Cher auf Abschiedstournee

Der Hintern im übertragenen Sinne

Von Edo Reents

01. Juni 2004 Die Frau, die auf dem hydraulisch in die Höhe getriebenen Podest steht, ist alles in einem: antike Hohepriesterin und Hure, Eskimofrau, Inderin und, natürlich, Indianerin - eine zumal im Showgeschäft extrem seltene Synthese aus gelangweilter Dekadenz und natürlicher Lebensgier.

Unbeweglich und vielleicht auch ungerührt steht sie da oben, selbst aus nächster Bühnennähe betrachtet eine makellose Erscheinung ganz in Weiß, die wie ein schwarzes Loch alle Blicke, alle Gedanken und alle Phantasien des mehr als zehntausendköpfigen Publikums ansaugt und verschluckt - ein erhabener, sympathisch großspuriger Moment. Den mit geschmackvollen Pelzrändern verarbeiteten Umhang nimmt sie ab, während aus dem Nummernrevuelärm sich das erste Lied herausschält: "I Still Haven't Found What I'm Looking For".

Einzigartige Vitalität

Mit diesem Song begann sie schon beim letzten Mal, 1999, und auch beim vorletzten Mal, 1992, ihre Konzerte. Doch in der riesigen, fast vollen Kölnarena stört das niemanden, denn dies hier ist zumindest laut Ankündigung das allerletzte Mal: "Farewell" ist die Tournee überschrieben, die am Freitag mit großer Wucht in ihren Deutschlandteil eintrat. Man achte aber auf das Kleingedruckte: "Living Proof" heißt, wie die jüngste Platte, das kurze Motto zum langen Abschied. Und - dies ist das mindeste, was man von dem Abend sagen kann - den Beweis für ihre unverminderte und, in dieser Altersklasse, wohl einzigartige Vitalität erbrachte die Sängerin mit und trotz erheblichem Bühnenaufwand mühe- und restlos.

Kein Wunder, denn hier ist offenbar immer noch jemand auf der Suche: I still haven't found what I'm looking for. Sie treibt dem Song, der von der Gruppe "U2" stammt, mit ihrem dunkel schattierten Organ alle Spiritualität aus und macht daraus ein ganz und gar weltliches, vorläufiges Bekenntnis, aus dem eines Tages aber die Summe eines oder vielmehr: ihres Lebens werden könnte. Wer mit achtundfünfzig Jahren noch kein Haus hat, baut sich keines mehr. Andererseits: Wer in dem Alter noch leicht, aber nicht gewagt bekleidet auf die Bühne geht und singt, was normalerweise Leute singen, die halb so alt sind, wird es möglicherweise noch lange tun.

Entschiedene Doppelbegabung

Doch was heißt normal? Man kann sie bloß deswegen so schwer mit herkömmlichen Maßstäben messen, weil über sie so viel dummes Zeug erzählt wird: all dieses Gerede über Schönheitsoperationen, die einer von der Klatschpresse verdorbenen Öffentlichkeit wie der Inbegriff der Unnatürlichkeit vorkommen; über eine Nymphomanie, die sich in Prominentenehen ganz unzureichend auslebt; und über Filmerfolge, deren Anerkennung selten frei von Mißgunst ist. Wer überlebt einen Atomkrieg? Die Kakerlake und Cher. Da, ein Mann - greift ihn euch, wascht ihn und legt ihn mir ins Zelt beziehungsweise Bett! Diese Sprüche werden ihr zugeschrieben.

Ein Gesamtkunstwerk nennt man sie seit vielen Jahren, weil man sie gerne eindimensional hätte und man mißtrauisch reagiert auf die im Grunde banale Tatsache, daß es sich bei ihr nur um eine allerdings entschiedene Doppelbegabung mit Sinn für interessante Aufmachungen handelt. Dabei ist sie mit ihrem gesunden Ehrgeiz, ihrer im ganzen doch eher robusten Erotik und ihren abgeklärten Moralvorstellungen die Normalste von allen, viel normaler jedenfalls als Madonna oder Michael Jackson.

Gummibänder als Schnürsenkel

Sie ist ja auch die Älteste. Sie ist die letzte wichtige Sängerin aus einer Generation, die noch weiß, was materielle Entbehrungen bedeuten, und der schon deswegen mehr am Erfolg gelegen ist als an allem anderen. "In den ersten zehn Jahren meines Lebens kannte ich nur Armut und Umzüge, Gummibänder als Schnürsenkel. Bis heute habe ich vor dem Armsein eine Todesangst." Das ist, als Motivation und Fundament für eine große Karriere, mehr als das eiskalte und eben langsam doch leerlaufende Kalkül einer Madonna.

Sie steht den großen amerikanischen Entertainern, die vor dem Krieg geboren wurden, viel näher als den Popstars, denen ihre Prominenz über kurz oder lang zum Lebensinhalt wird und nicht, wie bei ihr, zum Schutzschild gegen die Bedürftigkeit. Sie hat mit B.B. King, der vor der Schule Kühe melken mußte, und mit Elvis, der Lastwagenfahrer war, mehr gemeinsam als mit den Jüngeren. Etwas hemdsärmelig Patentes geht von ihr aus, das von ihrer äußeren Extravaganz nicht etwa verborgen wird, sondern damit so scharf kontrastiert, daß nur oberflächliche Menschen es übersehen können.

Die Welt der Gaukler

Ihre Welt ist die der Gaukler, die nirgends seßhaft werden. Wie Bonnie Parker ihren Clyde Barrow fand, der sie in ein aufregendes Leben entführte, so fand sie den Softrocker Sonny Bono, von dem sie so viel lernte, daß sie nach der Trennung nur mühsam selbständig wurde. "Gypsys, Tramps & Thieves" heißt ihr Hit von 1971, ein unwiderstehlicher Tingeltangelschlager, der auch die Kölner wieder zum Toben brachte, genauso wie ihre pathetische und hier von hartem Rock in Grund und Boden gespielte Halbblutweise "Half-Breed".

Sie, die Viertelcherokee, Tochter wechselnder Stiefväter sowie einer haltlosen Mutter und vermutlich gerade deswegen so zielstrebig, macht auch auf einem künstlichen indischen (mit Stoßzähnen versehenen!) Elefanten die gute Figur, die sich wohl nicht ohne fremde Hilfe so gehalten hat, die sie aber ganz nüchtern als Mittel zum Zweck betrachtet: "Ich verkaufe meinen Hintern im übertragenen Sinne. Es ist ein Weg, die Menschen in die Konzerte zu locken."

Kein Glaube an die große Liebe

Dieses war, unter der Glitzeroberfläche, eine reibungslos abgespulte Lebensbeichte, in der die Entwicklung der Sängerin noch einmal nacherzählt wurde: vom naiven, mit den Moralvorstellungen der fünfziger Jahre konfrontierten Mädchen ("Shoop Shoop Song") über die Darstellerin des großen Liebesdramas ("Bang Bang My Baby Shot Me Down"), über die auch von sich selbst enttäuschte junge Frau ("Strong Enough", "Love Hurts") bis hin zur Sünderin, deren Reue erträglich ausfällt ("If I Could Turn Back Time"). An die große Liebe glaubt sie vermutlich nicht mehr, aber darum macht sie kein Aufhebens: Die Stimme, die den späten Desillusionssong "Believe" sang, wirkte wie immer sinnlich und doch eigentümlich teilnahmslos.

Sie gibt sich längst mit etwas anderem zufrieden: der Alltäglichkeit. Ihr Geständnis, daß ihr der Coversong "Walkin' in Memphis" der liebste sei, mochte musikalisch überraschen - vom Gehalt her stimmte die Sache: Auf eigenen Füßen, dazu noch in blue suede shoes durch die Hauptstadt der Rockmusik zu spazieren, das ist ihr genug. Es ist wie beim Fischer und seiner Frau, die alles und im Grunde nichts will und die mit dem einfachen Glück zuletzt am besten fährt. Uns soll es fürs erste auch genügen. Aber Abschied von Cher? Es wäre ein Jammer.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.06.2004, Nr. 125 / Seite 51
Bildmaterial: AP, CP Photo, dpa/dpaweb

 
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