Tibet

Die Sonne der Freiheit scheint nur im Traum

Von Philip Eppelsheim

22. März 2008 Als Jampa 1969 in der tibetischen Hauptstadt Lhasa zur Welt kam, befand sich das Land in den Fängen der chinesischen Kulturrevolution. Mao Tse-tung und die Viererbande ließen Kulturgüter zerstören, Menschen misshandeln, töten und foltern. „Die Herren wurden zu Dienern und die Diener zu Herren“, sagt Jampa, dessen tibetischer Name „Liebe“ bedeutet und der Angst davor hat, auch seinen Nachnamen preiszugeben, weil das seine in Tibet lebenden Angehörigen – seine Mutter und drei Brüder – gefährden könnte.

Seine Familie sei damals zu Dienern geworden, sagt Jampa. Das Haus habe man ihnen weggenommen. Es sind Erinnerungen aus seiner Kindheit, bevor er Tibet im Alter von zehn Jahren verließ und über Nepal, Indien und die Vereinigten Staaten schließlich nach Deutschland kam. Seit 13 Jahren lebt er nun in Offenbach. Doch die Vergangenheit ist immer präsent, und seit die Unruhen in Tibet begonnen haben, sind die Bilder aus seiner Kindheit wieder allgegenwärtig.

Menschen abtransportiert und erschossen

„Ich habe als Kind viel Schlimmes gesehen“, sagt Jampa. Er habe erlebt, wie chinesisches Militär den Jokhang-Tempel in Lhasa abriegelte, wie Menschen in Lastwagen abtransportiert und erschossen wurden. „Doch das Schlimmste war meine Großmutter.“ Sie erhängte sich, Jampa und einer seiner Brüder fanden sie. Damals konnte er nicht begreifen, was geschehen war. Er konnte nicht verstehen, was in Tibet passierte. Er wusste nicht, warum sein Vater zu „Kommunismus-Schulungen“ gehen musste und für Jahre ins Gefängnis kam, warum überall in den Straßen Bildnisse von Mao hingen. Erst Jahre später wurde ihm klar, dass seine Großmutter die Gewalt nicht ertragen konnte und dass sein Vater eingesperrt wurde, weil er für ein freies Tibet eingetreten war.

Ein freies Tibet: Jampa sagt, er glaube nicht, dass es jemals dazu kommen werde. Deshalb hat er „Save Tibet“ und nicht „Free Tibet“ auf seinem T-Shirt stehen. Die Flagge der tibetischen Exilregierung ist dort abgebildet. Mit der Sonne der Freiheit, die über dem weißen Berg als Sinnbild Tibets aufgeht. Dieses T-Shirt sei nun seine Uniform, sagt Jampa. Doch die Sonne der Freiheit ist für ihn nur Träumerei. „Wir können nichts fordern, was wir nie bekommen werden.“

Man könne nur auf Autonomie und auf Gespräche zwischen dem Dalai Lama und der chinesischen Regierung hoffen. Früher habe er die Chinesen gehasst, mittlerweile aber eingesehen, dass die Tibeter nur gemeinsam mit den Chinesen zu einer Lösung kommen könnten „Wir müssen mit den Chinesen leben. So oder so.“ Jampa geht es nicht um ein selbständiges Tibet, sondern darum, dass die Tibeter ihre Kultur und ihre Religion ausleben können. „In Europa kommen die Länder zusammen. Auch wir könnten alle unter einer Flagge leben.“

Chinesische Panzer auf Lahsas Straßen

Jampa weiß nicht, was genau derzeit in Tibet geschieht, seit vergangene Woche aus Anlass des 49. Jahrestages des fehlgeschlagenen Aufstands gegen die chinesische Besetzung die Unruhen angefangen haben. In einem Chatroom hat er von Tibetern gehört, dass zahlreiche Menschen getötet worden seien und dass viele verprügelt und verhaftet würden. Vor vier Tagen hat Jampa das letzte Mal seine in Lhasa lebende Mutter und seine drei Brüder gesprochen. Sie haben ihm erzählt, dass sie bald nichts mehr zu essen haben und dass sie sich nicht mehr auf die Straße trauen würden, weil dort chinesische Panzer stehen.

Aber sie haben ihm auch erzählt, dass er sich keine Sorgen machen soll, dass es ihnen so weit gutgeht. „Mehr haben wir nicht über die Situation gesprochen. Es ist zu gefährlich.“ Seine Mutter habe im Laufe der Jahre viele Misshandlungen und viel Gewalt gesehen, sagt Jampa. Und sie habe seine Geschwister dazu bewogen, sich nicht politisch zu engagieren und nicht an den Demonstrationen teilzunehmen. „Sie halten sich zurück. Deshalb habe ich keine Angst um sie.“

Als Jampa als Zehnjähriger Tibet verließ, dachten er und seine Familie, er werde nach dem Studium zurückkehren. Sonst wäre er wohl nie gegangen. Sein Vater starb 1984 nach einer Brandstiftung, einer seiner Brüder erlitt schwere Verbrennungen im Gesicht und am Körper. Danach entschied er sich, Mönch zu werden. „Wir haben nie herausgefunden, wer die Wohnung angezündet hat“, sagt Jampa. Dennoch blieb die Familie in Lhasa. „Tibet ist die Heimat meiner Familie.“ Und Tibet werde immer seine Heimat sein.

„Der Aufstand in Tibet ist einmalig“

In Offenbach hat Jampa eine Familie gegründet. Er hat sich selbständig gemacht und betreibt ein Sushi-Restaurant in Offenbach und eines in Frankfurt. „Mein Traum ist, irgendwann wieder nach Tibet zu gehen und dort zu leben“, sagt er. Denn solange er in einem anderen Land lebe, fühle er sich als Flüchtling. Auch nach 30 Jahren. Der Aufstand in Tibet, sagt Jampa, sei einmalig. Er sei nicht mit den Unruhen Ende der achtziger Jahre zu vergleichen. „Damals war es auf Lhasa beschränkt. Diesmal hat es das ganze Land erfasst.“ Und alle Exiltibeter würden den Aufstand unterstützen und für ihr Land demonstrieren.

„Die Chinesen müssen merken, dass sie unsere Identität und unsere Kultur nicht zerstören können.“ Die Kultur müsse immer bewahrt werden. Deshalb versuchen Jampa und seine Frau, ihrer vier Jahre alten Tochter die tibetische Religion und die Bräuche zu vermitteln. Sie haben sie vor einiger Zeit sogar für vier Monate zu ihrer Großmutter nach Tibet geschickt. „Sie ist ein deutsches Kind, aber ich will ihr die Möglichkeit geben, dass sie irgendwann selbst entscheiden kann, was Tibet für sie bedeutet.“

Die Tibeter im Rhein-Main-Gebiet – es sind etwa 45, schätzt Jampa – wollen die Aufständischen in ihrem Heimatland unterstützen. „Damit sich ein großes Feuer entfacht.“ Aber sie wollen keine Gewalt, weder von Chinesen noch von Tibetern. „Wir wollen nur unsere Meinung sagen“, sagt Jampa. Und beten, dass nicht noch Schlimmeres passiert.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Helmut Fricke

 
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