Bryan Ferry wird sechzig

Der schillerndste Schmetterling der Rockmusik

Von Edo Reents

Dandy am Mikrofon: Brian Ferry

Dandy am Mikrofon: Brian Ferry

26. September 2005 Dekadenz war etwas in der Rockmusik ursprünglich nicht Vorgesehenes; sie hätte deren Fundament unterminiert und tat dies im Grunde auch. Einer Kunstform, die auf direkte Ausdrucksweisen angewiesen ist, die auf Lautstärke und primitives Gebaren setzt, kann an Ver- und erst recht an Überfeinerung nicht gelegen sein.

Bryan Ferrys Erfolg ist dennoch kein Mißverständnis. Der Brite wurde als Solist wie als Leiter der bis heute nie ganz aufgelösten Gruppe „Roxy Music“ zur Galionsfigur eines Dekadenzrock, dem trotz des zur Schau gestellten und mit allerlei Modefimmeln unterstrichenen Transvestitentums nie die Essenz abhanden kam. Sein Problem war vielmehr ein anderes, das Rowohlts Rocklexikon treffend analysierte: „Das exzentrische Beharren auf Stil an sich als Ausweis seiner künstlerischen Identität verdeckte oft genug Ferrys Talent als exquisiter musikalischer Handwerker.“

Willkommene Abwechslung zum Jeanslook

Womöglich verstand sich Ferry selber auch so - wahrgenommen wurde er mitsamt seiner Entourage als etwas völlig anderes: als der schillerndste Schmetterling, der in den siebziger Jahren auf das Publikum losgelassen wurde. Wahrscheinlich wirkte eine Erscheinung wie er deshalb so stark, weil sie eine willkommene Abwechslung bot zum uniformen Jeanslook des britischen Pubrock jener Jahre. Ferry aber brachte mit seiner Musik, Kleidung und Gestik keinen neuen, sondern überhaupt erst Stil in die Szene, wobei er sich in seinen dynamischsten Momenten nicht scheute, das Rockerhafte, das er mit seinem Vortrag in Frage stelle, resthaft und auf eine sehr exemplarische Weise durchscheinen zu lassen.

„Roxy Music“, die 1972 erstmals auf Platte zu hören waren, vereinigten unter seiner Anführerschaft das Ungestüm-Druckvolle des Rock 'n' Roll mit schmalzigen Klängen, wie sie alte Popschlager und Chansons seit je bereithielten. Das ergab eine Mischung, deren Verführungskraft auf ein großes und äußerst heterogenes Publikum zielte. Es hatte nicht nur mit Ferrys blendendem Äußeren und seiner bald einsetzenden Neigung zum Gentleman zu tun, daß diese Musik auch bei Frauen, die mit Rock sonst wenig anfangen konnten, auf Gehör stieß; es war maßgeblich den Songschreiberqualitäten des Bryan Ferry zu verdanken, der sich inmitten des Spannungsfeldes zwischen Glamrock, Soul, Jazz und E-Musik in jeder Hinsicht glänzend zu positionieren wußte.

Vergiftete Balladen

Geradezu hinterhältige, süßlich-vergiftete oder düster dräuende Balladen wie „Strictly Confidential“ oder „Sentimental Fool“ wechselten ab mit massiv treibendem Rock wie „Do The Strand“ oder dem klassisch gewordenen „Love Is The Drug“. Letztere Titel gehören, neben der unnahbaren Diskomusik, welche die Band in den Achtzigern machte, zu deren erfolgreichsten.

Gleichzeitig arbeitete Ferry an einer Solokarriere, die nicht weniger bemerkenswert war und in die ihn seine ebenbürtigen Bandkollegen wie von selbst hineintrieben. Hier ergab er sich der Nostalgie, wobei es ihm auf eine musikalisch nicht erklärbare und wohl nur mit seinem Charisma zusammenhängende Weise gelang, innovativ zu klingen. „These Foolish Things“, die erste Soloplatte, enthielt ausschließlich Fremdmaterial und bügelte die gesamte Klassik gegen den Strich: „Sympathy For The Devil“ von Jagger/Richards, das Halbwüchsigenlied „It's My Party“ und, vor allem, Dylans „A Hard Rain's A-Gonna Fall“. Hier kam sein eigenartig wimmernder, immer ein wenig affektierter Stakkatogesang ideal zur Geltung.

Leben voller Sehnsucht und Eleganz

Ferrys am Motown-Repertoire geschulter Geschmack blieb auch danach erlesen. „Another Time, Another Place“ von 1974 war, mit dem Hochglanzcover, das ihn wie lebensmüde im Dinnerjackett zeigte, die erste Yuppie-Platte überhaupt, die sich freilich an ein pophistorisch gebildetes Publikum wandte: Die Rhythm & Blues-Standards „The ,In' Crowd“ und „Smoke Gets In Your Eyes“ erblühten zu spätzeitlichem Leben voller Sehnsucht und Eleganz. „In Your Mind“ enthielt nur Eigenkompositionen und überzeugte mit hymnisch-druckvollen Titeln wie „This Is Tomorrow“ oder „Tokyo Joe“.

Das prinzipiell Zeitlose, auf das es der ehemalige, an Sound und Mode gleichermaßen interessierte Kunstlehrer absieht, findet darin seinen Ausdruck, daß er bis heute als ein Popidol von seltener Leuchtkraft dasteht. Seine Eitelkeit weiß er als Form der Unsicherheit glaubwürdig zu verkaufen. Dabei verhehlte der im englischen Washington geborene Sohn eines Bergarbeiters seinen Aufsteigerehrgeiz nie; doch stand dieser hinter den bisweilen aufreizend theatralischen Darbietungen, in denen er jede Pose beherrschte, zurück. Wenn er in seinen makellosen Hemden ins Schwitzen kam, bedeutete das immer etwas anderes als herkömmliche Anstrengung - es fügte dem Gesamtkunstwerk, als das er sich von Anfang an verstand, nur eine edel-vitale Note hinzu. Man kann sich diesen Mann eigentlich nur in einer Umgebung mit sehr schönen Gegenständen vorstellen, in der ihn seine Nächsten an diesem Montag, an dem er sechzig Jahre alt wird, hoffentlich antreffen.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 26. September 2005
Bildmaterial: AP

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