Von Tilman Spreckelsen
19. Mai 2008 Ist dem Mann noch zu helfen? Da ist die Zufallsbegegnung mit einer Frau im Trubel Londons, nicht einmal Worte werden gewechselt, es bleibt beim Anschauen im Vorübergehen, und doch kennt seine Bewunderung für die Fremde kein Maß. Tief getroffen, sucht er nach Worten, ihre Schönheit, ihr Lächeln, ihre ganze Erscheinung zu fassen, und gerät ins Stammeln hart an der Grenze der Lächerlichkeit. Er weiß , dass er seinen Freunden als Narr gilt, dass es mit seiner Reputation von diesem Moment an nicht mehr zum Besten steht, und doch bleibt er hartnäckig am Themse-Ufer und preist ohne die geringste weitere Absicht das, was er gesehen hat, er singt das hohe Lied auf die eigene Sehnsucht, die sich selbst genügt und sich vom Gegenstand, der den Anlass zu all dem gab, langsam löst.
Old Thames Side, das Lied, das jenen Liebesfuror beschreibt, stammt von Front Parlour Ballads, der vorletzten Platte des mittlerweile fast sechzigjährigen britischen Sängers und Gitarristen Richard Thompson. Es ist ein Höhepunkt bei seinem Konzert im Frankfurter Sinkkasten, das freilich an Höhepunkten nicht arm ist - Thompson spielt einundzwanzig große Lieder in knapp zwei Stunden; er scherzt mit der Menge, erfüllt Wünsche oder erklärt freundlich, warum dieses oder jenes geforderte Lied besser in größerer Besetzung klingt, nur leider hänge seine Band seit dem frühen Morgen in Heathrow fest. Die Bühne verlässt er erst nach drei ausgedehnten Zugaben und wirkt immer noch frischer als Teile seines Publikums.
Vierzig Jahre ohne Platitüde, ohne Phrase, ohne Schlenker
Natürlich weiß er, woraus er schöpft: Im riesigen, in mehr als vierzig Jahren entstanden Werkkatalog Thompsons wird man keine einzige Platitüde finden, keine Phrase, keinen Schlenker, bei dem es sich der Künstler leichtgemacht hätte. Dort, wo er in seinen Liedern episch erzählt, hält er es mit pragmatischen Ausdrucksformen: Bei der Wahl zwischen der längeren oder der kürzeren Geschichte nimmt er die schönere, und im Konzert stehen ausufernde Gitarrensoli neben geradezu spartanischen Versionen der Stücke - Keep Your Distance, so geradlinig in seiner Botschaft, wie der Titel verheißt, bleibt an diesem Abend ganz ohne Kadenz, und was auf der Platte in ein schönes Solo für Drehleier mündet, fällt hier, wo die Drehleier fehlt, eben unter den Tisch.
Dafür mischt Thompson in das Unterwerfungslied Crawl Back (Under My Stone) sinnvollerweise ein Zitat aus Griegs Tanz in der Halle des Bergkönigs, er spickt seine Klassiker wie Wall of Death oder Cocksferry Queen mit effizienten Ausschweifungen der Gitarre, und weil er dabei vom ersten Lied an so stupende Rhythmen hören lässt, vermisst man Schlagzeug und Bass keine Sekunde.
Was Liebenden in ihrer Blindheit unterläuft
Und neben all dem Bewährten - Thompson spielt natürlich die wenigen Hits, die er im Verlauf seiner Karriere feiern durfte, Bright Lights und Persuasion - stehen Lieder, die zögerlich ausloten, was Liebenden in ihrer Blindheit unterläuft: I misunderstood, singt er, mit steigender Intensität des Refrains, wenn er von der Begegnung mit einer allzu höflichen Bekannten berichtet, I thought she was saying good luck, she was saying good bye, oder eben jene Liebesgeschichte von 1969, die Thompson viel später in das fulminante Lied Beeswing gegossen hat, wo er davon erzählt, wie ein Junge ein Mädchen wegen dessen Wildheit liebt und daher mit jedem Versuch, sie zu besitzen, scheitern muss.
Es ist das Sehnen, das sich durch Thompsons Lieder zieht und ihn, der aus vielen Quellen schöpft, eben auch als Erben der britischen Bardentradition ausweist. Das wäre auf die Dauer vielleicht schwer erträglich, hätte Thompson die Trivialität nicht so gründlich aus seinem Werk verbannt wie kaum einer seiner Kollegen. Stadien füllt man damit nicht, auch nicht den überschaubaren Sinkkasten. Thompson trägt es mit Fassung. Und vielleicht setzt, wer sich am Themse-Ufer derart verzaubern lässt, ohnehin andere Prioritäten.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Marcus Kaufhold
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