Mit der Kanzlerin in Lateinamerika: Tag 2

Ein Terrain fürs Durchregieren

Sieben Tage in Lateinamerika. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich aufgemacht zu einer ungewöhnlich langen Reise, die sie von Brasilien über Peru nach Kolumbien und schließlich nach Mexiko führt. In der peruanischen Hauptstadt Lima wird die deutsche Regierungschefin am Gipfeltreffen der Europäischen Union und der Staaten Lateinamerikas teilnehmen. Wer eine Reise nach Lateinamerika plane, treffe allein wegen der Entfernungen auf einen „herausfordernden Kontinent“ hatte die Kanzlerin vor Ihrer Abreise gesagt. F.A.S.-Redakteur Eckart Lohse begleitet sie und schildert in einem Tagebuch seine Eindrücke.

Tagebuch - Teil 2: Brasilien

Brasilia müsste eigentlich ganz nach dem Geschmack der Physikerin Angela Merkel sein. Entworfen wurde die Hauptstadt Brasiliens, auf dem Reißbrett, hochgezogen hat man sie in wenigen Jahren zwischen 1956 und 1961. Sie ist angeordnet wie der Grundriss eines Flugzeugs, als Symbol der Moderne. Im „Cockpit“ ist das Regierungsviertel errichtet worden. Beiderseits einer städtebaulichen Achse sind die Ministerien aufgereiht. Das wäre geradezu ideal für eine großkoalitionäre Regierung: links die roten Ressorts, rechts die schwarzen. Klingt nach einem Terrain fürs Durchregieren.

Ganz so einfach ist es aber damit nicht. Angela Merkels Gastgeber, der brasilianische Präsident Lula, muss in diesem Regierungsviertel 37 Minister aus elf Parteien unterbringen. Am Tag, als die Kanzlerin ankommt, ist auch noch seine Umweltministerin zurückgetreten - unter anderem wegen eines Streits über Abholzungen im Amazonasgebiet.

Die Brasilianer sind entspannter

Wir Journalisten tun am Mittwoch, was auf solchen Reisen eben vorkommt: Wir warten. Immerhin sind wir schon vor der Kanzlerin im Palast des Präsidenten, wo die Ehrengarde noch ihre Aufstellung sucht. Normalerweise dürfen sich neugierige ausländische Medienleute in den Regierungsgebäuden fremder Staaten nicht frei bewegen, werden vielmehr in einen Raum gesperrt mit Kaffee und Keksen, und die Mitarbeiter der Macht wachen mit Argusaugen, dass niemand einen unkontrollierten Schritt tut.

Die Brasilianer sind viel entspannter, niemand guckt schräg, wenn wir den Palast inspizieren, mal die Etage wechseln und durch die Gänge streifen, vorbei an offenen Bürotüren und freundlich grüßenden Beamten. Mancher von ihnen lässt sich auf ein Gespräch über Politik ein.

Spitzenpolitiker haben keine andere Chance

Lässt sich ein Land verstehen nach ein, höchstens mal zwei Tagen in der Hauptstadt? Dienstag Ankunft in Brasilia, Mittwoch weiter nach Sao Paulo, Donnerstag nach Lima, dort, immerhin, zwei Nächte Aufenthalt. Natürlich nicht vollständig. Aber Spitzenpolitiker haben gar keine andere Chance, die Welt kennenzulernen. Angela Merkels Trip nach Lateinamerika ist ohnehin schon die längste Auslandsreise ihrer Amtszeit, und eine Woche Abwesenheit von zuhause ist innenpolitisch nie ganz ohne Risiko.

Also die Zeit nutzen. Präsident Lula nimmt sich viel davon für die Kanzlerin, bringt deren Zeitplan durcheinander, schert sich aber nicht darum. In den Stunden des Treffens hat der Gast aus Berlin recht gute Gelegenheit zu verstehen, wie einer der für Deutschland wichtigsten lateinamerikanischen Regierungschefs denkt.

Ein Mann mit Mission

Angela Merkel erlebt, wie stolz der Präsident auf den wirtschaftlichen Aufschwung seines Landes ist und wie wichtig er die Erzeugung von Biotreibstoff nimmt. Zwar hört Lula die Bedenken der einstigen Bundesumweltministerin an, weder der Regenwald noch die Lebensmittelproduktion dürften unter der Herstellung von Ethanol leiden. Doch zeigt er auch die Grenzen seines Verständnisses auf.

In der abschließenden Pressekonferenz verkündet Lula, dass die Abholzung der Regenwälder zurückgehe und dafür die Herstellung von Biokraftstoffen eine Million direkter und sechs Millionen indirekter Arbeitsplätze schaffe. Der Mann hat ein Mission.

Manchmal hilft auch eine einfache Stadtrundfahrt dem Erkenntnisprozess auf die Beine. In Brasilia, das zum Weltkulturerbe der Unesco gehört, sind kaum Bürgersteige zu sehen. Als die Stadt entworfen wurde, sollte der brasilianische Traum verwirklicht werden, dass jeder Bewohner ein Auto hat. Zu Fuß zu gehen war nicht vorgesehen. Das Land braucht Energie.



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, ddp, F.A.Z., Michael Kappeler/ddp

 
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