
Lina Dughan Nasser im neuen, provisorischen Studio des Senders. Die Bilder hinter ihr dokumentieren die Attacke durch die Hizbullah
16. Mai 2008 Ab sofort sind wir wieder für Sie da", sagt Wajid Ramadan und lächelt in die Kamera. Die junge Redakteurin präsentiert an diesem Nachmittag nach fünf Tagen erzwungener Sendepause die erste Ausgabe von "Le Journal", der französischsprachigen Nachrichtensendung von Future TV.
Die Kulisse bilden große Fotos der Ausschreitungen vom vergangenen Freitag, als Hizbullah-Kämpfer die Zentrale des Senders in Westbeirut stürmten. Vermummte Milizionäre, ausgebrannte Fenster, brennende Autoreifen. Bei der ersten Meldung über die Ankunft des Generalsekretärs der Arabischen Liga, Amr Moussa, in Beirut verhaspelt Ramadan sich ein bisschen. Auch der Ton ist übersteuert. Doch dafür, dass der Kanal seit Dienstag erst wieder auf Sendung ist, gehen die Nachrichten gut über die Bühne.
Zerstörung durch Experten
Am Morgen nach der Brandrede des Hizbullah-Generalsekretärs Hassan Nasrallah am vergangenen Donnerstag hatten nicht nur Kämpfer der schiitischen Parteimiliz die erst vor einem halben Jahr bezogene Zentrale von Future TV in Westbeiruts Stadtteil Kantari gestürmt. "Experten waren bei der Ausschaltung unserer Anlagen am Werk", sagt Roland Barbar, der Produktionsleiter des von dem langjährigen Ministerpräsidenten Rafiq Hariri aufgebauten Senders. So seien die Hizbullah-Männer mit dem Schaltplan für das erst vor einem halben Jahr fertig gestellte neue Sendesystem angerückt. Ehe sie mit dem Zerschneiden der Kabel begannen, forderten sie den letzten im Haus verbliebenen Techniker auf, die Überwachungskameras auszuschalten. Bloß keine Spuren hinterlassen beim Angriff auf die Pressefreiheit.
Doch kleinkriegen lassen sich die Future-TV-Mitarbeiter nicht. Schon unmittelbar nach der Räumung ihres Hauses zogen sie in den Ostbeiruter Stadtteil Sin al Fil, wo in der "Beirut Hall" bislang Unterhaltungsprogramme produziert wurden. "Aktuell haben wir hier nicht gearbeitet", sagt Barbar beim Gang durch die Hallen, in denen kleine Gruppen von Redakteuren zusammenstehen und sich über die neue Situation unterhalten.
Stimme der gemäßigten Sunniten
"Schwarz oder Weiß" heißt es in großen Buchstaben hinter einer langen Reihe Tische, an denen sich die Nachrichtenredaktion eingerichtet hat. Etwa vierzig Redakteure sitzen an Computern, beantworten E-Mails oder kümmern sich um die Aktualisierung des Internetauftritts. Eigentlich der Titel einer Entertainmentshow, steht "Schwarz oder Weiß" nun symbolisch für die schwierige Aufgabe von Future TV, nach dem Putschversuch der Hizbullah zu einer ausgewogenen Berichterstattung zurückzukehren. Zumal dem Sender der Ruf anhaftet, der Hauskanal von Saad Hariri zu sein, dem sunnitischen Mehrheitsführer im Parlament und Sohn des 2005 ermordeten Ministerpräsidenten Rafiq.
Wie das politische System des Landes ist auch das libanesische Mediensystem konfessionell geprägt - die wichtigsten politischen Bewegungen verfügen über eigene Zeitungen wie Sender. "Al Manar" ist der Sender der Hizbullah, LBC der der regierungstreuen Christen, und Future TV verleiht den gemäßigten Sunniten eine Stimme - nach der Demütigung durch die Hizbullah jedoch rufen sie nach Rache.
"Es wird schwer werden, unseren Anspruch an eine neutrale Berichterstattung aufrechtzuerhalten", sagt Najat Charaf Eddine, die die Mediensendung "Transit" moderiert. Ausländische und inländische Journalisten diskutieren darin über aktuelle Themen. Ihre nächste Sendung wird sich mit den Auswirkungen der Future- TV-Besetzung befassen. "Bislang haben wir die Hizbullah als libanesische Partei betrachtet und ihren Widerstandskampf gegen Israel als legitim unterstützt", sagt sie. "Jetzt sind sie unsere Feinde." Das habe die von Iran unterstützte "Partei Gottes" durch den Angriff auf Future TV und die auch zum Medienimperium der Hariri-Familie zählende Zeitung "al Mustaqbal" deutlich gemacht. Am Mittwoch erschien die Zeitung erstmals wieder.
Sabotage durch die Hizbullah
Im Unterschied zu den Future-TV-Mitarbeitern wurden die "Mustaqbal"-Redakteure vor dem Angriff nicht von der Armee gewarnt. Aber auch in der "Beirut Hall" sind längst nicht alle Redakteure wieder anwesend. Immer noch herrscht die Angst, nicht sicher nach Hause zu kommen - auch an diesem Donnerstag sind noch viele Straßen zwischen den Konfliktvierteln gesperrt, wie während des Bürgerkrieges (1975-1990) verläuft die Grenze durch Beirut entlang konfessioneller Schnittstellen. "Bevor wir keine politische Garantie erhalten, wieder sicher arbeiten zu können, werden wir Ostbeirut nicht verlassen", sagt Barbar. Zumal die Hizbullah mit Störsendern weiter an einer Sabotage des Future-Programms arbeite.
Die Redaktion schlägt mit ihren Mitteln zurück. Überall auf den Fernsehschirmen im provisorischen Sendesitz laufen Werbeclips gegen die neue Macht der Milizen. "Unser Wort ist stärker", ein anderer ist "Kein Kommentar" betitelt und zeigt einen Hizbullah-Anhänger, der eine libanesische Fahne von einer Straßenlaterne reißt und durch die gelbe mit dem Maschinengewehr der Nasrallah-Organisation ersetzt. "Unsere Aufgabe ist es auch, unseren empörten Zuschauern zu zeigen, dass wir ein Sender für alle Libanesen sind, nicht nur für die Sunniten."
Zuschauer senden Videos
Einfach ist das nicht. Zumal nicht nur die Technik zerstört wurde, sondern auch das Archiv. Untergebracht in der alten Sendezentrale im Westbeiruter Stadtteil Rouche, schlugen die bewaffneten Verbündeten der Hizbullah von der Syrischen Sozialistischen Nationalen Partei hier zu und verbrannten historisches Material. "Die Ironie der Geschichte ist, dass wir die Ersten waren, die die Hizbullah-Kämpfer filmten, als die Israelis sich 2000 aus dem Südlibanon zurückzogen", sagt Barbar. "Unser Archiv war auch für sie da."
Ein neues Format soll den Verlust ansatzweise wettmachen. "Du bist der Zeuge", heißt der Sendeplatz, auf dem Videos von Zuschauern laufen, die sie mit Handys oder Kameras während des Kleinkriegs aufnahmen. "Wir mussten den Speicherplatz auf unserem Server mehr als verdreifachen, so viel Material bekommen wir", sagt Barbar.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, REUTERS