"Die Japaner wollen ihre Aggressionskriege rechtfertigen"

Ein Gespräch mit dem südkoreanischen Präsidenten Roh Moo-hyun: Lob für Deutschland und die amerikanische Nordkorea-Politik /Von Anne Schneppen

07. April 2005 SEOUL, 7. April. Wenn ein südkoreanischer Präsident nach Deutschland reist, liegen seine Interessen auf der Hand: Wirtschaftskooperationen und Erfahrungen Deutschlands aus der Vereinigung. Roh Moo-hyun setzt einen anderen Schwerpunkt: Ihn interessiert besonders, "wie es Deutschland gelungen ist, die Wunden des Krieges zu heilen, zu überwinden und den Prozeß der europäischen Integration voranzubringen". In einem Gespräch mit dieser Zeitung hebt der südkoreanische Staatspräsident die deutsch-französische Aussöhnung und die europäische Idee hervor. Sein Lob für Deutschland kontrastiert mit ungewöhnlich deutlicher Kritik an Japan. Ohne den direkten Vergleich zu ziehen, spricht er grundsätzliche Unterschiede der Vergangenheitsbewältigung an. "Das eigentliche Problem liegt darin, daß die Japaner ihre früheren Aggressionskriege weißwaschen und rechtfertigen wollen. Entscheidend aber für die Sensibilität der Koreaner ist, daß, falls Japan fortfährt, jüngeren Generationen eine glorifizierende Version seiner Geschichte zu vermitteln, eine solche Erziehung unsere Hoffnungen auf eine friedliche Zukunft untergräbt." Roh besucht Deutschland auf dem vorläufigen Höhepunkt einer koreanisch-japanischen Krise, die ihren Ursprung in Japans einstiger Kolonialherrschaft und seinem früheren Militarismus hat.

"Es stimmt, daß Japan sich verschiedentlich entschuldigt hat. Aber Ereignisse der jüngsten Zeit haben diese Entschuldigungen gleichsam annulliert. Eine Entschuldigung ist nur in dem Maße gültig, wie anschließende Handlungen sie nicht untergraben." Damit spricht Roh die jüngsten Auseinandersetzungen zwischen Seoul und Tokio an. Es geht vor allem um neue, geschichtsklitternde Schulbücher, die am Dienstag vom japanischen Erziehungsministerium genehmigt wurden. Und es geht um eine kleine Inselgruppe, auf die jüngst die japanische Präfektur Shimane durch die Einführung eines Gedenktages Anspruch erhob. Vor allem die Provokation Richtung Dokdo - die Inseln, die Japan Takeshima nennt - rief in Südkorea heftige und emotionale Proteste hervor. "Dokdo ist ein Stück Land, das uns in Angriffskriegen geraubt wurde, und es war uns erst Anfang der fünfziger Jahre möglich, die Inseln zurückzuerhalten. Die Forderung, diese Inseln zurückzugeben, diese Beute eines Aggressionskrieges, ist ein Verlangen, das für das koreanische Volk nicht akzeptabel ist", sagt Roh. In Japan wird ihm dieser Tage vorgeworfen, er schüre die Emotionen. Beim Gespräch in seinem Amtssitz, dem idyllisch am Bergrand gelegenen "Blauen Haus" von Seoul, spricht Roh indessen ruhig und besonnen über die aktuelle Krise, referiert Geschichte aus dem Stegreif. Mitten im russisch-japanischen Krieg, am 22. Februar 1905, habe Japan Dokdo seinem Territorium mit der Begründung einverleibt, daß es sich um eine Insel ohne Besitzer handle. Die Japaner beriefen sich dabei auf eine Erklärung, die sie in jenen Tagen abgegeben hätten. Aber schon fünf Jahre vor dieser japanischen Erklärung habe die koreanische Regierung ihren Besitzanspruch formuliert. "Es gibt zahlreiche Beweise für unseren Anspruch, effektive Kontrolle über die Insel ausgeübt zu haben. Aber wichtiger als die Frage von Beweisen ist die Tatsache, daß die Insel auf dem Höhepunkt des Krieges durch einen Akt der Aggression dem japanischen Territorium zugeschlagen wurde."

Roh ist sich bewußt, daß er noch im Jahr 2003 verkündet hatte, er wolle von Forderungen nach neuen Entschuldigungen absehen, die Vergangenheit ruhen lassen. Doch seit er - im Februar 2003 - Präsident geworden sei, hätten sich die "Mainstream"-Politiker in Japan gesteigert. "Wir würden es vorziehen, diese Dinge der Vergangenheit nicht diskutieren zu müssen. Wir wünschen nicht ewig an die Vergangenheit erinnert zu werden, noch immer darüber zu sprechen. Denn es war keineswegs eine glückliche Vergangenheit. Aber wenn Japan diesen Kurs seines gegenwärtigen Verhaltens fortsetzt, wird das koreanische Volk mit Besorgnis und Angst an die Möglichkeit denken, daß ähnliche Ereignisse sich wiederholen." Der ehemalige Menschenrechtsanwalt sieht die Kontroverse um die japanische Vergangenheitsbewältigung nicht nur als eine Auseinandersetzung zwischen Tokio und einigen Nachbarländern: "Schließlich gilt auch, daß das japanische Verhalten nicht im Einklang mit den Werten steht, die für die ganze Menschheit gelten." Rohs Urteil ist hart: "Es ist schon ein großes Unglück für die ganze Welt, daß wir mit jenen zusammenleben müssen, die Akte der Aggression gegenüber anderen glorifizieren."

Südkoreas Staatschef läßt sich nicht darüber aus, wie weit er den politisch-historischen Streit mit Japan eskalieren lassen will. Statt dessen verweist er fast wehmütig auf eine Struktur in Europa, die er im Fernen Osten zu vermissen scheint: "Ich blicke mit Interesse und großer Bewunderung auf den Aussöhnungsprozeß, der zwischen Deutschland und Frankreich möglich wurde, ferner auf die allmähliche Entwicklung von der Europäischen Montanunion über die EG zur EU. Ich bewundere, wie es Deutschland gelungen ist, sich mit seiner jüngsten Vergangenheit auseinanderzusetzen, zu einem Ausgleich mit seinen Nachbarn zu gelangen und die inneren Spannungen zu überwinden, die sich aus einem solchen Prozeß ergeben. Gerade weil es dafür in Nordostasien, zwischen China, Japan und Korea, keinerlei Anzeichen für Hoffnung gibt, habe ich um so größeren Respekt für den ,Fall Deutschland' und Europa als Ganzes." Die japanischen Ambitionen für den UN-Sicherheitsrat will Roh nicht kommentieren, bei der Frage nach den deutschen entspannt sich sein Gesichtsausdruck. Man kann ihn interpretieren.

Gegenüber Nordkorea hat Rohs Vorgänger Kim Dae-jung eine Entspannungspolitik eingeleitet, die Roh im Prinzip fortführen will. Doch dies wird durch die nordkoreanische Nuklearkrise erschwert, vor wenigen Wochen erklärte sich Nordkorea zur Atommacht, Pjöngjang behauptete, im Besitz mehrerer Atombomben zu sein. "Wir sind der Ansicht, daß diese Äußerungen eine extreme strategische Pose darstellen und es daher falsch wäre, unserem Urteil diese Äußerungen zugrunde zu legen. Wir sind im Augenblick auf verschiedene Weise dabei, der Frage der realen Existenz dieser Waffen in Nordkorea nachzugehen, aber es wäre ganz falsch, die Substanz dieser unserer Ergebnisse zu enthüllen." Roh verweist auf die - derzeit unterbrochenen - Sechsergespräche in Peking, an denen neben Nord- und Südkorea die Vereinigten Staaten, China, Japan und Rußland teilnehmen. "Um unsere Verhandlungsstrategie offenzuhalten, wäre es inopportun, klar unsere Position zu formulieren."

Überraschend positiv äußert er sich über die amerikanische Haltung gegenüber Nordkorea, die deutlich flexibler geworden sei. Dies sieht er unter anderem als ein Resultat südkoreanischen Engagements: "Wir haben die Vereinigten Staaten aufgefordert, auf Äußerungen zu verzichten, die auf einen potentiellen Regimewechsel in Nordkorea abzielen und über die Forderung nach Aufgabe des Nuklearwaffenpotentials hinausgehen. Dies gilt auch für Äußerungen, die auf eine Weigerung hinauslaufen, das nordkoreanische Regime anzuerkennen." Im Ergebnis habe Washington eine Haltung eingenommen, die erheblich flexibler sei als die Position, die Anfang 2003 eingenommen wurde. "Auch wenn es unbestritten zutrifft, daß die Vereinigten Staaten in der Zwischenzeit einige emotionale Stellungnahmen abgegeben haben, läßt sich nicht leugnen, daß sie klar und nachdrücklich erklärt haben, daß nicht die Absicht bestehe, Nordkorea anzugreifen." Auf die Frage, ob Washington aktiver werden müsse, eventuell direkte Gespräche mit Pjöngjang anstrengen sollte, sagt der südkoreanische Präsident zweimal nachdrücklich: "Es ist jetzt nicht die Zeit, von den Vereinigten Staaten zusätzliche Schritte zu fordern. Zuerst müssen die Nordkoreaner an den Verhandlungstisch zurück." Kim Dae-jung hatte im Juni 2000 mit seinem Besuch beim nordkoreanischen Machthaber Kim Jong-il in Pjöngjang Geschichte geschrieben. Roh Moo-hyun zeigt sich gegenüber einem ähnlichen Treffen prinzipiell offen, will derzeit aber nicht die Initiative ergreifen. "Ich werde keineswegs alles daransetzen, um einen solchen Vorschlag zu machen." Er betone dies, weil er glaube, daß die Wahrscheinlichkeit, daß die Nordkoreaner auf ein von ihm initiiertes Treffen eingingen, derzeit gleich Null sei. "Aber wenn der Vorsitzende Kim einen entsprechenden Vorschlag macht, bin ich bereit, ihn wo auch immer zu treffen", fügt Roh hinzu. Allerdings sei dabei zu berücksichtigen, daß sich jeder Dialog zwischen Süd- und Nordkorea auf die nordkoreanische Nuklearfrage konzentrieren würde und daß Südkorea letztlich nicht in der Lage wäre, sich auf etwas festzulegen, was wesentlich von der Stellungnahme der Vereinigten Staaten abweicht.

Die Frage, ob die Wiedervereinigung Deutschlands für ihn eher beispielhaft oder abschreckend wirke, beantwortet der Präsident einer geteilten Nation diplomatisch. Die materiellen Auswirkungen der Wiedervereinigung auf die deutsche Wirtschaft und die Lebensverhältnisse der Deutschen scheinen ihm bewußt. Insgesamt betrachtet er die Wiedervereinigung "als enormen Segen für das deutsche Volk". Allerdings lasse sich die deutsche Form der Wiedervereinigung nicht einfach wiederholen. "Die koreanische Halbinsel braucht einen langsameren und längeren Prozeß." Die Schwierigkeiten, die Korea zu überwinden hätte, wären um ein Vielfaches größer. Ein Hauptproblem sieht Roh in der extrem unterschiedlichen Wirtschaftskraft von Nord und Süd. "Wir müssen die Kapazität der koreanischen Wirtschaft berücksichtigen, eine wirtschaftliche Integration zu bewirken, wie auch die Konsequenzen einer solchen Integration." Der Lebensstandard der beiden Staaten sei so verschieden. Es bedürfe erheblicher Mittel, "um die Spannungen und den sozialen Graben zu überwinden, der sich aus diesem Mißverhältnis ergibt". Seit er Präsident geworden sei, habe er niemals eine Patentlösung vorgeschlagen oder auch nur eine Bemerkung dahin gehend gemacht, daß er eine zügige Wiedervereinigung auf der koreanischen Halbinsel erreichen wolle. Dies nicht etwa, weil er gegen eine Wiedervereinigung sei, sondern weil er paradoxerweise das Gefühl habe, je öfter man auf eine Wiedervereinigung hinweise, desto weniger greifbar werde sie. Die erste Phase einer Wiedervereinigung Koreas bestehe in einer Konföderation, wobei man an das Modell der Staaten in der EU denken könnte. Dafür sieht der Präsident die Zeit noch nicht gekommen. "Ich bin der Auffassung, daß ein stabiler Zustand des Friedens wichtiger ist als alle Wiedervereinigungspläne. Bevor wir die Wiedervereinigung erreichen können, müssen wir unbedingt durch diesen Prozeß hindurch."

Text: F.A.Z., 08.04.2005, Nr. 81 / Seite 5

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