Musikbranche

„Nur als Party-Ereignis ist die Popkomm überflüssig“

28. September 2004 Am Mittwoch beginnt die Musikmesse Popkomm erstmals am neuen Standort in Berlin. Der Musikkonzern Universal Music gibt der Popkomm nach dem Umzug von Köln nach Berlin nur ein Jahr Bewährungsfrist: „Wir sind hier, um Geschäft zu machen. Erfüllt sich diese Hoffnung nicht, sind wir 2005 auch nicht mehr dabei“, sagt Frank Briegmann, der neue Deutschland-Geschäftsführer von Universal Music der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Mit der Bertelsmann Music Group (BMG) und EMI verzichten dieses Jahr bereits zwei der Marktführer im Musikgeschäft aus Kostengründen auf eine Teilnahme an der Messe.

Für Frank Briegmann ist es die erste Popkomm in neuer Funktion: Seit Juli ist er Deutschland-Präsident von Universal Music, dem zweitgrößten Musikkonzern der Welt. Vor seinem Wechsel in die Berliner Universal-Zentrale arbeitete der Diplomkaufmann und Marketingexperte zehn Jahre lang beim Konkurrenten Bertelsmann Music Group (BMG).

F.A.Z.: Herr Briegmann, Ihre Konkurrenten BMG und EMI verzichten darauf, auf der teuren Popkomm vertreten zu sein.

Briegmann: Wir nicht. Aber wir erwarten, daß sich jetzt mit dem Umzug von Köln nach Berlin der Schwerpunkt der Popkomm verlagert. Wenn die Messe wie zuletzt in Köln nur noch ein Party-Ereignis ist, dann ist sie überflüssig. Wir sind hier, um Geschäft zu machen. Erfüllt sich diese Hoffnung nicht, sind wir 2005 auch nicht mehr dabei.

Wird die Popkomm mal wieder zum Krisengipfel?

Jedenfalls ist es zu früh, um zu sagen, demnächst ist alles wieder super, nur weil sich die Erosion des deutschen Musikmarkts im ersten Halbjahr mit einem Minus von 5 Prozent abgeschwächt hat. Für das Gesamtjahr rechne ich mit einem Rückgang um 6 bis 7 Prozent. Das wäre zumindest eine deutliche Verbesserung gegenüber dem Einbruch um 20 Prozent, den wir letztes Jahr hatten.

Wann wird der deutsche Musikmarkt wieder wachsen?

2005 noch nicht, da haben wir wahrscheinlich noch mal einen kleinen Rückgang. Aber übernächstes Jahr ist ein leichtes Plus drin.

Wie wollen Sie aus der Krise kommen?

Eines ist klar. Es wäre falsch, alle Hoffnungen auf den digitalen Vertrieb zu richten. Dafür ist dieser Markt noch zu jung. Bei Universal macht das Geschäft mit Downloads und Klingeltönen 2004 weniger als ein Prozent des Umsatzes aus. Und wir rechnen damit, daß wir auch in vier Jahren noch 75 bis 80 Prozent des Geschäfts mit physischen Tonträgern wie CDs und DVDs machen.

Bleibt es dabei, daß Universal auf den umstrittenen CD-Kopierschutz verzichtet?

Nein, wir machen das nur vorübergehend wegen der Funktionsmängel der zur Zeit verfügbaren Systeme. Sobald es einen zuverlässigen Kopierschutz gibt, werden wir ihn auf breiter Front einsetzen.

Wann gibt es denn bei Universal CDs zum günstigen Einstiegspreis, wie dies der Konkurrent Bertelsmann Music Group vormacht?

Wir beobachten den BMG-Vorstoß aufmerksam. Es ist ein sinnvoller Ansatz, ein Album in verschieden aufwendigen Ausstattungsvarianten herauszubringen. Die günstigste Ausführung sollte dabei auf jeden Fall weniger als 10 Euro kosten. Die Edelversion kann dagegen zum Beispiel auch eine DVD enthalten. Vermutlich werden wir nächstes Jahr die ersten Produkte auf den Markt bringen.

Was muß sonst noch geschehen, um das Geschäft wieder in Schwung zu bringen?

Wir müssen vor allem mehr Künstler finden, die eine starke Bindung zum Publikum herstellen können, damit die Fans die Originale kaufen, statt Raubkopien zu ziehen. Nationale Künstler haben ein größeres Identifikationspotential als internationale Stars, deshalb wollen wir diesen Bereich voranbringen.

Moment mal, Ihr Vorgänger Tim Renner hat doch hingeschmissen, weil er, wie er sagt, das Budget für nationale Künstler halbieren sollte.

Diese Vorgabe gilt sicher nicht für mich. Wir machen knapp die Hälfte unseres Umsatzes mit deutschen Musikern und wollen diesen Anteil steigern. Das ist extrem wichtig für uns. Wenn Sie die Marketing-Ausgaben nehmen, fließt heute schon der größere Teil in nationale Künstler.

Eine riskante Strategie. Deutsche Musik ist im Ausland meist unverkäuflich.

Universal hat mit seinem deutschen Repertoire 2003 Geld verdient und wird auch dieses Jahr profitabel sein. Wir sehen aber noch erhebliches Optimierungspotential.

Es werden also weitere deutsche Universal-Musiker ihren Plattenvertrag verlieren.

Nein, die Zahl insgesamt bleibt dieses Jahr stabil. Wir haben momentan mehr als 100 nationale Künstler unter Vertrag. Entsprechend unserer Fokussierungsstrategie haben auch wir allerdings die Zahl unsererer lokalen Musiker im unteren zweistelligen Bereich verringert. Das war unvermeidlich. Angesichts der dramatischen Umsatzrückgänge kann man heute nicht mehr mit der großen Gießkanne über die Beete gehen.

Mit Ihrer gemeinsamen Internetvertriebsplattform Phonoline ist die Musikindustrie gerade gescheitert. Welche Lehren ziehen Sie daraus?

Ich würde nicht so weit gehen und Phonoline als gescheitert erklären. Phonoline hat den legalen Musikdownload in Deutschland vorangetrieben. Die Entscheidung, die Aktivitäten von Musicload und Phonoline zu bündeln, ist eine Telekom-interne. Solange alle Anbieter weiterhin Musik legal im Netz anbieten können, ist es uns egal, über welchen Betreiber das geschieht.

Zeigen die Erfahrungen mit Phonoline nicht, daß der Plattenindustrie das Know-how für den Musikhandel fehlt?

Die Aufgabe der Plattenfirmen ist es, die Inhalte und die Rahmenbedingungen zu schaffen, damit legaler Musikdownload funktioniert. Das Geschäftsmodell von Phonoline sieht ja nicht vor, daß wir als Händler auftreten, sondern eine Plattform für Vertriebspartner schaffen.

Werden Sie von der T-Com Schadenersatz erhalten und in welcher Höhe?

Dazu möchte ich im Moment keine Auskunft geben.

Das Gespräch führte Marcus Theurer



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.09.2004, Nr. 226 / Seite 21
Bildmaterial: Universal Entertainment

 
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