22. Januar 2007 Seine letzten Zeilen klangen wie ein Testament. Ja, er sehe sich furchtsam wie eine Taube, schrieb Hrant Dink in der letzten Ausgabe seiner armenisch-türkischen Wochenzeitung Agos. Aber ich weiß, dass in diesem Land die Menschen die Tauben nicht antasten. Mitten in der Stadt könnten Tauben daher leben, umgeben von Menschenmengen, aber in Freiheit. Hrant Dink liebte das dichte Leben in der Halaskergazi-Straße, an der seine Redaktion lag.
Nur noch wenige Schritte trennten ihn von den Treppenstufen, die in seine Redaktion hochführen. Da zog ein junger türkischer Nationalist eine Pistole und tötete ihn aus nächster Nähe. Mit zwei Schüssen in den Kopf und einem Schuss in den Hals. Tot lag die Taube nun auf dem Gehweg, ein weißes Tuch bedeckte ihren leblosen Körper und die Blutspuren, die der Mörder hinterlassen hatte. Auf die tragischste Weise hatte sich seine dunkle Ahnung bewahrheitet. 2007 werde für ihn wahrscheinlich ein schweres Jahr werden, hatte er geschrieben. Alte Verfahren würden weitergehen, neue beginnen. Wer weiß, mit welchen Ungerechtigkeiten ich noch konfrontiert werde.
Mein wahrer Wunsch ist, in der Türkei zu leben
Hrant Dink starb, weil fanatische Nationalisten nicht akzeptieren wollen, dass türkischer Staatsbürger sein kann, wer kein ethnischer Türke ist. Dabei hatte Dink nichts anderes getan, als das Vermächtnis Atatürks in Erinnerung zu rufen. Der hatte 1923 eine Republik nach dem Vorbild des Staatsverständnisses Frankreichs gegründet. Atatürk wollte die moderne Türkei als Willensnation gründen. Türke sollte nicht sein, wer türkisches Blut in sich trägt, sondern wer sich mit der Republik identifiziert. Das tat Dink. In seinem letzten Essay schrieb er: Mein wahrer Wunsch ist, in der Türkei zu leben. Das schulde er auch jenen Tausenden von Freunden, die mit ihm für eine demokratische Türkei kämpften.
Er war ein Patriot. Der ihn tötete, war Nationalist. Wie der Anwalt Kemal Kerincsiz, der Dink mit ständig neuen Prozessen überzog. Immer auf der Grundlage des Paragraphen 301 des türkischen Strafgesetzbuchs, der die Verunglimpfung des Türkentums unter Strafe stellt und dessen Streichung die EU seit langem fordert. Deswegen waren Dink und mit ihm viele andere Kämpfer für eine moderne, demokratische und europäische Türkei stets angeklagt, unter ihnen der diesjährige Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk. Angeklagt wie im Jahr 2002, als Dink in einer Diskussion sagte: Ich bin kein Türke (türk), sondern türkischer Staatsbürger (türkiyeli) und Armenier. Der Herabsetzung des Türkentums wurde er bezichtigt. Der Staatsanwalt wollte das Verfahren nicht eröffnen, da er diese Absicht nicht erkennen konnte.
Die Türkei nur zu Fuß verlassen
Die Komödie, wie sie Dink nannte, war aber nicht beendet. Auch deswegen, weil er inzwischen nachgewiesen hatte, dass Sabiha Gökcen, die Adoptivtochter Atatürks und erste Pilotin der Türkei, ein armenisches Waisenkind war, das seine Familie im Genozid von 1915 verloren hatte. Als Feind der Türkei wurde er vor die Gerichte gezerrt. Auf deren Korridoren war er den verbalen und tätlichen Angriffen der Nationalisten ausgesetzt, die ihn und andere das Fürchten lehrten. Am Ende verurteilte ihn ein Richter im Namen der türkischen Nation zu einer Bewährungsstrafe von sechs Monaten.
Das Oberste Berufungsgericht bestätigte im vergangenen Oktober das Urteil. Dink zog vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Er wisse nicht, wie viele Jahre dieses Verfahren dauere, schrieb er. Nur wisse er, dass er bis zum Abschluss des Verfahrens in der Türkei leben werde. Viele hatten ihn zu gehen gedrängt. Wenn er einmal die Türkei verlassen müsse, dann zu Fuß, wie jene deportierten Armenier von 1915, und nicht mit dem Herzen, schrieb Dink in jener letzten Ausgabe von Agos.
Dunkle Hände aus den Tiefen des Staates
Ministerpräsident Erdogan sagte, hinter dem feigen Mord steckten dunkle Hände. Dink wurde in den vergangenen Monaten mit Morddrohungen überhäuft. Am Telefon, über E-Mail, per Brief. Psychoterror nannte er das. Immer häufiger schaute er sich auf der Straße um, an manchen Tagen verließ er aus Furcht sein Haus nicht. Die türkische Polizei war aber nicht bereit, Dink Personenschutz zu gewähren.
Die dunklen Hände kommen nicht aus dem Nichts. Aus den Tiefen des Staates heraus schlagen sie zu. Aus jener kruden Mischung von xenophobem Nationalismus und intolerantem Hass gegen alles andere, die sich in Teilen des türkischen Staats eingenistet hat, in der Verwaltung und Justiz, in Teilen der Sicherheitskräfte und des Militärs. Sie entziehen sich der demokratischen Kontrolle und behaupten, sie handelten im übergeordneten Interesse der türkischen Nation. Damit sind sie näher an der orientalischen Despotie als an der europäischen Demokratie. Sie bekämpfen die Reformen, auf die die Gesellschaft drängt, und sie torpedieren den Weg der Türkei in Richtung EU.
Prototyp für Zivilcourage
Dort, in der EU, wollte Dink die Türkei haben. Weltoffen und tolerant, demokratisch und säkular, mit Minderheiten, die anerkannt und respektiert sind. Einen Verlust für den Prozess der Verwestlichung der Türkei nennt daher die Nichtregierungsorganisation Ari seinen Tod, der nur für türkische Nationalisten einen Sinn hat. In seiner täglichen Kolumne habe er bisher nie jemanden einen Verräter genannt, schrieb der Chefredakteur des Massenblatts Hürriyet, Ertugrul Özkök. Der Mörder Dinks aber habe die Türkei verraten.
Viele Türken seiner Generation hat Dink inspiriert. Türken, die im Klima des Hasses und des Terrors groß geworden sind, in den Jahren, die zum Putsch von 1980 geführt haben. Denn er kämpfte für die Demokratie, und das mit Charme und Witz. Was immer er sagte, er lächelte dazu, er hatte eine Bemerkung parat, die das Eis zum Schmelzen brachte. In einem Land, in dem noch immer viele nicht auffallen wollen, wurde er zum Prototyp für Zivilcourage. Mit seiner einnehmenden Art erreichte er Türken aller Schichten, die nicht nationalistisch verblendet sind. Eine lebende Provokation für die Nationalisten sei er daher gewesen, sagt der Europaparlamentarier Cem Özdemir (Grüne).
Diaspora als Grundlage der armenischen Identität
Dink warb für ein verständnisvolles Zusammenleben von Türken und Armeniern. Nicht auf den Begriff Genozid kam es ihm an. Ihm war bewusst, dass die Türken nur schrittweise an die historische Wahrheit herangeführt werden könnten. Zunächst sollten die Türken das Leid der Armenier in den Ereignissen von 1915 anerkennen - in den Ereignissen, die Atatürk zu einer Zeit, als es den Begriff Genozid noch nicht gab, als Massaker bezeichnete.
Dieser Verzicht auf eine sofortige Anerkennung des Genozids brachte Dink die Feindschaft der mächtigen armenischen Diaspora in den Vereinigten Staaten und Frankreich ein. Voller Spott geißelte er sie, jene seien nur einmal im Jahr Armenier, am 24. April, dem Jahrestag des Beginns des Genozids. Er aber sei 365 Tage im Jahr Armenier. Der Diaspora warf er vor, an der Anerkennung des Genozids durch die Türkei letztlich kein Interesse zu haben. Schließlich benötige die Diaspora die Diskussion darüber für die Aufrechterhaltung der armenischen Identität und ihren Zusammenhalt in der Diaspora.
Schritt in die Öffentlichkeit
Mit seinem Bekenntnis zu seiner armenischen Herkunft und seinem Einsatz für eine demokratische Türkei war Dink in der Türkei eine öffentliche Person wie wenige andere. Geboren wurde er 1954 im ostanatolischen Malatya, wo Armenier 4000 Jahre gelebt hatten. In Istanbul wuchs er in einem Waisenhaus auf. Dort lernte er seine spätere Frau Rakel kennen. Er studierte Zoologie und wurde Aktivist der türkischen Linken. Im Istanbuler Stadtteil Tuzla gründete er ein armenisches Kinderheim, das der türkische Staat später beschlagnahmte. Mit seinen zwei Brüdern gründete er einen kleinen Verlag, und am 5. April 1996 erschien zum ersten Mal seine zweisprachige armenisch-türkische Wochenzeitschrift Agos.
Wenn man Vorurteile brechen wolle, müsse man in die Öffentlichkeit, hatte er damals seinen Schritt begründet. In seiner Zeitung hatte er an Weihnachten in poetischer Sprache geschrieben, wie sehr er sich auf sein zweites Enkelkind freue und wie sehr die Geburt Christi ein Fest der Liebe sei. Die ihn töteten kennen nur Hass.
Text: F.A.Z., 22.01.2007, Nr. 18 / Seite 3
Bildmaterial: AFP, REUTERS