28. November 2008 Ich habe Lisa erst vor einiger Zeit auf Twitter entdeckt. Twitter ist eine Seite, auf der man Kurznachrichten schreibt, die andere dann lesen können. Man hat für jede Nachricht nur hundertvierzig Zeichen Platz, weniger als bei einer SMS im Handy, das bringt so einen selbstironischen Ton zustande, der mir gut gefällt.Im Grunde habe ich Lisa nicht entdeckt, ich habe sie von dem Kollegen übernommen, der mir Twitter gezeigt hat.
Er hatte sie unter den Leuten eingetragen, denen er folgt, das heißt, bei denen er angezeigt bekommt, wenn sie wieder etwas Neues geschrieben haben. Sie nennt sich nach einer Wolke und schreibt, wie eigentlich viele bei Twitter, was ihr gerade passiert, was sie macht oder denkt, aber es klingt oft cooler als bei anderen. Ein paar ihrer Nachrichten hab ich aufgehoben. Kontostände sind prekäre Scheiße, Boheme hin oder her zum Beispiel, oder Nimms nicht tragisch, is eh einkalkuliert, wir üben Adorno. Das hat was von Berliner Schnauze, es ist resolut, aber auch unnahbar.
Anfangs hab ich gedacht, sie ist eine aus diesem elitären Zirkel der digitalen Boheme, die sich in Berlin ständig selber feiert. Sie hat immer mal angedeutet, wen sie so alles kennt und dass sie ein Buch schreibt, mit dem es gerade nicht so vorangeht. Ich musste sie zwei-, dreimal anschreiben, bevor sie geantwortet hat. Aber als sie mal in München war, haben wir uns getroffen, da war sie gar nicht so unnahbar. Wenn sie in der Stadt ist, trinken wir manchmal einen Kaffee zusammen, und dann twittern wir, dass wir gerade einen Kaffee zusammen trinken. Oliver Kucharski, 30, München
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