Ahmadineschads Brief an Bush

Glaube und Größenwahn

Von Christiane Hoffmann

Ahmadineschad: Die meisten Iraner halten ihn für ehrlich

Ahmadineschad: Die meisten Iraner halten ihn für ehrlich

14. Mai 2006 Ein religiöser Herrscher, im Vollbesitz göttlicher Weisheit, wendet sich an einen anderen religiösen Herrscher, um ihn an seiner Erleuchtung teilhaben zu lassen. „Halte ein“, ruft er ihm zu, „besinne dich. Wende dich ab vom falschen Weg. Sei eingedenk des Leidens und des Urteils deines Volkes und der ganzen Menschheit. Sei eingedenk des Jüngsten Gerichts, an das wir beide glauben. Kehre um!“ Es ist der 8. Mai des Jahres 2006. Der iranische Präsident Mahmud Ahmadineschad schreibt dem amerikanischen Präsidenten einen Brief.

Als unberechenbar, ungeduldig, unreif, von einfachem Gemüt und simplistischer Weltsicht haben ihn einstige Weggefährten beschrieben. Aber auch als zielstrebig, hart arbeitend und effektiv. Penetrant stilisiert er sich zum kleinen Mann, von der einfachen Herkunft über die schlechte Kleidung bis hin zur Fußballeidenschaft. Wer ist dieser Mann, und wie mächtig ist er wirklich?

Marionette konservativer Machteliten?

Von Robin Hood bis Hitler hat die Welt ihm in weniger als einem Jahr schon viele Etiketten verpaßt. Die einen sehen ihn als Herausforderer des religiösen Führers, der die Macht in der islamischen Republik an sich reißen will. Die anderen halten ihn nur für die zappelnde Marionette konservativer Machteliten, einen Zufallspräsidenten, dessen populistischer Instinkt ihm das politische Überleben sichert.

Die meisten Iraner halten ihren Präsidenten für ehrlich. Echt in seiner Volksnähe, seinem messianischen Aberglauben und seinem Sendungsbewußtsein. Dies sei einer, der sagt, was er denkt, und der glaubt, was er schreibt, heißt es oft.

Ein herablassender Brief an Bush

Als habe es zwischen den beiden Erzfeinden nicht Jahrzehnte des Kontaktverbots gegeben, greift Ahmadineschad zur Feder. Er wählt die direkteste Form indirekten Kontakts, den persönlichen Brief. Aber was er schreibt, ist kein Angebot zur Verständigung. Es ist eine Aufforderung zur Bekehrung, ebenso herablassend wie naiv. Es geht nicht um Kompromisse oder die Lösung eines Konflikts. Dies ist das Schreiben eines Erleuchteten. Als Ahmadineschad im vergangenen Herbst der Welt von der Rednertribüne der Vereinten Nationen herab eine Moralpredigt hielt, leuchtete, so bezeugte er später, ein Heiligenschein über seinem Kopf.

Es ist nicht das erste Mal, daß Ahmadineschad seine Chuzpe unter Beweis stellt. Konventionen und Etikette verachtet er, wie alle Regeln, die nur vom Menschen gemacht sind. Hierarchien und Institutionen, sei es Parlament oder Klerus, schätzt er gering. Für ihn gilt nur das göttliche Gesetz. Er bedarf nicht der Vermittlung der Gelehrten, er hat seinen persönlichen Draht zu Gott.

Kein einziges Mal erwähnt er im Brief den religiösen Führer Irans, das Staatsoberhaupt, der ihm befohlen haben soll, sich aus der Außenpolitik herauszuhalten. Er schreibt von Präsident zu Präsident: Sie und ich und der Allmächtige. Er ist nicht aggressiv, er klagt nicht an. Er sagt nicht: Ihr seid der große Satan. Er sagt: Deine Seele kann gerettet werden. Voller Großmut gesteht er dem amerikanischen Präsidenten zu, kein Ungläubiger zu sein, sondern einer, der an denselben Gott glaubt wie er selbst.

Vielen Muslimen spricht er aus dem Herzen

Bedauernswerterweise nur scheint Amerikas Präsident den eigenen Glaubensgrundsätzen nicht zu folgen. Es ist gar nicht nötig, ihn direkt anzugreifen. Ahmadineschad glaubt, daß sich die Doppelmoral amerikanischer Politik von selbst entlarvt. Mehr noch: Maliziös verleiht er seiner Beunruhigung darüber Ausdruck, daß das Ansehen Amerikas in der Welt in jüngster Zeit so gelitten hat.

Er ist ein Populist mit demagogischem Talent. Unbarmherzig weist er auf scheinbare und wirkliche Widersprüche westlicher Politik hin. Wenn ihr die Juden ermordet habt, warum müssen die Palästinenser dafür büßen? Wie läßt sich Guantanamo mit euren Menschenrechten vereinbaren, wie der Boykott der Hamas mit der Demokratie? Wie Machtpolitik mit den Lehren Jesu Christi? Ahmadineschad weiß, daß er vielen in Iran, in der islamischen Welt und weit darüber hinaus aus dem Herzen spricht. Zugleich schreibt er mit einem Seitenblick auf diejenigen in Iran und in der Welt, die ihm Kriegstreiberei vorwerfen. Der Brief soll seinen Friedenswillen demonstrieren, so, wie er sich bei öffentlichen Auftritten seit kurzem mit Friedenstauben umgibt. Ein schlauer Schachzug: Ahmadineschad verschafft sich Gehör und läßt zugleich die amerikanische Seite als verständigungsunwillig erscheinen.

Keine Opferhaltung

Verständigung? Man spricht verschiedene Sprachen. Westliche Nachrichtenagenturen durchforsteten das 18 Seiten lange Traktat vergeblich nach Nuklearstreit, Drohungen oder Zugeständnissen, nach Anreicherungsgraden und Zentrifugenkaskaden. Und Amerikas Außenministerin bescheinigte dem iranischen Präsidenten dies: „In dem Brief gibt es nichts, das in irgendeiner Weise irgendeines der Themen anspricht, die wirklich in der internationalen Gemeinschaft auf dem Tisch sind.“

Ahmadineschad, der Emporkömmling, geboren in einer Lehmhütte in einem iranischen Provinznest, schreibt dem mächtigsten Mann der Welt. Und er nimmt für sich in Anspruch, im Namen der Menschen in Iran und der Region zu schreiben, im Namen des geschundenen amerikanischen Volkes, im Namen der Menschheit. Ahmadineschad nimmt keine Opferhaltung ein. Die schiitische Leidenshaltung, Opfer ungerechter Herrschaft zu sein, klingt höchstens am Rande an, ebenso Versatzstücke von Drittwelt-Ideologie.

Ahmadineschad spricht nicht aus einer Position der Unterlegenheit, der Ausgebeuteten, der Kolonialisierten und Gedemütigten. Im Gegenteil: Hier schreibt einer, der davon überzeugt ist, daß ihm und seiner Weltsicht die Zukunft gehört - während für Liberalismus und westliche Demokratie bereits die Totenglocken läuten.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
Bildmaterial: dpa/dpaweb

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