Von Harald Staun
08. Januar 2006 Es herrschte viel Euphorie, damals, als die Zukunft der Musik begann. Die Töne hatten sich in Informationen verwandelt, in Nullen und Einsen, sie mußten nicht mehr getragen werden, von schwarzen oder silbernen Scheiben, sie strömten ungehindert durch die Welt, und viele Menschen sahen ein neues Zeitalter am Horizont, eine Ära voller Freiheit und Kreativität: eine Revolution, möglicherweise.
Die Menschen aber, die mit den alten Scheiben ihr Geld verdienten, sie kannten nur noch eine Musikrichtung: den Blues. Sie beschworen den Anfang vom Ende der Musik und warnten davor, die Freiheit der Daten mit einer Freiheit zu verwechseln, wie sie gelegentlich in Wörtern wie Bier oder Flug vorkommt: Gratis wollten sie ihre Songs nicht hergeben.
Daß heute von dieser Euphorie nicht mehr viel übrig ist, das liegt daher zum Teil an den rigorosen Maßnahmen der Musikindustrie, an einer Konterrevolution mit allen technischen und juristischen Mitteln. Es liegt aber, paradoxerweise, vor allem am kommerziellen Erfolg digitaler Musik und an all den schicken Geräten, die diese in sich hineinsaugen wie gefräßige Biester. Vor allem der Computerfirma Apple ist es gelungen, mit dem iPod einen kultisch verehrten Fetisch zu schaffen und, was vielleicht die größere Leistung ist, mit dem Online-Musikshop iTunes gleich noch die Software dazu. Die devoten Fans kaufen bei iTunes, als würde das Monster nichts anderes fressen als Songs aus der eigenen Familie, und wer die kleine weiße Schachtel komplett mit kostenpflichtigen Downloads füllt, ist am Ende rund 8000 Euro ärmer.
iTunes - warum?
Viel also hat sich auf den ersten Blick nicht verändert. Statt 15 Euro für ein Album mit zehn bis fünfzehn Songs zahlt man jetzt 99 Cent für jedes einzelne Stück, was höchstens die Frage aufwirft, warum dabei die Preise nicht im gleichen Maße komprimiert wurden wie die Tonqualität. Es ist, wie gerne konstatiert wird, womöglich das Ende des Albums. Aber eine Revolution? Der Erfolg von iTunes scheint endgültig den Beweis zu liefern, daß auch in Zukunft die Menschen bereit sind, ihr Geld für Musik auszugeben, solange man ihnen nur ein entsprechend zeitgemäßes Angebot macht. Man könnte aber auch hinzufügen: obwohl sie es nicht müßten. Denn genausowenig wie die iPod-Käufer zahlen iTunes-Kunden für die Ware: sie zahlen für den Namen, die Marke, das Image, ein Gefühl - sie zahlen, wenn man so will, für das Pop in Popmusik. Gute Musik aber könnten sie längst überall umsonst bekommen. Wer heute noch dafür bezahlt, ist selber schuld.
Das Internet ist, unter anderem, auch eine einzige Gratis-Jukebox, und wem die Ohren noch nicht dröhnen von all den Mp3s und Streams und Feeds und Podcasts, der muß vielleicht seinem Browser ein paar neue Lesezeichen hinzufügen, aber wer dem Sound erst einmal auf der Spur ist, der ist für jeden Plattenladen verloren. Es gibt großartige Musik und grauenhafte Musik. Alte Musik und neue Musik. Völlig umsonst und völlig legal. Und sie ist immer einfacher zu finden.
Der meistgesuchte Begriff bei Google
Reden wir einmal nicht von den Tauschbörsen, deren Illegalität ja nur für die Industrie ein Fakt ist. Reden wir nicht von obskuren Foren oder Newsgroups, auch nicht von all den idealistischen Musikern, die Unmengen von copyrightfreien Stücken anbieten, oder von den Massen an phantastischen Gratis-Tracks aus der sogenannten Netaudio-Szene. All diesen Werken fehlt musikalisch oft nichts zu guter Popmusik, ihnen fehlt aber, noch, deren wichtigstes Merkmal: die Relevanz. Reden wir daher lieber von einer Website, der man Relevanz sowenig absprechen kann wie Legalität, einer Website, deren Name im Jahr 2005 der meistgesuchte Begriff bei Google war: Myspace heißt der Dienst, er hat derzeit vierzig Millionen angemeldete Benutzer und gilt als das MTV der Zukunft.
Myspace gehört zu einer Reihe von Internetseiten, die als soziales Netzwerk konzipiert sind und damit für basisdemokratische Netzutopisten und schnöde Medienunternehmen gleichermaßen als neue Hoffnungsträger gelten: Über 400.000 Bands und Solokünstler gehören zur Gemeinschaft, ein Großteil der anderen Mitglieder sind Musikfans, die Grenzen sind fließend. Auf seiner Myspace-Seite kann jeder Nutzer neben Fotos und Blogeinträgen auch Songs veröffentlichen, seine eigenen oder die von Freunden. Bei Myspace sind alle Freunde - Freunde sind hier so etwas wie eine Währung, das persönliche Adreßbuch ist die Ordnungsstruktur der Gemeinschaft. Schon deshalb ist Tom Anderson, einer der beiden Gründer, der jedes neue Mitglied als erster Freund begrüßt, ein reicher Mann: Ende dieser Woche hatte Tom Anderson 46.755.325 Freunde. Im Juli vergangenen Jahres hat Anderson sich diesen Sympathiebonus auszahlen lassen: Rupert Murdoch kaufte sein Internet-Unternehmen Intermix Media für 580 Millionen US-Dollar.
Mariah Careys Freunde sind rar
Längst trifft man auch bekannte Namen bei Myspace: Es gibt Seiten von Beyoncé Knowles und 50 Cent, The Strokes und Coldplay, aber der Erfolg in den traditionellen Charts bedeutet hier nicht viel: Mariah Carey hat derzeit etwas über 6100 Freunde. Eine Band namens Hawthorne Heights hat 270.751. Wer Relevanz sucht, darf sie nicht mit den Charts verwechseln. In Myspace sind Stars nicht wichtig; sie werden hier gemacht.
Eine neue Mittelklasse der Popmusik prognostizierte neulich das Wired Magazine; Myspace und ähnliche Seiten würden helfen, die Lücke zwischen erfolglosen Künstlern und den millionenschweren Stars zu schließen. Im Herbst überraschte etwa die Popgruppe Arctic Monkeys, die ihre ersten Songs im Internet verschenkte und kurz darauf mit ihrer ersten offiziellen Single an der Spitze der britischen Charts landete. Nur, wie gesagt: Was bedeuten noch diese Charts?
Zukunftsradio Internet
Es ist ein Paradigmenwechsel, den Myspace sichtbar macht: Wer bekannt werden will, muß seine Musik im Internet präsentieren, und je großzügiger er mit seinen Stücken umgeht, desto mehr Chancen hat er dabei. Das Internet ist das Radio von morgen; was hier nicht läuft, kommt auch nicht als CD - schon gar nicht in die Charts. Trotz all der Erfolgsgeschichten jedoch darf man Myspace nicht auf eine Marketingmaschine reduzieren. Myspace macht den Labels den letzten Rest an Existenzberechtigung streitig. Die Konsumenten selbst übernehmen den Job, der den Plattenfirmen noch geblieben ist und der einmal ihre eigentliche Aufgabe war: die Auswahl und Einordnung der Künstler.
Was man auf mediendeutsch gerne als A&R bezeichnet, als Artist & Repertoire, ist lange schon zum Inbegriff der Anmaßung geworden. Nicht immer war dieser Job als die Bevormundung gedacht, zu der er wurde, eher als vertrauenswürdiger Spam-Filter, als Autorität im Chaos der Möchtegernkünstler. Doch höchstens die Independent Labels funktionierten zuletzt noch als stilistisches Sieb. Auch so kann man Myspace verstehen: als riesigen Pool an Demotapes. Jeder kann dort sein eigener A&R-Manager werden.
Myspace ist nur ein Beispiel dafür, wie das Internet die Hör- und Konsumgewohnheiten verändert. Es gibt Internet-Radios wie Last.fm oder Pandora, die aus den Vorlieben der Nutzer automatisch persönliche Programme zusammenstellen und mit oft erstaunlicher Trefferquote ein Lieblingslied nach dem anderen abspielen. Und es gibt Tausende von Mp3-Blogs, die ohne schlechtes Gewissen ganz einfach die besprochenen Mp3-Dateien zum Download anbieten - meist nur für eine gewisse Zeit und mit dem Hinweis, man solle doch die Songs kaufen, wenn sie einem gefallen. Noch ist kein Fall bekannt, in dem eine Plattenfirma geklagt hat: Sie ahnen eher deren Werbewirksamkeit.
Rückkehr des Vinyls
Was also gibt es noch für Gründe, Musik zu kaufen? Im wesentlichen läßt sich die Entwicklung auf eine einfache kapitalistische Logik reduzieren: Musik, das war wie viele Waren ein Mischprodukt aus Ding und Dienstleistung. Vom ersten ist bis auf die drei Buchstaben Mp3 nichts mehr übrig, aber auch die verschwinden: Der klassische iPod zeigt wenigstens noch die Titel an, die er enthält, sein kleiner Bruder iPod shuffle löscht jede Signatur der Ware völlig aus: Es gibt nicht einmal mehr ein Display, das irgendeine Auskunft geben könnte über das Inventar.
Und auch vom zweiten Teil kann man sich allmählich verabschieden. Den Vertrieb übernimmt das Internet, die Labelarbeit jeder selbst. Nicht jeder, so könnte man natürlich einwenden, möchte das auch, allein schon aus Gründen der Bequemlichkeit also werden die Kunden noch CDs kaufen. Mag sein - es werden nur immer weniger. Den anderen, den Myspace-Freunden, macht diese Arbeit nicht nur Spaß: Sie ist ihr Leben. Sie bestimmt ihre Identität, wie Musik es in allen Generationen tat. Und früher oder später werden das auch die Menschen spüren, die ihre Musik im Kulturkaufhaus kaufen.
Wofür soll man noch zahlen?
Das Internet, das wäre ein letzter Einwand, ist ja womöglich ein fabelhafter Ort, um Musik zu entdecken; aber will man sie tatsächlich auch dort hören? Trotz aller Bemühungen der Unterhaltungselektronik herrscht im durchschnittlichen deutschen Wohnzimmer noch die gute alte analoge Stereoanlage - und wer will sich schon abends mit einem Glas Wein zum Musikhören an den Schreibtisch setzen. Und wenn man den iPod an den Verstärker anschließt, zeigen sich sofort die Defizite des Geräts - der Sound klingt dünn und blechern. Ganz abgesehen davon, daß das alles sehr technische Probleme sind, die sich schon heute lösen lassen, wenn man das will; ganz abgesehen davon, daß man etwa einen Mp3-fähigen DVD-Player kaufen kann, der auch nichts anderes ist, als ein iPod im Gewand der klassischen Stereoanlage: Die Musik von morgen, sie wird nun einmal eher für den iPod gemacht als für HiFi-Ansprüche.
Wofür also soll man noch zahlen? Wer tatsächlich nicht darauf verzichten will, einen Song auch als Gegenstand in der Hand zu halten, der sollte sich lieber wieder dem Vinyl zuwenden. Viele neue Bands sind wieder dazu übergegangen, Singles zu veröffentlichen. Sie werden schnell zu Sammlerobjekten und erzielen Spitzenpreise dank kleiner Auflage. Wer die Künstler unterstützen will, kann dies auf eine sehr altmodische Art und Weise tun und ihre Konzerte besuchen. Für viele aber gilt, was Wired-Gründer Kevin Kelly einmal so formuliert hat: Musik ist von einem Substantiv zu einem Verb geworden. Verben aber kann man nicht kaufen.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 8. Januar 2006
Bildmaterial: AP
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