Von Tobias Piller, Rom
16. April 2008 Nach seinem dritten Wahlsieg hat Italiens künftiger Ministerpräsident Berlusconi angekündigt, er werde Gianni Letta zu seinem Stellvertreter befördern, um die Verdienste seines engsten Mitarbeiters zu würdigen. Dabei ist der 73 Jahre alte Letta aus den Abruzzen nicht etwa ein treuer Diener Berlusconis, sondern sein perfekter Gegensatz. Wenn Berlusconi immer wieder all seine Chancen auf eine Karte setzt, rät Letta zur Vorsicht, wie schon zu Beginn der politischen Karriere Berlusconis 1994.
Während sich Berlusconi meist extrovertiert gibt, arbeitet Letta gern hinter den Kulissen. Wo sich Berlusconi sprunghaft zeigt, nimmt Letta den Faden auf und spinnt ihn mit den Mitteln der unauffälligen Diplomatie weiter. Deshalb dient Letta immer wieder als Botschafter für Berlusconi oder auch für dessen Gegner, in den turbulenten Tagen nach dem Sturz der Regierung Prodi ebenso wie am Tag von Berlusconis Wahlsieg, als es galt, ein Telefongespräch zwischen den beiden Gegnern zu arrangieren.
Der wichtigste Berater
Wegen seiner Herkunft aus der Provinz brauchte der Jurist Ausdauer und Stehvermögen für die ersten Schritte seiner Karriere; die hatte als Journalist begonnen. Als langjähriger Chefredakteur, dann Verlagschef hat er zunächst die Geschicke der Lokalzeitung Il Tempo durch immer neue Turbulenzen der Politik und der Besitzerwechsel gesteuert.
Zudem knüpfte er damals sein dichtes Netz von Kontakten und Freundschaften, das sich Ende der achtziger Jahre der Unternehmer Berlusconi zunutze machte, indem er Letta als Cheflobbyisten verpflichtete. Danach war es nur folgerichtig, dass Letta auch für den Politiker Berlusconi zum wichtigsten Berater wurde, ihm während der beiden Amtsperioden als Ministerpräsident den Rücken freihielt und den schwerfälligen Palazzo Chigi am Laufen hielt; auch die Geheimdienste überwachte er nebenher.
Verschwiegen und taktvoll
Trotz der Funktion des Chefs im Amt des Ministerpräsidenten zeigte sich Letta zwar weiterhin bei öffentlichen Terminen, verschwand aber, sobald es die Etikette zuließ, mit einem freundlichen Lächeln. Verschwiegenheit gehört zu seinen wichtigsten Tugenden, ebenso die Fähigkeit, zuzuhören und den Kern jedes Problems sofort zu erfassen.
Unzählige Male wurde Letta während der vergangenen Jahre von Berlusconi losgeschickt, um dessen Fehltritte auszubügeln oder handfesten Streit zu schlichten. Dazu nutzt Letta nicht nur seine Informationen aus vielen Quellen, die Kenntnis aller römischen Tricks und Winkelzüge, sondern auch Taktgefühl, wie es nördlich der Alpen selten anzutreffen ist.
Während man anderswo sofort auf den Punkt kommen will, drückt sich römische Diplomatie auch dadurch aus, wie etwas mitgeteilt wird und zu welchem Zeitpunkt. Im Falle des Gelingens ruft Letta auch noch einmal persönlich an, für ein Dankeschön und einen kurzen Gruß. Doch aus diesen Eigenschaften ist auch in Italien gewöhnlich keine politische Karriere gestrickt, in der zurzeit großzügige Versprechungen und freche Stellungnahmen gefragt sind. Deshalb könnte es passieren, dass sich Letta für die Beförderung bedankt und dann doch lieber Staatssekretär bleibt.
Text: F.A.Z.
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