereint. George Harrisons Witz, man werde nicht wieder zusammenkommen, solange John Lennon tot sei, wurde von einer gewaltigen Wiederaufbereitungsmaschine, die Künstler und deren Werk gleichermaßen erfasst, widerlegt.

Und so leben wir heute wieder im Zeitalter von Cream, den Doors, den Eagles, den Stooges, Simon & Garfunkel, Cat Stevens, The Who, Police, Genesis und Queen. Sogar eine Band, die der Versuchung zur Rückkehr am hartnäckigsten und vermutlich auch aus guten Gründen widerstand, Led Zeppelin, gab vergangenes Jahr in London wieder ein Konzert. Es ist wieder der April 1970.

Ist nicht auch die Wiedervereinigung der Bands ein Verrat?

Einige unter diesen Bands leben gewissermaßen im Zustand dauernder Wiedervereinigung, bringen viel altes und wenig neues Material heraus und gehen alle paar Jahre auf Tournee. Daran hat man sich dermaßen gewöhnt, dass man kaum noch merkt, wie absurd das eigentlich ist.

Es wirkt ja geradezu obszön, wenn auf Konzertplakaten oder Plattenhüllen einfach wieder der vertraute, aber auch schon ziemlich angestaubte Name prangt, so, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt, dass diese oder jene Gruppe wieder unterwegs ist oder im Studio war - als ob Jim Morrison, Keith Moon, John Bonham und Freddie Mercury nie gestorben wären. Dabei stellt sich unter dem reinen Pietätsaspekt ein paradoxer Effekt ein: Erschien einst die Auflösung als Verrat, so gilt das für die Wiedervereinigung nicht weniger: die Doors oder Queen ohne ihren Sänger? Was würden die Toten dazu sagen, die zu Lebzeiten von ihrer Unersetzlichkeit überzeugt sein durften und nach ihrem Ableben erst recht für einzigartig erklärt worden waren?

Kein neues Material? Kein Nachteil!

Nicht zufällig erfolgen die Wiedervereinigungen der klassischen Rockbands durchweg in großem zeitlichen Abstand zu ihren Glanzzeiten. Dass es sich eine schon nach wenigen Jahren anders überlegt, ist eher die Ausnahme; selbst Simon & Garfunkel, die in dieser Hinsicht die Ursünde begingen, brauchten elf Jahre bis zu ihrem Konzert im New Yorker Central Park 1981. Der Zeitabstand ist jedenfalls groß genug, damit sich irgendwann Geldmangel einstellt oder die Musiker einen menschlichen Reifeprozess durchlaufen, der es ihnen ermöglicht, über alte Differenzen hinwegzusehen. Ausnahmen bestätigen die Regel: Roger Waters und David Gilmour werden wohl nie wieder ein Wort miteinander reden, obwohl es Pink Floyd irgendwie immer noch zu geben scheint.

Folge oder Ausdruck dieser auf mehreren Ebenen spürbaren Reifung ist ganz zweifellos eine bemerkenswerte Professionalisierung: Wer es wagt zurückzukommen, tut dies eigentlich nur in guter Verfassung; Ausrutscher, den Luxus des Funktionsuntüchtigen überlässt man den Jüngeren wie Amy Winehouse oder Pete Doherty, die deswegen auch andauernd in der Zeitung stehen. Trotzdem ist es für jeden, der einen Ruf zu verlieren hat, ein enormes Risiko, sich der Öffentlichkeit wieder zu präsentieren, schon deshalb, weil viele die sechzig überschritten haben. Wer nicht gerade von der unermüdlichen Umschreibung und Neuinterpretation des eigenen Werks lebt, wie Bob Dylan, begnügt sich oft damit, das Vertraute möglichst originalgetreu zu reproduzieren; dies gibt dann den Maßstab für die künstlerische Beurteilung ab. Dass es meistens kein neues Material gibt, ist kein Nachteil; die Leute kommen ohnehin nur wegen des alten, alles andere wäre ihnen vermutlich eher lästig.

Eine riesige Stillstandsmaschine ist am Werk

Der Eindruck, hier sei eine einzige, riesige Stillstandsmaschine am Werk, liegt auf der Hand. Die Aufmerksamkeit, welche die Popkritik diesem Treiben seit einigen Jahren widmet, erlaubt über ihr Bedürfnis nach Neuerung und avancierterer Reflexion nicht unbedingt die schmeichelhafteste Aussage, ohne dass man ihr das zum Vorwurf machen müsste - es ist eben wie mit anderen Kritiksparten auch, die sich dann und wann gerne wieder mit Goethe oder Karajan befassen. Nur wird man sich fragen dürfen, ob es dabei überhaupt ein Erkenntnisinteresse gibt oder nicht doch einfach bloß Nostalgie die Triebkraft ist, wenn man darauf aus ist festzuhalten, was sich seit "damals" denn geändert habe: nämlich meistens nichts.

Warum interessiert es uns also überhaupt, wenn sich die alten Heldenformationen gegen alle Erwartung noch einmal zusammentun? Die Alben gibt es ja nach wie vor und die Erinnerung an die Konzerte, die meistens doch in besserer körperlicher Verfassung bestritten wurden, auch. Merkwürdigerweise blieb aber gerade bei den nennenswertesten und deswegen auch riskantesten Wiedervereinigungen der vergangenen Jahre die sonst übliche, sich vor allem auf das Lebensalter beziehende Häme aus. Es wurden geradezu Lobeshymnen auf die offenbar unverbrüchliche Schaffens- und Leistungskraft angestimmt - so im Falle von Cream, Police und Led Zeppelin -, und es ist nicht anzunehmen, dass die Kritikerohren dabei von allzu viel nostalgischem Schmalz verstopft waren. Vielmehr ist an diesem Befund etwas abzulesen, das uns zeigt, wie sehr sich das Verständnis von Rock- und Popmusik in den vergangenen Jahren verändert hat: Es ist eine Angelegenheit von Erwachsenen für Erwachsene geworden - fast wie im Jazz, dessen Protagonisten mit siebzig auch noch lange nicht Schluss machen, wenn sie denn so alt werden.

Popmusik ist in die Jahre gekommen

Zwar erneuert sich die Popmusik fortwährend selber mit neuen Namen und Stilen; aber als Genre ist sie in die Jahre gekommen. Dass sie, logischerweise, so alt ist wie ihre Gründergeneration, fällt deswegen so ins Gewicht, weil viele eben noch leben und nach wie vor oder wieder aktiv sind. Das wertet sie in Zeiten, in denen die kommerziell dominierende Mitte, der sogenannte Mainstream, geschwunden ist und die Aufsplitterung in Stile weiter fortschreitet, zusätzlich, man könnte auch sagen: unnötig auf. Inmitten der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, des Nebeneinanders von Veteranen und neuen Gesichtern, scheinen die Untoten den meisten Platz für sich zu beanspruchen - fast wie am Ausgang der Goethe-Zeit, als die Frühromantiker schon wieder verbraucht waren und der Alte immer noch keine Ruhe gab.

Das Überdauern der Rockklassiker ist um so bemerkenswerter, als die in den achtziger Jahren angetretenen Independentmusiker sich selber auch schon historisch werden und sich, ebenfalls gegen frühere Absicht, ans Comeback gemacht haben, wie man an Bands wie den Pixies und Lemonheads sieht. Die Mechanismen, denen man einst etwas entgegenstellen wollte, sind mächtig wie eh und je; niemand kann ihnen entrinnen. Aus dieser Generation stammt übrigens auch die dem Punk entlehnte Idee, eine Band für nur eine Platte zu gründen und sich danach gleich wieder aufzulösen - was man zu sagen hatte, sollte wie ein Guerrilla-Überfall über die Massen kommen, die Spur der Urheber sich sofort wieder verlieren. Die Manic Street Preachers hatten sich das ausgedacht. Natürlich hielten sie sich nicht daran. Sogar nach dem rätselhaften, bis heute unaufgeklärten Verschwinden ihrer Galionsfigur Richey James Edwards machten sie weiter, bis heute.

Die Jugend als Wert an sich feiern

Die Beatles hatten vorgemacht, wozu Popmusik gut sein soll: die Jugend als Lebensstadium eigenen Rechts, als Wert an sich zu rechtfertigen und zu feiern. Die Band als Verbund vermeintlich unbekümmerter Junggesellen war dafür die exemplarische Form, von der sich das Publikum nicht vorstellen konnte, dass sie einmal ein Ende finden könnte. Deswegen wurde die Auflösung gerade dieser Band, die gleichzeitig das Startsignal für die großen Solistenkarrieren um 1970 gab, als Katastrophe, als Verrat am besseren Leben empfunden. Diese Erschütterung wirkt bis heute im kollektiven Bewusstsein nach und hat womöglich mit dazu geführt, dass man der Comeback-Welle mit einem Wohlwollen begegnet, das in den achtziger Jahren kaum denkbar gewesen wäre.

"It's Too Late To Stop Now" heißt die große Liveplatte des allerdings nahezu pausenlos tätigen Van Morrison von 1974. Damals meinte man noch, mit der Pop-Karriere wäre es wie mit der Liebe: Erst von einem bestimmten Moment an kann man nicht mehr zurück. Heute gilt: Wer nicht aufhören kann, sollte gar nicht erst anfangen.



Text: F.A.S.
Bildmaterial: AP, ASSOCIATED PRESS

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