Wahl in Serbien

Danaergeschenk

Von Michael Martens

22. Januar 2008 Bemerkenswert an der ersten Runde der serbischen Präsidentenwahl war nicht ihr Ergebnis, sondern die hohe Zahl der Wähler, die an dessen Zustandekommen mitgewirkt haben. Sie zeugt davon, dass diese im Zeichen der Kosovo-Frage stehende Kampagne noch stärker als Schicksalswahl empfunden wurde als frühere. Präsident Tadic wird es im Stichentscheid Anfang Februar noch schwerer haben als im Jahr 2004. Damals stand er schon einmal dem Oppositionsführer Nikolic von der Radikalen Partei gegenüber.

In Brüssel wird nun darüber gegrübelt, wie sich der westliche Wunschkandidat Tadic am besten unterstützen ließe. Zwei Ideen sind häufiger zu hören: Die EU solle wenige Tage vor der entscheidenden Runde das bereits paraphierte Assoziierungsabkommen mit Serbien unterschreiben, was Tadic nützen werde. Außerdem solle eine Aufhebung des Visumszwangs für Serbien in Aussicht gestellt werden.

Die Serben sind nicht so einfältig

Die Idee ist richtig. Serbiens Unterwelt findet ihren Weg in die EU-Staaten so oder so. Jene Serben aber, die einfach nur überprüfen wollen, ob „der Westen“ wirklich so ist, wie es ihnen einige radikale Politiker weiszumachen versuchen, scheitern oft schon am Hindernis Schengen. So wächst in Serbien eine isolierte Generation heran, die „Europa“ nur vom Hörensagen kennt - etwa durch die verzerrte Darstellung des zuletzt eher populistisch als nationalistisch auftretenden Bauernfängers Nikolic.

Gefährlich ist hingegen die Idee, Tadic zuliebe ein Assoziierungsabkommen zu unterzeichnen. Zum einen weiß niemand, ob sich die Wahlen damit wirklich zu Tadics Gunsten beeinflussen lassen. Die Serben sind nicht so einfältig, dass sie ein solches Lockangebot nicht durchschauen würden. Gewichtiger noch ist ein anderer Einwand: Es würde das europafreundliche Lager Serbiens auf Dauer schwächen, wenn die EU ihre wohlbekannte Vorbedingung für eine weitere Annäherung - die Auslieferung des mutmaßlichen Kriegsverbrechers Mladic - einfach so fallenließe.

Der mögliche Sieg Tadics wäre damit nämlich vor allem ein sicherer Sieg jener alten und weiterhin einflussreichen Seilschaften, die Mladics Dauerflucht decken. Die EU würde durch ein solches Danaergeschenk viel von ihrer Glaubwürdigkeit verlieren - und die wird sie noch dringend brauchen, wenn sie im Zuge des serbischen Beitrittsprozesses Reformdruck ausüben will.



Text: F.A.Z., 22.01.2008, Nr. 18 / Seite 8
Bildmaterial: dpa

 
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