20. April 2006 Präsident Bush hat jetzt noch einmal bekräftigt, daß er sich gegen Iran alle Optionen vorbehält. Eigentlich ist das nicht neu. Die amerikanische Regierung sagt seit längerem, daß sie eine diplomatische Lösung des Atomstreits wünscht, die Anwendung militärischer Gewalt aber nicht von vornherein ausschließt. Trotzdem werden Bushs Äußerungen in der Öffentlichkeit mit zunehmender Nervosität aufgenommen. Bei vielen ist der Eindruck entstanden, daß sich hier wieder eine kaum noch friedlich beizulegende Konfrontation zwischen Amerika und einem islamischen Land zusammenbraut. Wird Iran der zweite Irak des Präsidenten?
Letztlich ist es schwer vorherzusagen, welchen Kurs Washington wählen wird, falls die iranische Führung ihr Atomprogramm immer weiter vorantreibt. Entscheidungen für oder gegen Kriege werden stets von vielen Überlegungen beeinflußt, politischen ebenso wie militärischen oder wirtschaftlichen. Eines läßt sich aber jetzt schon sagen: Im Fall Irans herrschen ganz andere strategische Bedingungen als zur Zeit vor dem amerikanischen Einmarsch im Irak.
Kein Kinderspiel
Das fängt bei der Frage an, welche Operationen überhaupt sinnvoll wären. Für die Weltmacht Amerika war der Sturz Saddam Husseins militärisch gesehen fast ein Kinderspiel. Die technisch hoffnungslos unterlegenen Truppen des Bagdader Diktators hatten den Amerikanern nicht viel entgegenzusetzen. In Iran sähe das anders aus.
Eine Möglichkeit wäre, das Land ebenfalls zu besetzen und die Regierung zu beseitigen. Auch wenn man die ständigen Bekundungen militärischer Stärke in Teheran nicht für bare Münze nehmen sollte, ist doch nicht zu übersehen, daß der Einmarsch in ein weitgehend gebirgiges Land mit einer relativ gut ausgestatteten Armee etwas anderes wäre als die Beseitigung der von jahrelangen Sanktionen geschwächten Streitkräfte des Flachlandes Irak.
An der Grenze zur Überdehnung
Hinzu kommt, daß die amerikanische Armee durch die Einsätze im Irak und in Afghanistan schon heute an der Grenze zur Überdehnung agiert. Die Besetzung eines weiteren Flächenlandes in einer fernen Weltgegend dürfte nach der Erfahrung im Irak wenige Befürworter in Washington haben. Sie würde außerdem die Verteidigungsplanung des Pentagons sprengen, die auf die gleichzeitige Bewältigung von zwei Regionalkonflikten ausgelegt ist.
Deshalb beschäftigte sich die amerikanische Debatte in jüngster Zeit vor allem mit der Möglichkeit, die iranischen Atomanlagen durch Luftangriffe zu zerstören. Eine Veröffentlichung in der Zeitschrift The New Yorker legte sogar nahe, daß die Amerikaner dabei Kernwaffen einsetzen könnten, um tief im Erdreich vergrabene Anlagen (wie die Urananreicherungsanlage Natanz) zu zerstören.
Fachleute stufen das als sehr spekulativ ein, da die amerikanischen Streitkräfte noch keine Tests mit sogenannten bunkerbrechenden Atomwaffen vorgenommen haben und der Kongreß ein entsprechendes Entwicklungsprogramm im vergangenen Jahr sogar gestoppt hat. Besonders aussichtsreich erscheinen Luftschläge ohnehin nicht, auch wenn sie nur mit konventionellen Bomben vorgenommen würden. Das iranische Atomprogramm ist auf viele Orte verteilt, so daß wahrscheinlich tage- oder wochenlange Luftangriffe nötig wären. Es gibt Schätzungen, daß (einschließlich militärischer Stellungen) bis zu 300 Ziele zu vernichten wären. Und selbst wenn man sich auf ein, zwei große Anlagen wie Natanz oder die Urankonversionsfabrik in Isfahan beschränkte, bliebe das Wissen der Ingenieure erhalten. Luftangriffe dürften das iranische Atomprogramm allenfalls um ein paar Jahre verzögern.
Achillesferse Irak
Hinzu kommt, und das wiegt besonders schwer, daß Iran über ganz andere Mittel zur Gegenwehr verfügt als Saddam Hussein. Die Achillesferse jeder amerikanischen Operation gegen Iran ist die verfahrene Lage im Irak. Das schiitische Regime in Teheran kann jederzeit seine Glaubensbrüder im Irak gegen die Besatzer und gegen die Bagdader Regierung aufwiegeln. Für die amerikanische Nahost-Politik wäre das einer der größten Rückschläge, die sich überhaupt denken lassen. Außerdem könnten die Iraner auch direkt Vergeltung für Angriffe auf ihr Territorium üben: Sie verfügen über ballistische Raketen, die Israel erreichen können, und haben die Möglichkeit, Attentate in westlichen Ländern ausführen zu lassen.
Auch in der Weltpolitik hat Iran heute eine andere Position als der Irak 2003. Saddam Hussein hatte am Ende keine belastbaren Verbündeten mehr, er war weitgehend isoliert. Den Amerikanern kam zugute, daß nach dem Zerfall der Sowjetunion keine Gegenmacht mehr existierte, die so stark gewesen wäre, daß man auf ihre Interessen in Nahost hätte Rücksicht nehmen müssen. Die gibt es zwar heute auch nicht, aber Iran hat es doch verstanden, sich über wirtschaftliche Bindungen drei wichtige Länder zu Partnern zu machen: Rußland will den Iranern Atomtechnik verkaufen und über Teheran überhaupt wieder Einfluß in der Region gewinnen; und die beiden asiatischen Wachstumsländer China und Indien möchten in Iran dringend benötigtes Öl und Gas kaufen.
Hohe politische Kosten
Keine dieser drei Regierungen hätte genug Gewicht, um amerikanische Militärschläge zu verhindern. Aber Washington müßte in dem Fall eine Beschädigung der Beziehungen zu drei Ländern in Kauf nehmen, mit denen es auf anderen Gebieten zusammenarbeiten will. Schon der transatlantische Streit über den Irak-Krieg hat gezeigt, daß selbst für eine militärisch einzigartige Weltmacht hohe politische Kosten anfallen können, wenn sie die Wünsche ihrer Partner ignoriert.
All diese Faktoren werden auch der Führung in Teheran bewußt sein. Vermutlich sind sie ein wesentlicher Grund für die Kompromißlosigkeit und Großspurigkeit, mit der die iranische Führung derzeit im Atomstreit auftritt. Teheran sucht eine Phase relativer amerikanischer Schwäche zu nutzen, um sein Atomprogramm auszubauen. Je weiter das Land damit kommt, desto schwieriger dürfte es für das Ausland werden, die Iraner zu einer Beschränkung auf den ausschließlich zivil nutzbaren Teil der Atomtechnik zu bewegen.
Allerdings hat der Westen auch noch nicht versucht, die Kosten für Iran zu erhöhen. Für die Iraner war der Verlauf des Atomstreits bisher ein einziger Gewinn: Noch vor Jahren hatten die Amerikaner den Standpunkt vertreten, Iran solle überhaupt kein Atomprogramm haben. Heute spricht ihnen niemand mehr das Recht zum Betrieb eines zivilen Kernprogramms ab. Früher mußten sie die entscheidenden Anlagen im verborgenen aufbauen. Heute sind sie nicht mehr auf dunkle Schmugglerringe aus Pakistan angewiesen, sondern haben es geschafft, Schlüsseltechnologien wie die Urananreicherung oder die Urankonversion selbst zu betreiben. Erst wenn ernsthaft Sanktionen drohen, dürfte sich die Kalkulation in Teheran verändern.
Text: F.A.Z., 20.04.2006, Nr. 92 / Seite 10
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