Protestpop gegen G-8

Von Woodstock nach Rostock

Von Lisa Nienhaus

Evangelische Kirchentagslinke? Judith Holofernes von “Wir sind Helden“

Evangelische Kirchentagslinke? Judith Holofernes von "Wir sind Helden"

30. Mai 2007 Bei Attac ist die Stimmung fröhlich bis euphorisch. Gerade, kurz vor dem G-8-Protest, ist Heiner Geißler zur Anti-Globalisierungs-Bewegung gestoßen, der schon vor Jahren geäußert hatte: Wenn Jesus noch leben würde, wäre er wohl Mitglied von Attac. Jetzt machen Popmusiker kurz vor den Gipfeltagen Werbung für die Gegenveranstaltungen. An der Front der Gipfelgegner kämpfen nicht nur Bono und Herbert Grönemeyer, sondern auch die Helden der Jugend. Hip-Hop-/Reggae-Künstler und Stilvorbild Jan Delay (alias Jan Eißfeldt) gibt Interviews, in denen er über die Attac-Bewegung sagt: „Von ihr kann etwas ausgehen, weil sie sich aus vielen verschiedenen Leuten zusammensetzt und nicht auf dieses Bauwagenniveau reduziert.“

Jan Delay ist einer der wichtigsten Künstler auf dem Sampler „Move Against G8“, von dem Attac nach eigenen Angaben schon dreitausend Stück verkauft hat. Neben ihm geben Gruppen und Interpreten wie „Kettcar“, „Blumfeld“, „Tomte“, „Die Toten Hosen“, Gentleman, Afrob und „Tocotronic“ ihren Namen her für die Sache - und natürlich „Wir sind Helden“, die Band aus Berlin-Kreuzberg. Die „Helden“ werden auch auf dem Anti-G-8-Festival von Attac auftreten, das am 2. und 3. Juni in Rostock stattfindet. Es handelt sich um ein kostenloses Konzert, in den Umbaupausen soll es politische Texte und Informationen geben. Mit ihrem Auftritt sind sie nicht die einzigen: Herbert Grönemeyer veranstaltet mit der Organisation „Deine Stimme gegen Armut“ ebenfalls ein Konzert, an dem neben ihm eine beeindruckende Reihe von Musikern teilnimmt. Bisher bestätigt: „U2-Sänger“ Bono, „Die Fantastischen Vier“, „Die Toten Hosen“, „Seeed“, „Silbermond“, „2raumwohnung“, „Sportfreunde Stiller“. Bono sagt: „Ich habe Woodstock verpasst. Rostock werde ich nicht verpassen!“

Rebellentum zur Imageveredelung

Der G-8-Protest als kostenloses Rockkonzert? Das düpiert die Musiker, die sich seit Jahren den linken Rebellen und Protestierern zuordnen, zum Beispiel Ted Gaier von den Punkmusikern „Die Goldenen Zitronen“. Seine Band versteht sich als Sprachrohr der radikalen Linken, und die Auftritte anderer Musiker sieht er kritisch: „Rebellentum braucht jeder, um sich als Popmusiker zu veredeln. Das gilt für die Grönemeyers genauso wie für Jan Delays.“ Die Frage sei nur: „Wie glaubwürdig ist deren Kapitalismuskritik im G-8-Protest-Kontext, wenn sie anderntags für Coca-Cola oder Vodafone spielen?“ Es sei natürlich auch ein Problem der Organisatoren. „Ich finde es seltsam, dass Attac, die ja mit der Idee einer Globalisierung von unten ein anderes Politikmodell propagieren, nichts anderes einfällt, als ein populistisches Rockspektakel aufzuziehen, das sich ästhetisch von kommerziellen Massenspektakeln nicht unterscheidet.“

Ted Gaier selbst wird beim Protest „näher am Fußvolk“ sein und mit einer Art Schlachtenkapelle marschieren. Die Mainstream-Deutschrocker wie „Juli“ oder „Wir sind Helden“, die auf den Festivals auftreten, nennt er „evangelische Kirchentagslinke“.

Was Rock ist und was links ist

Darüber kann Judith Holofernes nur lachen. Die Sängerin und Texterin von „Wir sind Helden“ sitzt zusammen mit dem Gitarristen und Keyboarder Jean-Michel Tourette im trödelmarktartigen Besprechungszimmer ihrer Plattenfirma in Berlin-Kreuzberg. „Wenn man eine gewisse Freundlichkeit, mit der man auf die Welt zugeht, als evangelisch betrachtet, dann sage ich mal ganz evangelisch: Geh in Frieden, junger Mensch, der du das gesagt hast“, sagt sie, schiebt die Schultern zurück und strahlt. Sie trägt ein blau-weiß gestreiftes Kapuzenkleid. Unter dem Gürtel zeichnet sich noch ein kleiner Babybauch ab, denn „Wir sind Helden“ haben gerade Zuwachs namens Friedrich bekommen. Elternschaft macht eine lässige Berliner Band offenbar noch entspannter als Erfolg, und so sagt sie: „Es gibt Leute, die sich sehr über Abgrenzung definieren und sehr viel übers Wütendsein und deshalb eine gewisse Erwartung haben an das, was Rock ist, und das, was links ist.“ Sie fühle sich überhaupt nicht verpflichtet, diesem Image zu entsprechen. „Ich finde auch nichts braver, als so einem Image entsprechen zu wollen.“

Trotzdem haben die „Helden“ gezögert, bevor sie zugesagt haben. 2005 haben sie beim Live8-Konzert in Berlin gespielt und sehen das sehr kritisch. „Das war von vorne bis hinten gebrandet“, sagt sie mit einem Marketingausdruck, „und die Klingeltöne kamen einem aus den Ohren wieder raus.“ Sponsor des Konzerts war ein Mobilfunkunternehmen. „Wir sind Helden“ sorgen sich außerdem darum, dass ihr Engagement als Eigenwerbung missverstanden wird. Tourette wirft ein: „Wir machen dieses Konzert sicher nicht, weil wir uns davon ein tolleres Image versprechen.“ Dabei würde es Attac als Organisator gar nicht stören, wenn die Steigerung der eigenen Popularität auch ein Anliegen des Auftritts wäre: „Da die Bands kostenlos bei uns auftreten, haben wir nichts dagegen, wenn sie das auch nutzen, um sich ins Rampenlicht zu stellen“, sagt Nico Wehnemann von Attac. Doch angefragt habe man nur bei Musikern, die für politische Aussagen bekannt seien.

Rückzug ins heimische Territorium

Damit können „Wir sind Helden“ dienen, in beinahe jedem Interview sagen sie etwas zur Politik. Doch ihre Texte haben - wie der Großteil des populären Deutschrocks - eine Innerlichkeit, die nur selten das heimische Territorium verlässt. So könnte „Gekommen um zu bleiben“ auf dem Attac-Sampler und auf dem zweiten Album der Band zwar den perfekten Soundtrack für Straßenblockaden abgeben. Eigentlich war dies aber die trotzige Hymne, die den Erfolg des zweiten Albums nach dem bejubelten ersten besiegeln sollte. Erst auf dem soeben erschienenen dritten Album findet sich ein Stück, das globale Zusammenhänge erahnen lässt. In „Der Krieg kommt schneller zurück, als du denkst“ singt Holofernes: „Wie weit ist weit genug weg / Wie weit ist weg? / Na warte / Wie weit ist weit genug weg / Zehn Finger breit auf der Karte“. Wenn Holofernes diesen Text ausspricht, klingt er wie ein Gedicht. Sie betont ihn, als würde sie ihn singen. Er sei „eine Anspielung auf dieses Sicherheitsgefühl, in dem wir uns wiegen, dass Kriege, die woanders stattfinden, nicht unsere sind“. Das findet sie sehr politisch und sehr global und damit passend zum G-8-Gipfel, der von Attac kritisiert wird als „Vorreiter einer auf Krieg gestützten Weltordnung“.

An politischen Texten mit eindeutigem Appellationscharakter herrscht Mangel in der deutschen Popmusik. Man beschäftigt sich lieber mit sich und den Widrigkeiten des Alltags. Nach einigen Minuten des Überlegens seufzt Jean-Michel Tourette und sagt: „Einigen wir uns darauf - es ist schwer, eine wirklich politische Band zu finden.“ Niko Maurer von „Madsen“, die ebenfalls auf dem Protestfestival auftreten, meint: „Die meiste Musik ist heutzutage unpolitisch, und viele Jugendliche interessieren sich dafür auch gar nicht mehr.“

Sonne, Mond und Staat

Die Bands behelfen sich mit der Feststellung: Wir sind in unseren Texten zwar unpolitisch, privat aber nicht. Zum Beispiel „Juli“, die mitreißend kitschig über Wellen, Sonne, Mond und Sterne singen, dabei den Regen nicht vergessen, aber den Staat und seine Wirtschaftsordnung. Attac hat sie eingeladen, zwei von ihnen werden nach Rostock kommen und spielen - unplugged und nicht unter dem Namen „Juli“. Gitarrist Jonas Pfetzing sagt: „Wir wollen zeigen, dass wir die G 8 für nicht legitimiert halten“, gibt aber gleichzeitig zu: „Unter unserem Bandnamen wollen wir generell nicht politisch in Erscheinung treten. Dafür sind wir uns untereinander viel zu uneinig.“ Sie wissen, dass man sie nach dem Auftritt anfeinden wird. „Aber vielleicht denken dann drei, vier Leute über das Thema G 8 nach, die es sonst nicht tun würden.“ Auch bei Attac sieht man das pragmatisch. „Wir wollen ja durchaus auch eher unpolitische Leute vor die Bühne holen“, sagt man dort.

Der G-8-Protest als Informationsveranstaltung mit Event-Charakter? Bernadette La Hengst, einst Sängerin von „Die Braut haut ins Auge“, jetzt Solokünstlerin und auch auf dem Attac-Sampler vertreten, sagt: „Dadurch, dass sich jetzt so viele Künstler an den Protesten beteiligen, hat man fast den Eindruck, der G-8-Gipfel wäre ein großes Polit-Kunstevent, eine Art Woodstock der nuller Jahre. Das finde ich genauso bedenklich wie den Versuch, den Protest zu kriminalisieren.“ Vorreiter dieser Bewegung, die die Unterhaltung über den Protest stellt, scheint Jan Delay zu sein, der in einem Interview sagte: „Wenn in meiner Musik Protest liegt, dann muss das Entertainment sein.“ La Hengst fragt, ob solches Pop-Engagement überhaupt Wirkung auf die Politiker zeigt - und so recht mag keiner der Künstler diese Frage beantworten.

Zumindest bescheren die Musikgrößen den Protestveranstaltungen Zulauf, ob nun von politischen oder unpolitischen Musikfreunden. Attac rechnet insgesamt mit 100.000 Teilnehmern auf und vor der Bühne sowie in den Zeltlagern. Sollte das Festival mit politischen Nebentönen dem Vorbild Woodstock wenigstens in einem nacheifern, dann dürfte diese Zahl deutlich übertroffen werden. In Woodstock rechneten die Veranstalter mit 60.000 Besuchern - es kamen mehr als 400.000.

Text: F.A.Z., 30.05.2007, Nr. 123 / Seite 40
Bildmaterial: ddp, dpa, Franka Bruns, Thomas Brill

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche