Legenden

Der Mann, der Elvis war

Von Edo Reents

15. August 2007 Alles, was er berührt hat, alles was ihn berührt hat, kommt nun (wieder) zusammen. Eine Mittsechzigerin aus Bad Nauheim berichtet dieser Tage, wie der Musiker ihr, der damals Vierzehnjährigen, über die Wange gestrichen habe, die daraufhin eine Woche lang ungewaschen blieb; die jetzt am einstigen Armeestandort eröffnete und bis zum 16. September laufende Ausstellung „Friedberg - Army Home of Elvis Presley“ zeigt rund zweihundert Objekte; andernorts, in Bad Nauheim, Berlin und Bayern, ist Ähnliches geboten, dazu Talk- und Showreihen, Interviews mit Leibwächtern, Fotografen und Doppelgängern.

Unter dem gewaltigen, aber wenig Abwechslung bietenden Material - Gegenständliches, Geschriebenes, Gesagtes, Gedachtes - liegt jemand begraben, dessen Sterbetag sich an diesem Donnerstag zum dreißigsten Male jährt. „Nichts hat seit der Ermordung Kennedys den englischsprechenden Westen so berührt wie dieser Tod“, hieß es damals in dieser Zeitung. War der 16. August 1977 der Tag, an dem die Rockmusik starb, wie es der amerikanische Sänger Don McLean in dem Song „American Pie“ schon über Buddy Hollys Flugzeugabsturz wissen wollte?

Verfehltes Wesen und Wirken

Selbst wenn es so sein sollte (wofür manches spricht) - die Musik Elvis Presleys scheint uns nicht erst heute eigentümlich fern. Auch sie ist begraben unter dem Schutthaufen, der bisweilen mit rührend liebevollem Dilettantismus, bisweilen auch bloß aus Geschäftssinn zusammengetragen wird, aber über die Kunst dieses Menschen herzlich wenig aussagt. Der direkte Zugang dazu ist verstellt. Die Logik, nach der die Karriere dieses größten Popstars aller Zeiten ablief, scheint uns allen geläufig, und doch begeben wir uns, sobald wir darüber reden, in die immer gleichen Schleifen - Überwindung der Rassenschranken, sexuelles Einheizertum, Fress- und Drogensucht, Selbstzerstörung, Einsamkeit - und verfehlen selbst mit dem, was davon wahr und gesichert ist, Wesen und Wirken dieses Mannes. Gibt es denn nichts Anderes über ihn zu sagen?

Vielleicht liegt es ja gerade an der Unmittelbarkeit, mit der diese Stimme und dieser Körper bis heute wirken, an, sofern es Elvis persönlich und nicht seinen Manager Colonel Tom Parker betrifft, seinem fast vollständigen Mangel an Berechnung, ja, vielleicht auch Bewusstsein, dass er uns dermaßen entrücken konnte und immer weiter entrückt, je mehr über ihn verbreitet wird. Der Kritiker Greil Marcus, der das Phänomen vermutlich am tiefsten erfasst hat, blieb jedenfalls weitgehend ungehört mit seinem noch zu Elvis Presleys Lebzeiten geäußerten Vorschlag, das ganze Material einmal beiseitezulassen und das Genie ins Auge zu fassen. Entweder sind wir geblendet von einer solchen Erscheinung, oder wir blicken ihr als etwas nach, das wie in einem schwarzen Loch verschwunden scheint. Von einer Heiligenverehrung zu sprechen bedeutet schließlich auch nur, die Frage, welchen Aufschluss all die Reliquien des Meisters denn noch geben sollen, zu stellen, nicht aber, sie zu beantworten.

War er doch der erste Punk?

Es spricht für eine in der Popkultur einzigartige Deutungskraft, die diese Figur bis heute herausfordert, dass einige der einflussreichsten Theorien des zwanzigsten Jahrhunderts sich an ihr plausibel erprobten und deren Kern trotzdem verfehlten. Denn was sagt es aus, dass dieses Idol die Kulturindustrie verkörpert wie niemand sonst? Und was sagt die freudsche Idee vom „Prothesengott“ über seine Bedeutung? Der Popdiskurs wird an ihm, von dem kaum nennenswerte Selbstreflexionen überliefert sind, vollends zuschanden, wenn er jetzt schon fragt, ob Elvis nicht doch der erste Punk gewesen sei, Vertreter einer Bewegung also, die alles daransetzte, ihn und seinesgleichen abzuwickeln wie eine fett und träge gewordene Altlast.

Eines war Elvis Presley jedenfalls nicht: ein Messias - er kam ja unverhofft. Er wurde mit all den bis heute kolportierten Lebendsichtungen und Kontaktnahmen, mit den Pilgern, Jüngern und Verrätern nur dazu gemacht, weil er sich nicht dagegen wehrte und es ihm, auf wiederum geniale Weise, vermutlich auch egal war, was man über ihn dachte. Eines aber hat er in seiner merkwürdigen Weltfremdheit und Volkstümlichkeit jeden, der sich für Rockmusik interessiert, gelehrt wie kein Zweiter: die Fähigkeit zu trauern.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, CINETEXT, Cinetext Bildarchiv, Cinetext/Allstar, Cinetext/Sammlung Beyl, dpa, F.A.Z.-Rainer Wohlfahrt

 

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