„Hurricane-Festival 2005“

An der Schmerzgrenze

Von Christoph Ehrhardt

Stadionrock in Scheeßel: die Hauptbühne des “Hurricane Festivals“

Stadionrock in Scheeßel: die Hauptbühne des "Hurricane Festivals"

13. Juni 2005 Sie sind tatsächlich gekommen. Mit dem Hubschrauber in die niedersächsische Provinz. Bei Oasis konnte man sich ja nie sicher sein, ob es kurzfristig noch eine Hotelbar schlagkräftig umzudekorieren oder sich bierschwanger derart grundsätzlich zu zanken gilt, daß das Konzert ausfallen muß. Daß aber die größte Herausforderung für die Veranstalter des „Hurricane-Festivals 2005“ auf dem Gelände des Eichenrings in Scheeßel darin bestand, Fenchelhonig für die Gallagherbrüder aufzutreiben, ist wohl ein Zeichen dafür, daß sie es tatsächlich ernst meinen mit der neuen Bescheidenheit und dem abermaligen musikalischen Neuaufbruch.

Aber irgendwie wurde es dann doch nicht die Nacht der Britpop-Ikonen. Was einerseits daran lag, daß die Gallaghers nicht besonders gut bei Stimme waren, was aber vor allem daran lag, daß der Mann am Mischpult sie im Stich ließ. Es zischte, pfiff und koppelte. Und weil die Faszination, die von Oasis-Konzerten ausgeht, mit Sicherheit auch etwas mit Lautstärke zu tun hat, war nicht zum Besten der Band, daß man sich nur knapp hundert Meter von den Boxentürmen entfernt schon recht unangestrengt und unterhalten konnte.

Vom Bühnenbauer zum Best Act

Josh Homme, Frontmann der “Queens Of The Stone Age“

Josh Homme, Frontmann der "Queens Of The Stone Age"

Dennoch war das Konzert einer der Höhepunkte in einem vielseitigen Programm, das - jenseits des Stadionrocks im Stile von „Audioslave“ oder den „Queens of the Stone Age“, Bombast von „Rammstein“ und Mainstreampunk von den „Ärzten“ - seine interessanteren Momente auf der kleineren der beiden Bühnen hatte:

„The Stands“ aus Liverpool auf den Spuren der „Byrds“ und der „Beatles“, die umjubelten „Phoenix“ aus Paris mit süßen Hooklines aber auch krachenden Gitarren und mit viel Groove, Tausendsassa „Beck“ mit Hip Hop Anleihen, elektronischen Klängen und Westerngitarre, das Singer-Songwriter-Projekt „Olli Schulz und der Hund Marie“ mit viel Unterhaltungswert auch zwischen den schmissigen Popsongs und mit soviel Publikum, daß Schulz, der in der Vergangenheit noch als Bühnenbauer auf dem „Hurricane“ gearbeitet hatte, seinen Auftritt als Künstler als einen „Karrierehöhepunkt“ bezeichnete. Angeblich wurde die Schulz-Show von den ehemaligen Kollegen zum Konzert des Festivals gekürt. Gerüchte, die offiziell jedoch niemand bestätigen wollte.

Prellungen und Schmerzgrenzen

Es waren dennoch vor allem deutsche Bands, die beim Publikum punkteten: Für „Kettcar“ und „Wir sind Helden“ dürfte der Zuspruch eigentlich keine Überraschung mehr gewesen sein. Für die Hurricane-Debütanten von „Madsen“ schon eher. Der Druck der Menschenmassen, die sich in Richtung der großen Bühne schoben, um die „Beatsteaks“ aus Berlin zu sehen, überforderte gar die Standfestigkeit der Absperrgitter. Die sogenannten Wellenbrecher gaben nach, und im anschließenden Chaos erlitten 12 Festivalbesucher Prellungen und Quetschungen. Für drei von ihnen endete der Tag im Krankenhaus.

Daß die Besucherzahl im Vergleich zum Vorjahr um mehr als 15.000 auf 60.000 angestiegen ist, sei indes kein Grund für diesen Zwischenfall, sagt der Sprecher des Veranstalters FKP Scorpio Matthias Pätzold. Die Schmerzgrenze, gesteht er ein, sei aber mit Sicherheit erreicht. Für viele Festivalbesucher schien sie überschritten worden zu sein.

Vom Himmel grüßt der „Rock am Ring“

Wo das Gelände in der Vergangenheit Raum zum entspannten Herumlungern auf dem Rasen oder zum unbehelligten Gang an verschiedenste Imbißbuden bot, drängten sich in diesem Jahr die Besucher am Abend - reichlich unbequem und bisweilen recht unentspannt - sogar um das „T-Mobile Zelt“ herum bis kurz vor den „Samsung-Pavillion“. Und auch, wenn es der Festivalist dieser Tage genießen mag, sein Mobiltelefon kostenfrei für den Rock'n Roll aufladen zu lassen: Für die nicht wenigen Nostalgiker war es so, als begegneten sie einem alten Schulfreund wieder, der vom sympathischen Chaoten zum ambitionierten Karrieristen geworden ist und dabei ein gutes Stück seines Charmes vergangener Tage verloren hat.

Wollen auch nur spielen: “Rammstein“-Auftritt in Scheeßel

Wollen auch nur spielen: "Rammstein"-Auftritt in Scheeßel

Auf einen öffentliches Armdrücken mit dem „Rock am Ring“-Veranstalter Marek Lieberberg wollten sich Macher des „Hurricane“ derweil nicht einlassen. Lieberberg hatte von einem Banner gegrüßt, das hinter einem Flugzeug durch den wolkenverhangenen Himmel kreiste: „Grüße vom Ring! Still the Number 1“. Sie täten im Sinne ihrer Klientel auch gut daran, der Versuchung der Megalomanie im Wettkampf auf dem boomenden deutschen Festivalmarkt zu widerstehen. Denn das Festival Nummer 1 ist mit Sicherheit nicht zwingend das mit der größten Zuschauerzahl.

Als nächstes wird FAZ.NET vom Haldern Pop Festival (5. und 6. August) und vom „Wacken Open Air“ (4. - 6. August) berichten.

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: dpa/dpaweb

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