N.E.R.D. sind zurück

Fremde Töne sehen dich an

Von Stephan Herczeg

20. Juli 2008 Zu Beginn dieses Jahrtausends wurde einem langsam klar, dass sich Hip-Hop samt seiner Subkategorien von Gangsta Rap bis Hip-Hop Soul mit Vollgas in eine lukrative Sackgasse hineinmanövriert hatte, aus der die in den neunziger Jahren reich gewordenen, großen Namen der Black Music auch gar nicht mehr herauswollten. Sound, Style und Geschäftsmodell waren gefunden, die Top-Ten-Chartspositionen weltweit erfolgreich besetzt.

Hip-Hop war schon längst nicht mehr als schwarze Gettomusik verschrien und hatte seinen Weg selbst in den weißen Mainstream gefunden. Musikalisch bewegte sich fast nichts mehr, an einer stilistischen Weiterentwicklung schien niemand ernsthaft interessiert zu sein. Wozu auch, wenn mit diesem ewig gleich klingenden Status quo, der im Grunde bis heute fortbesteht, sehr viel Geld verdient werden konnte?

N.E.R.D. trat an, die Hip-Hop-Karre in neue Dimensionen zu lenken

Es gab also berechtigten Grund zu jubeln, als sich 2001 eine amerikanische Band namens N.E.R.D mit ihrem Debütalbum "In Search of . . ." auf den Weg machte, die festgefahrene Hip-Hop-Karre in neue musikalische Dimensionen zu lenken, die man so noch nicht gehört hatte, um sich selbst und allen anderen zu beweisen, dass Hip-Hop durchaus noch Entwicklungspotential in sich trägt und nicht länger als gefriergetrocknete Musikware mit Hitdauerabo vor sich hindümpeln muss.

N.E.R.Ds feuriges Cross-over-Rezept: Hip-Hop angereichert mit Gitarren-Hardrock sowie Punk-, Soul- und Drum-'n'-Bass-Elementen, die sich innerhalb ein und desselben Stücks oft so schnell abwechselten, dass man mit dem Hören gar nicht mehr nachkam. Musikkritiker waren von N.E.R.D sofort begeistert und sahen in diesem nach allen Seiten hin offenen Sound, der sich fast keinem Musikgenre verschließt, die große Zukunft des Hip-Hop.

Gegenwart blieb Vergangenheit

Eine Zukunft, die - wie so viele verheißungsvolle Zukunftsvisionen - natürlich bis heute nicht eingetreten ist. Daran konnte auch N.E.R.Ds drei Jahre später erschienenes und ebenfalls bemerkenswertes zweites Album "Fly or Die" nichts ändern. Es erreichte zwar wie sein Vorgänger Goldstatus, war aber trotzdem weit davon entfernt, in irgendeiner Weise stilbildend zu wirken oder gar die Hip-Hop-Musikszene zu revolutionieren. Die real existierende Gegenwart des Hip-Hop sah also, trotz N.E.R.D, noch immer ganz genauso aus wie seine Vergangenheit. Und wahrscheinlich wird sich auch so schnell nichts daran ändern. N.E.R.D mussten sich damit abfinden, eine Hip-Hop-Parallelexistenz ohne große Single-Hits in der rasch erfundenen Musikkategorie namens Rap Rock zu fristen, aus der sie nun so schnell auch nicht mehr rauskamen.

Doch ihr Anrennen gegen die bleiernen Hip-Hop-Konventionen geht unbeirrt weiter. N.E.R.Ds drittes Album "Seeing Sounds" liegt nun vor. Es überrascht natürlich nicht mehr in dem Maße, wie die Platten zuvor, denn N.E.R.Ds Sound und ihre angewandten Tricks hat man mittlerweile schon durchschaut. Dennoch haben N.E.R.D erneut eine herausragende Platte zustande gebracht, die sich nicht hinter den wesentlich erfolgreicheren Produktionen großer Hip-Hop-Superstars wie Kanye West oder Nas zu verstecken braucht.

Jungstraum: Rockband

Wer es noch nicht wissen sollte: Hinter N.E.R.D (die Abkürzung steht für die nur mitteloriginelle Wunschvorstellung "No One Ever Really Dies") stecken Pharrell Williams und Chad Hugo samt ihrem geschätzten Vermögen von 150 Millionen Dollar, das sie sich als Produzentenduo The Neptunes mit Auftragsarbeiten unter anderem für Gwen Stefani, Justin Timberlake und Madonna im Laufe der letzten zehn Jahre verdient haben. Verstärkt werden Williams und Hugo durch das dritte Bandmitglied Shay Haley, einem gemeinsamen Jugendfreund aus ihrer Heimatstadt Virginia Beach.

Mit ihrem Nebenprojekt N.E.R.D erfüllten sie sich den Jungstraum einer richtigen Rockband, mit der sie nicht nur live auf Tour gehen können, sondern endlich auch ganz ohne Rücksichtnahme auf die Vorgaben Dritter, die Art von Musik machen dürfen, die ihnen mehr am Herzen liegt als der fünfzehnte Remix eines Britney-Spears-Songs.

Auch auf "Seeing Sounds" versuchen N.E.R.D ein weiteres Mal, die Grenzen des Hip-Hop zu sprengen, um zu dem für sie typischen N.E.R.D-Sound zu gelangen, wie er zum Beispiel in den Songs "Windows", "Anti Matter" oder "Kill Joy" mit geballter Wucht zu hören ist. Bevorzugtes Mittel zum Zweck ist hierbei wieder einmal die Verschmelzung von schwarzer Musik mit gitarrenlastigem Hard Rock, wie man ihn sonst eher von weißen Bands her kennt.

Fusionsgebilde aus Hip-Hop und Rock

Das Ergebnis ist ein von hartem Schlagzeug angetriebenes sowie durch Soundeffekte und Samples verstärktes Fusionsgebilde aus Hip-Hop und Rock, zu dem Pharrell Williams, der Glamourboy des Trios, rappt oder mit seiner markanten Falsettstimme singt. Doch noch spezieller und mitreißender wird N.E.R.Ds Musik, wenn sie sich wie bei "Spaz" und "Everyone Nose", der ersten Singleauskopplung des Albums, zusätzlich typischer Trip-Hop- oder Drum-'n'-Bass-Rhythmen bedient.

Weniger komplex hingegen die Lyrics des Albums, die sich zwar schon mal, wie in "Everyone Nose", der Kokainschickeria Hollywoods annehmen (mit angeblicher Antidrogenbotschaft) oder in "Yeah You" das wohl persönlich durchlebte Problem des Prominentenstalkings thematisieren, aber ansonsten dann doch nicht über selbstmitleidige Herz-Schmerz-Storys auf Heranwachsendenniveau hinauskommen, was man sich nun auch nicht unbedingt von fünfunddreißigjährigen Multimillionären, die nebenher Schmuck und Sonnenbrillen für Louis Vuitton designen, erzählen lassen will.

Aber auch Prominenten sei ihr Liebeskummer gegönnt, solange er auf so begeisternde Weise musikalisch verpackt wird wie auf "Seeing Sounds". N.E.R.D als experimentierfreudigen Hybridmotor des Hip-Hop möchte man im aktuellen Musikgeschäft auf jeden Fall nicht missen, auch wenn die absehbare Zukunft des Hip-Hop wohl auch weiterhin leider ohne N.E.R.D stattfinden wird.

N.E.R.D: „Seeing Sounds“, erschienen bei Interscope (Universal)



Text: F.A.S.
Bildmaterial: AFP, AP, ddp, REUTERS

 
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