Von Hans-Christian Rößler und Jürgen Dunsch
25. Juli 2008 Das Schweizer Außenministerium spricht offen von einer Krise. Libyen will nach der vorübergehenden Festnahme eines Sohnes von Revolutionsführer Gaddafi seine Öllieferungen in die Schweiz stoppen. Doch viel größere Sorgen bereitet der Regierung in Bern, dass libysche Behörden zwei Schweizer festgenommen und angeklagt haben. Ihnen wird vorgeworfen, Einwanderungs- und Aufenthaltsbestimmungen verletzt zu haben.
Die Gefangenen würden wie illegale Einwanderer behandelt, sagte ein Schweizer Ministeriumssprecher. Sie säßen in einer Zelle mit 20 Häftlingen, in denen es unerträgliche heiß sei. Diplomaten durften sie bisher nicht besuchen.
Das weckt Erinnerungen an die lange Zeit, die fünf bulgarische Krankenschwestern bis im vergangenen Sommer in libyscher Haft saßen. Ihnen war vorgehalten worden, mehr als 400 Kinder in Libyen mit dem Aids-Erreger HIV infiziert zu haben. Den Nachweis dafür konnte Libyen nie erbringen. Ihre Freilassung erkauften sich die Europäer jedoch mit zahlreichen Zugeständnissen an die Libyer.
Er saß angeblich in der besten Zelle
Hannibal Gaddafi, der vierte Sohn des libyschen Revolutionsführers, erging es in Genf jetzt ganz anders als den europäischen Häftlingen in seinem Heimatland: Er wurde nach Presseberichten in die beste Zelle im Justizpalast gebracht, seine hochschwangere Frau blieb im Universitätskrankenhaus. Nachdem sie eine halbe Million Franken als Kaution gezahlt hatten, verließen sie schon am Donnerstag vergangener Woche die Schweiz. Das Schweizer Außenamt befürchtet, dass dagegen die Ausreise unbescholtener Schweizer aus Libyen schwierig werden könnte. In Libyen ist für das Verlassen des Landes ein spezielles Visum nötig.
Mutassim Bilal Gaddafi, der Hannibal genannt wird, ist zwar erst 32 Jahre alt, aber in Europa nicht zum ersten Mal auffällig geworden. In Genf, wo er seit Monaten mit seiner Frau im Fünf-Sterne-Hotel President Wilson wohnte, soll er zwei seiner Hausangestellten geschlagen haben. Eine Tunesierin habe zahlreiche blaue Flecken aufgewiesen, ein Marokkaner Spuren früherer Misshandlungen, berichtete ihr Anwalt.
Vor der Jahren hat Hannibal Gaddafi, dessen Beruf gewöhnlich mit Marine-Offizier angegeben wird, schon seine Frau geschlagen, die damals im siebten Monat schwanger war. Ein Gericht verurteilte ihn damals zu einer Bewährungsstrafe von vier Monaten und einer Geldbuße. Auch war Hannibal im Jahr zuvor schon mit der französischen Staatsgewalt in Konflikt geraten: Mit seinem Porsche war er mit 140 Kilometern die Champs-Elysée entlanggerast. Zwei seiner Leibwächter wurden damals festgenommen, als sie auf Polizisten einprügelten.
Asyl für Saif Gaddafis weiße Tiger
Aber auch seine anderen sieben Kinder bereiten Revolutionsführer Gaddafi nicht nur Freude. Selbst sein ältester Sohn aus der (zweiten) Ehe, der mittlerweile als sein Nachfolger im Gespräch ist, verdankte seine frühe Bekanntheit im Ausland den internationalen Folgen seiner exzentrischen Vorlieben. So wollte Saif Gaddafi auf die Gesellschaft seiner beiden weißen Tiger Freddo und Barny auf keinen Fall verzichten, als er Ende der neunziger Jahre zum Wirtschaftsstudium nach Wien kam. Erst nach erheblichen diplomatischen Verwicklungen fanden die beiden Raubtiere im Schönbrunner Zoo Asyl.
Saifs Bruder Saadi wiederum versuchte sich - erfolglos - in Italien als Profifußballer, Schwester Aischa gehörte zu den Verteidigern Saddam Husseins. Jetzt sprang sie ihrem Bruder Hannibal bei und drohte der Schweiz angeblich schon mit Rache Auge um Auge, Zahn um Zahn.
Diesen Plan scheint auch die libysche Staatsführung zu verfolgen: Sie ließ Büros Schweizer Unternehmen schließen und strich Flüge der Fluggesellschaft Swiss. Während eine Schweizer Delegation in Tripolis war, wurde dort zudem ein Öl-Lieferboykott angekündigt. Zumindest der wird bisher in der Eidgenossenschaft nicht besonders ernstgenommen, obwohl der Wüstenstaat der wichtigste Rohöllieferant ist. Der Grund liegt vor allem darin, dass die libysche Ölgesellschaft Tamoil in Collombey im Unterwallis über eine eigene Raffinerie verfügt und außerdem etwa 320 Tankstellen im Land betreibt. Daneben verweisen Fachleute darauf, dass die Schweiz im Notfall relativ leicht Öl beziehen könne, das nicht übers Mittelmeer, sondern mit Rheinschiffen geliefert würde.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: dpa, REUTERS