Atomkrise in Iran

Das drängendste Problem der Weltpolitik

Von Nikolas Busse

Israel glaubt nicht an Irans Gebaren, Abwehrsysteme hat man trotzdem

Israel glaubt nicht an Irans Gebaren, Abwehrsysteme hat man trotzdem

11. April 2007 Die Jubelmeldungen aus Teheran über den Eintritt Irans in den Kreis der Nuklearmächte bedeuten nicht, dass das Land kurz vor der Fertigstellung seiner ersten Atombombe steht. Selbst mit den 3000 Zentrifugen, die nun angeblich in Betrieb sein sollen, ließe sich erst in ein, zwei Jahren genug Sprengstoff für eine Kernwaffe herstellen.

Aber der Vorgang zeigt, wie fieberhaft die Mullahs an einer gefährlichen Schlüsseltechnologie arbeiten. Man sollte nicht vergessen, dass die Urananreicherung, die Präsident Ahmadineschad zu einem nationalen Schicksalsprojekt verklärt, ansonsten fast nur in Ländern betrieben wird, die über Atomwaffen verfügen. Wer die Kernenergie nur zur Stromerzeugung nutzen will, kann das auch ohne nationale Anreicherung tun. Deshalb ist den Iranern im Atomstreit nicht zu trauen, auch wenn das vielen Menschen in Europa lieber wäre.

Das iranische Tempo sollte zu denken geben

Entscheidend ist, dass die iranischen Ingenieure allmählich die Testphase hinter sich lassen. Je besser sie die Zentrifugentechnologie beherrschen, desto leichter wird ihnen die Umstellung von einer zivilen auf eine militärische Nutzung fallen, sobald die politische Führung das wünscht. Das Tempo, das die Iraner dabei vorlegen, sollte vor allem jenen westlichen Politikern zu denken geben, die eine nukleare Aufrüstung der Islamischen Republik immer noch für ein Szenario halten, über das erst in ferner Zukunft nachzudenken wäre.

Die arabischen Nachbarn machen sich heute schon Gedanken über eigene Nuklearprogramme; auch Amerika und Israel werden nicht mehr lange zusehen, wie ihr Erzfeind sich eine nukleare Option verschafft. Das iranische Atomprogramm ist das drängendste Problem der Weltpolitik - gerade weil es durch den Schlamassel im Irak und die neue Frontstellung zwischen Schiiten und Sunniten verschärft wird.

Deshalb wird man es noch einmal mit schärferen Sanktionen versuchen müssen. Die Zwangsmaßnahmen, die der UN-Sicherheitsrat bis jetzt verhängt hat, haben schon Wirkung gezeigt und in Teheran erste interne Debatten über die Atompolitik hervorgerufen. Ahmadineschad sitzt bei weitem nicht so fest im Sattel, wie er mit seiner Großsprecherei vorgibt. Das Angebot der EU zur Lösung der Krise ist großzügig und fair - es wird lukrativer erscheinen, wenn der Preis steigt, den Iran für seinen Starrsinn zahlt.

Text: F.A.Z., 11.04.2007
Bildmaterial: AFP

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Atomkrise

Mindestens tausend Zentrifugen in Iran installiert

Irans Präsident Ahmadineschad provoziert weiter

Iran hat sein Atomprogramm nach F.A.Z.-Informationen tatsächlich erheblich ausgeweitet. Nach Ansicht der Atomenergiebehörde könnte Teheran in sechs Jahren eine Atombombe bauen. Unterdessen zeigen die UN-Sanktionen Wirkung.

Israels Perspektive

„Nukleare Angeberei“

Israel bleibt wachsam, hegt aber Zweifel an den jüngsten atomaren Erfolgsmeldungen aus Iran. Entsprechend verhalten sind die Reaktionen. Militärs raten, die Kluft zwischen der schiitischen Führungsclique und der säkularen Mehrheit zu vertiefen, um Ahmadineschad zu schwächen.

Amerikas Perspektive

Diplomatische Lösung bevorzugt

Zählt Iran zur “Achse des Bösen“: George W. Bush

Die Vereinigten Staaten schließen im Atomstreit mit Iran militärische Optionen ausdrücklich nicht aus. Priorität genießen jedoch diplomatische Bemühungen. Die Regierung Bush hätte gern strengere Sanktionen - Peking und Moskau blockieren.

Zehntausende Zentrifugen angekündigt

Teheran stur: „Kein Weg zurück

Irans Präsident Ahmadineschad: Provokation des Westens?

Den Warnungen der Weltgemeinschaft zum Trotz will Teheran die industrielle Anreicherung von Uran intensivieren. Die EU dringt darauf, das Land müsse sich „an die Regeln des Nichtverbreitungsvertrags“ halten. Teherans Führung zeigt sich unbeirrt in ihrem atomaren Ansinnen.

Unklarer Fortschritt

Zur Erfolgsmeldung gezwungen?

Im Frühjahr 2006 besuchte Ahmadineschad die Atomanlage in Natans

Der Westen bezweifelt, dass Iran die kritische Stufe der Atomtechnik schon erreicht hat. Durch großspurigen Ankündigungen hatte Teheran sich selbst unter Druck gesetzt. Doch Befürchtungen um ein geheimes militärisches Atomprogramm bleiben.

Strukturen in Teheran

Unübersichtliches Machtgeflecht

Ahmadineschad: Bewahrer des Erbes der Revolution

Iran spricht politisch oft nicht mit einer Stimme. 28 Jahre nach ihrer Gründung ist das Machtgefüge der Islamischen Republik nicht eindeutig geregelt. Das wurde zuletzt während der Krise um die gefangenen britischen Soldaten deutlich und erschwert auch den Atomstreit.

Technik

Urananreicherung in einer Gaszentrifuge

Natürliche Uranvorkommen enthalten etwa 0,7 Prozent des spaltbaren Isotops Uran-235. Für die militärische Nutzung muss dieser Wert auf 80 Prozent erhöht werden. Das Verfahren, das auch in Iran verwendet wird, ist denkbar einfach.

Aussichten

Neuer Spielraum für Verhandlungen?

Die Ankündigung Teherans, Uran in industriellem Ausmaß anzureichern, könnte vor allem innenpolitisch motiviert gewesen sein. Russland sieht jedenfalls keine Beweise für einen technischen Durchbruch.