Von Bertram Eisenhauer, Houston
09. Dezember 2005 Sie nennen ihn den lächelnden Prediger, aber Joel Osteen kann auch anders. Er weint. Gerade eben hatte er den Kopf gesenkt, die Augen geschlossen, die geballten Fäuste auf das Pult vor sich gelegt, ganz so, als wolle er sich noch tiefer in die Sehnsüchte jener vielleicht 10.000 Zuhörer versenken, die an diesem Abend in die Convention Complex Arena von Birmingham, Alabama, gekommen sind, um Einen Abend mit Joel zu verbringen. Die gekommen sind, um ihn in seinem weichen texanischen Singsang davon sprechen zu hören, welch große Pläne Gott mit ihnen hat.
Als Osteen dann Anlauf nimmt, um den Rängen seinen Schlußsegen zu geben, bricht die Stimme, kommen die Tränen. Mit Mühe spricht er von denen, die nicht hineingeboren wurden in eine gute christliche Familie, die mehr als ihren Teil von schlechten Dingen erfahren haben. Die Menge hält kurz den Atem an, und Osteen fängt sich, verkündet, daß jeder unter dem Klang meiner Stimme gesegnet ist.
Gesegnet, gesegnet - gesegnet!
Gesegnet - sein Reden gewinnt wieder Schwung - mit Weisheit, Kreativität, Mut, Talent; gesegnet mit Gesundheit, einer guten Familie, einem langen Leben - die Liste höret nimmer auf -, gesegnet mit Beförderung, Erfolg, einer positiven Vision fürs Leben. Gesegnet - die Band, welche seine Worte zart unterlegt, arbeitet sich jetzt erkennbar dem Crescendo entgegen - in der Stadt und auf dem Land; gesegnet mit einem neuen Gefühl der Freiheit, Freude, einem neuen Gefühl des Sieges. Ich verkünde, Freunde, Sie sind gesegnet, jubelt der Prediger schließlich. Und wenn Sie den Segen empfangen haben, dann rufen Sie bitte: Amen. Amen, rufen sie da.
Es sind Augenblicke wie dieser - und der Umstand, daß er dabei ein gutes Stück glaubwürdiger wirkt als viele andere Prediger, jene Schirmheiligen, die zu Hunderten Amerikas Fernsehkanäle bevölkern -, die Joel Osteen zu einem Phänomen gemacht haben. Er, der nie ein Priesterseminar besucht hat, ist viel unterwegs im Land, hat den Madison Square Garden leicht gefüllt, sein Buch Your Best Life Now (Wie Sie jetzt Ihr bestes Leben leben) hat sich 2,8 Millionen Mal verkauft.
Wochenende für Wochenende zieht er mit dem jungenhaften Lächeln, das gut 15 seiner 42 Jahre vergessen macht, 32.000 Gläubige in seine Lakewood Church, die in einer für 90 Millionen Dollar umgebauten ehemaligen Sport- und Konzertarena unweit des Stadtzentrums von Houston untergebracht ist und ein Jahresbudget von 70 Millionen Dollar hat. Millionen Fernsehzuschauer können ihn über diverse amerikanische Kabelsender sowie in mehr als 100 Ländern verfolgen - was sich sein Unternehmen Joel Osteen Ministries allein 12 Millionen Dollar im Jahr kosten läßt.
Die Kultur triumphiert
Die Versuchung ist groß, zu glauben, es seien ganz traditionelle Inhalte, die evangelikale Prediger unter die Leute brächten, eben nur mit modernen Mitteln. Doch nicht nur Alan Wolfe, Soziologe am Boston College, hält Osteen für das extremste Beispiel dafür, wie auf jedem Feld des religiösen Lebens amerikanischer Glaube und amerikanische Kultur aufeinandertreffen - und die Kultur triumphiert. Diese individualistisch, antiintellektuell, bisweilen hedonistisch geprägte Kultur nämlich fördert eine neue religiöse Praxis, in der sich Gläubige und Kirchen wie auf einem Markt als Kunde und Anbieter begegnen; in der Lebenshilfe vor theologischer Substanz geht; in der die Sünde kaum noch vorkommt und die Erlösung dafür sehr billig zu haben ist. Auch Gott wird ein anderer: Wenn der heilige Paulus unter uns wäre, sagt der Soziologe Wolfe, wäre er nicht der Meinung, das sei der Jesus, den er und die Seinen im Sinn hatten.
Man muß Lakewood nur einmal besuchen, und man begreift schnell, wie es in einer amerikanischen Redewendung heißt: Dies ist nicht die Kirche deiner Eltern. Schon das Gebäude erinnert in nichts an eine Kirche alteuropäischen Zuschnitts. Da ist kein Kreuz, da sind keine Heiligenbilder. Es dominieren das Logo der Kirche, ein O, das eine stilisierte Flamme umschließt, Bilder von Osteen und seiner Familie - und viel Marmor und Holz. Es hat, auch, etwas Antiseptisches: Hier versammelt sich das saubere Amerika. Wenn die Besucher hereinströmen, werden sie von Greeters empfangen; diese Begrüßer sind Teil einer Armee von 5000 Freiwilligen, die gemeinsam mit den 150 Festangestellten den Betrieb der Kirche aufrechterhalten. Der Kircheninnenraum hat noch immer die Ausmaße eines Stadions und faßt 16.000 Menschen. Doch der Teppichboden, die bequemen Sitze, die Beleuchtung und die zwei Wasserfälle zu beiden Seiten der Bühne geben ihm das intime Flair eines gepflegten Kinosaals.
Ich bin ein Freund des Herrn
Und dieser ist viermal an jedem Wochenende Ort eines Schauspiels, das den Besucher schon in der ersten Minute an der spirituellen Gurgel packt und nicht mehr losläßt. Unterstützt von einem 60 Frauen und Männer starken Chor, einer Band inklusive Bläser-Sektion sowie drei Videowänden, intonieren die Vorsänger Israel Houghton und Cindy Ratcliff, ein Rauschgoldengel mit kräftiger Stimme, christliche Popsongs mit jener Inbrunst, welche der säkulare Pop für die romantische Liebe reserviert: Ich bin ein Freund des Herrn, / Ich bin ein Freund des Herrn, / Er nennt mich Freund.
Die Gläubigen, viele in Baumwollhosen und Sporthemden, singen mit, zumeist in der Pose des Entrückten: mit erhobenen Armen und geschlossenen Augen. Perfekt auch der Wechsel vom Spektakel zur Innerlichkeit: Vor der Predigt haben die Besucher Gelegenheit, mit einem der vielen Gebetspartner in Privatgesprächen von einer Minute Dauer ihre Sorgen zu teilen; wenn ein Beter frei geworden ist, winkt ein Ordner die Leute heran wie beim Check-In am Flughafen, derweil ein zweiter diskret die Papiertaschentücher reicht, wenn es nötig ist.
Doch das Zentrum, um das herum die Kirche mit ihrer perfekt inszenierten und induzierten Emotionalität gebaut ist, sind Joel Osteen und seine Botschaft des geglückten Lebens. Er ist es, für den die Gläubigen eine Anfahrt von bis zu 60 Meilen in Kauf nehmen. Sie wollen sehen, wie er seine Variante der Boris-Becker-Faust zeigt: den Arm weit gestreckt, nach oben, nach vorn; sie wollen seinen Slogan hören: Sei ein Sieger, nicht ein Besiegter. In immer neuen Redundanzen umkreist Osteen die eine Lektion: Alles wird gut, wenn du nur an dich glaubst. Und du hast jeden Grund, an dich zu glauben, weil - ja, weil Gott es tut. Wenn Gott für uns ist, wer wagt dann, gegen uns zu sein? ruft er.
Deuter der Erfolgstheologie
Südamerika hat die Befreiungstheologie, Nordamerika eine Erfolgstheologie hervorgebracht, und Osteen ist ihr Deuter, eine Art Dr. Fühl-dich-wohl des hochentwickelten Kapitalismus. Die Bibel wird zitiert, wie um eine bereits gefundene Antwort mit Autorität zu unterfüttern. Einige seiner Empfehlungen sind auch gar nicht unvernünftig: Paß auf, was du sagst; es bestimmt, was du bist. Laß nicht zu, daß deine Vergangenheit dir zu lange nachhängt. Verschwende keine Zeit an falsche Freunde. Sag deinen Kindern ständig, wie großartig du sie findest, aber setz ihnen Grenzen. Denk positiv. Und was sagt er dazu, daß man ihn einen Motivationstrainer nennt? Es macht mir nichts aus, so genannt zu werden. Ich mag es, Menschen dazu zu motivieren, durch göttliche Prinzipien ein besseres Leben zu leben.
Und daß seine Botschaft so simpel daherkommt? - Meine Botschaft ist einfach, das Evangelium ist einfach. Wir müssen jeden Tag aufstehen und sagen, was David in den Psalmen sagt: Wenn das der Tag ist, den der Herr geschaffen hat, werden wir uns dafür entscheiden, glücklich zu sein.
Mit dieser Einstellung hat Osteen selbst aus der Kirche seines Vaters einen Superlativ des Superlativs gemacht. Schon vor 1999, dem Jahr, in dem John Osteen starb, der Lakewood vierzig Jahre zuvor gegründet hatte, galt sie als Megachurch, als Megakirche, wie Gotteshäuser genannt werden, zu denen Tausende Besucher in der Woche kommen. Doch erst mit und dank Joel, der sich bis dahin vor allem um die Fernsehverwertung der Gottesdienste gekümmert hatte und nun überraschend das Amt des Pastors übernahm, wurde sie zur größten Megakirche des Landes.
Über Tausend XXL-Freikirchen
Inzwischen gibt es mehr als 1200 dieser protestantischen XXL-Freikirchen in den Vereinigten Staaten; diese Zahl hat der Religionssoziologe Scott Thumma vom Hartford Seminary gerade ermittelt. Entstanden sind sie zumeist vor den Toren boomender Großstädte in Texas, Kalifornien, Florida und Georgia; in Houston gibt es neben Lakewood noch 24 weitere. In den schnell wachsenden Vorstädten lassen sich Familien der Mittelklasse nieder; ihnen bieten die Kirchen einen Kristallisationspunkt für Gemeinschaft.
Es sei ein besonderer Menschenschlag, aufgewachsen in großen Schulen, Kinos, Unternehmen, erläutert Thumma: Sie sind bereit, an Dutzenden von anderen Gemeinden vorbeizufahren, um einen Parkplatz zu kämpfen, den Hinweistafeln zur Kinderbetreuung zu folgen und die Messe zu feiern mit 5000 Leuten, die sie nicht kennen - es ist eine Erfahrung, wie sie sie ähnlich an jedem anderen Tag ihres Lebens auch machen. Zwar stellen die Megakirchen nur etwa vier Millionen Gottesdienstbesucher in der Woche - nicht allzuviel in einem Land von 290 Millionen, in dem fast die Hälfte der Erwachsenen angibt, mindestens einmal in der Woche zur Kirche zu gehen. Thumma erklärt: Die Megakirchen sind aber einflußreich, weil andere Kirchen - der protestantische Mainstream wie Presbyterianer oder Methodisten, deren Mitgliederzahlen bestenfalls stagnieren - inzwischen auf sie schauen und fragen: ,Was machen die besser, was wir auch machen können?'
Tückisches Wachstum
Doch der alles überwölbende Imperativ der Megakirchen, das Wachstum, hat auch seine Tücken. Manche Leute möchten anonym bleiben, das stört mich nicht, sagt Joel Osteen. Wenn Sie einfach vorbeikommen, einmal pro Woche anderthalb Stunden sitzen und dann wieder nach Hause wollen, tun Sie nur das. Osteen weiß aber auch, daß seine Kirche als rein charismatische Veranstaltung das Leben der Leute nicht so verändern kann, wie er es möchte. Deshalb bietet Lakewood eine Vielzahl von Gruppen an, die eine tiefere Beschäftigung mit dem Glauben fördern sollen: für Kinder verschiedener Altersgruppen, junge Erwachsene, Singles, Verheiratete, Alleinerziehende. Die Gläubigen gehen zusammen zum Pizzaessen oder zum Tauchen, quälen sich gemeinsam bei den Weight Watchers, studieren die Bibel.
Es sind Leute wie Lisa Varner, die man beim Gottesdienst am Sonntag um 11 Uhr trifft, eine ruhige, nachdenkliche Frau um die vierzig. Wie viele andere ist es der Pastor, der sie begeistert: Er hat mein Leben verändert. Ich bin viel weniger konfrontativ als früher. Frau Varner macht in einem Ärztezentrum die Termine. Jeden Monat gibt sie ihren Zehnten, zehn Prozent ihres Einkommens, an die Kirche, obwohl man sie wohlhabend nicht nennen kann. Bezeichnend ist: Frau Varner ist schwarz; anders als in vielen anderen Megakirchen ist die Mehrheit in der Lakewood Church nicht weiß; Weiße, Schwarze und Hispanics, für die es am Sonntag einen eigenen Gottesdienst in ihrer Muttersprache gibt, stellen je ein Drittel der Kongregation. Schließlich: Frau Warner kommt aus einer Familie, so erzählt sie, die sehr viel Wert auf Bildung lege. Aber wir haben immer den Ehrgeiz gehabt, mehr zu erreichen.
Politisch vorsichtig
Die breite Aufstellung seiner Kirche ist auch ein Grund, warum sich Joel aus der Politik raushält, wie Paul Schneider, PR-Chef von Joel Osteen Ministries, es ausdrückt. Gerade bei Themen wie Abtreibung und Homosexualität, die Amerikas Linke und Rechte zuverlässig in ihre Lager treiben, gibt sich Osteen vorsichtig. Er läßt sich nur entlocken, daß er den Leuten immer sage, beides sei nicht das Beste, was Gott geschaffen hat. Aber: Unsere Tür ist offen für jedermann.
Politisch profitiert von der Expansion der Megakirchen haben bisher die Republikaner; die meisten Weißen, die in die Megahäuser gehen, unterstützen mit deutlichen Mehrheiten konservative Kandidaten. Für die Linke ist das beunruhigend. Vieles deutet zudem darauf hin, daß, wie Soziologe Scott Thumma sagt, Megakirchen keine vorübergehende Erscheinung sind. Mehr noch: Er ist sicher, daß sie den Gipfelpunkt ihrer Entwicklung noch nicht erreicht haben. Auch Joel Osteen ist optimistisch: Der Glaube wächst, in Amerika und überall auf der Welt. Kirchen, die so groß sind wie unsere, sind nichts Besonderes mehr. Das ist die Zukunft des christlichen Glaubens.
Es ist Sonntag nachmittag in der Lakewood Church. Durch die hohen Fenster der Frontfassade flutet die Sonne herein. Die Gesänge der Gottesdienste sind ebenso verklungen wie das Geschrei Tausender kleiner Christen in den kircheneigenen Kindergärten. Zwei schwarze Frauen im Sonntagsstaat hasten herein, die Bibel unter dem Arm. Die meisten Gläubigen aber haben schon lange ihren Wagen aus den nahen Parkhäusern geholt und zum Highway 59 gefunden, der sie nach Hause bringt. Bis nächste Woche, wenn der Hunger in ihren Vorort-Seelen sie wieder in dieses Drive-in des Herrn treibt.
Text: F.A.Z., 10.12.2005, Nr. 288 / Seite 3
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