Von Klaus Ungerer
11. Mai 2005 Trash hat nicht abgeschmackt zu sein. Trash hat nicht selbstzufrieden zu sein. Die Erfolge der Trashkultur leben immer vom Scheitern, von der Unfähigkeit, einem Vorbild nachzueifern: Wenn Guildo Horn seinen Schwabbelbauch zu Schlagerversen schüttelt, Bela Lugosi mit schlecht gebastelten Filmmonstern kämpft, Onkel Ede im Karaoke-Suff den Freddy mimt - darf der Zuschauer sich berührt fühlen von der Minderwertigkeit der eigenen irdischen Hülle, die, indem sie von der Größe des Pop gestreift wird, schon einmal probehalber vergeht. In Scham.
Als sich Mitte der siebziger Jahre ein paar New Yorker Jungs zur Band Ramones zusammentaten, wollten sie so etwas wie die Beach Boys werden, und sie hatten im Grunde keine Anlagen dazu. Sie sahen abgeschabt aus, konnten nicht richtig spielen oder singen, und als sie zum ersten Mal in ein Plattenstudio stolperten, drehten sie einfach mal alle Regler auf zehn.
Eine Fee mit Humor
Was sie auf mysteriöse Weise durchwehte in ihrer Ranzigkeit, war der Zauber der prachtvollen Songs, die eine Fee mit Humor ihnen über Nacht ins Ohr gepfiffen hatte. Und so brezelten und dröhnten die Geräte, so polterte die Musik unkontrollierbar unter Melodien herum, für die die Beach Boys sich zumindest nicht hätten schämen müssen. Heute wissen wir: Punk war da. Als er begann, war er noch kein Sex Pistols-Zirkus, kein Pseudopolitprop, kein Weltschmerzgeschrei. Sondern der komplett gescheiterte Versuch, die nächsten Beatles zu werden.
Trash geht nicht ohne Begeisterung, sie ist seine Essenz. Alle Mitwirkenden am Musical Gabba Gabba Hey! werden von den Ramones begeistert sein, das können wir einfach mal behaupten. Wer ist das nicht? Nur taugen die Ramones natürlich nicht als hehres Vorbild der Perfektion, an der man sich abarbeiten und an der man zerschellen würde. Zerschellt sind sie ja selber.
Den Namen gekauft
Bliebe also das Genre des Musicals in seiner hassenswerten und oft geliebten Kitschperfektion. Es böte einen Anlaß, um grandios bauchzulanden, ein Bemühen müßte spürbar sein, sich dorthin aufzuschwingen, wo das Phantom unter der Opernkuppel jodelt. Die Verantwortlichen für Gabba Gabba Hey! aber machen es sich einfach.
Sie haben den Namen des letzten lebenden Ramones-Mitglieds für ihr Plakat gekauft und wollen angeblich den Abbamania und We Will Rock You trotzen, indem sie auf offenkundige Billigkeit setzen: Die Bühne im Berliner Columbia Club ist kleiner als des Unterzeichneten Wohnzimmer, ihre Ausstattung unter Schultheaterniveau, Regisseur Jörg Buttgereit mag keine Musicals und hält es für besonders punkig, ebendeswegen eines zu inszenieren. Die Schauspieler sind noch in jenem Popularitätsbereich, wo man das eine oder andere Engagement auch mal umsonst annimmt, um vielleicht weiterentdeckt zu werden.
Zacher statt Semmelrogge
Allein Martin Semmelrogge dürfte als Zugpferd ein wenig Heu angeboten bekommen haben, doch der kam aus seinem Kittchen nicht heraus, und so holte man eben Rolf Zacher, der in der Tat bei seinen Auftritten ein wenig Zuschaufreude aufkommen läßt. So komplett unverständlich grölt er als Trainingsanzugsäufer vor sich hin, so reibeisig krächzt er als blinder Penner den Nicht-Ramones-Song What a Wonderful World, daß die entschlossene Bescheuertheit doch eine Ahnung von Trashwärme hervorruft.
Im übrigen wirkt der ganze Vorfall Gabba Gabba Hey! wie ein interner Witz, wie ein einmaliges Ereignis zum Anlaß eines Fünf- oder sechzigsten Geburtstags, wo die Szenegrößen einander um die Hälse fallen, die Männer vielleicht mal Frauenkleider tragen, die Frauen aber schon siebzig sind, aus New York kommen und total irre schrill aussehen und wo dem Geburtstags-Expunk schon während der Feier immer wieder Gedanken durch den Kopf gehen, ob seine kleine, aber feine Produktionsfirma wohl noch zu retten sein wird.
Die Stimmung vor dem Auftritt war auf eine angenehme, gelöste Weise bestens, der Beifall freundlich, niemand fühlte sich gestört durch ein komplett überflüssiges Bühnenereignis, aber dafür ist die Musik ja auch einfach zu toll. Jemand sollte kommen und mit ihr ein Theaterstück machen. Über die Ramones. Denn die kommen in Gabba Gabba Hey! gar nicht vor.
Text: F.A.Z., 12.05.2005, Nr. 109 / Seite 32
Bildmaterial: dpa/dpaweb
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