12. Juni 2009 Ahmadi, der kleine Ahmad, nennen die jungen Leute hämisch den Staatspräsidenten Ahmadineschad. Am Wochenende geht es mit Ahmadi zu Ende, skandieren Tag und Nacht in der zweitgrößten iranischen Stadt Maschhad Tausende der jungen Leute ihre Lieblingsparole. Die grünen Armbänder zeigen, dass sie Anhänger der Reformer sind. Das Grün ist die Farbe von Mir Hussein Mussawi, dem Hauptgegner Ahmadineschads im Kampf um das Präsidentenamt in Iran. Noch vor einigen Monaten war Mussawi bei den Jugendlichen fast unbekannt.
Als Mohammad Chatami seine Kandidatur zugunsten seines Mitstreiters aufgab, wurde Mussawi, ein unscheinbarer Mann mit leiser Stimme, der Aureole des wortmächtigen Charismatikers Chatami teilhaftig. Bald wusste jeder Gymnasiast, dass Mussawi als Ministerpräsident im achtjährigen Krieg zwischen dem Irak und Iran seine Arbeit so solide erledigt hatte, dass trotz Embargos niemand hungern musste. Innerhalb weniger Wochen hingen in den Städten riesige Plakate an den Wänden mit dem Konterfei Mussawis und Chatamis. Die Reformer hatten nun einen neuen Hoffnungsträger, einen Mann mit weißer Weste, einer Leidenschaft für die schönen Künste und der Vergangenheit eines Jakobiners, der sich noch immer als Revolutionär bezeichnet, aber von Gewalt nichts wissen möchte.
Meilenstein der Geschichte der Islamischen Republik
43 Millionen Iraner sind in der Islamischen Republik wahlberechtigt. Man rechnet damit, dass knapp 30 Millionen von ihnen an diesem Freitag ihre Stimme bei der Präsidentenwahl abgeben. In den großen Städten gewinnt Mir Hussein Mussawi, in den ländlichen Gebieten Ahmadineschad, sagen die Fachleute. Auf den ersten Blick befremdet der Erfolg Ahmadineschads auf dem Land, denn mit der Landwirtschaft geht es in Iran bergab. Pakistanischer Reis ist viel billiger als der eigene. Das Gleiche gilt für Zucker und Tee. Aber Ahmadineschad, der selbst aus einem Dorf stammt, weiß, dass die Bauern vor allem an Bargeld interessiert sind. Wie der legendäre Safawidenkönig Schah Abbas (der Große) reist der Präsident durch das Land und lässt seinen Zahlmeister unter Bittstellern dicke Bündel von Tuman verteilen.
Die zehnte Präsidentenwahl ist also grob gesagt ein Kampf zwischen Stadt und Land. Wer in den vergangenen Tagen durch die Straßen von Maschhad ging, hatte das sichere Gefühl, dass die Reformer den Sieg davontragen werden. So viel jugendlicher Elan, so viel politische Leidenschaft, so viel Aufbruchsstimmung gab es nur vor zwölf Jahren, als Mohammad Chatami sich zum ersten Mal zur Wahl stellte. Der 2. Chordad, das persische Datum des ersten Siegs von Chatami, gilt bis heute als ein Meilenstein der Geschichte der Islamischen Republik. Lass uns hundert 2. Chordads schaffen, stand in den vergangenen Tagen überall an den Wänden.
Die Angreifer liefen mit blutigen Köpfen davon
Ahmadineschad wird trotz der Brutalität seiner Schergen von der Jugend nicht ernst genommen. Häme und Spott begleiten seine politischen Kapriolen. Gern erzählt er zwei Geschichten: Er sei in der Vollversammlung der Vereinten Nationen vom Licht des verborgenen Imam umhüllt worden, so dass während seiner Rede niemand mit der Wimper gezuckt habe. Der zweiten Erzählung nach wollte ihn der amerikanische Geheimdienst in der grünen Zone in Bagdad entführen. Nur mit Hilfe des Mahdi, des schiitischen Messias, sei es ihm gelungen, den CIA-Agenten zu entkommen. Die seltsamen Einbildungen des Doktor Ahmadineschad werden bei den jungen Leuten mehr zur Kenntnis genommen als seine antiisraelischen Tiraden. He Doktor, geh doch zum Doktor, rufen die jungen Leute in Maschhad, der Stadt gereimten Wortes.
Bei den Versammlungen können die Polizisten ihre Freude an den Sticheleien ihrer Landsleute nicht ganz verbergen. Herr Wachtmeister, wen werden Sie wählen?, fragt Ghazala, eine junge Frau in pistaziengrünem Leinenkostüm und dazu passendem grünem Kopftuch, einen jungen Polizisten. Er lächelt und schweigt. Ghazala hakt nach. Sagen Sie, wen Sie wählen werden, wir leben schließlich in einem demokratischen Land! Der junge Polizist schaut verlegen und sagt leise: Mussawi, wen sonst? Es kursieren Gerüchte, dass ein Teil der Kommandeure der Revolutionswächter sich für Mussawi entschieden habe. Aber Gerüchte gibt es unzählige in diesen Tagen. Die Ordnungskräfte, sagt Naser Amuli, der Sprecher der Reformer in Chorasan, haben sich bis jetzt anständig benommen. Sie hätten für keine Gruppe Partei ergriffen. Sie hätten sogar einmal das Wahlbüro der Grünen gegen eine Schlägertruppe in Schutz genommen. Die Angreifer liefen mit blutigen Köpfen davon und ließen ihr Motorrad zurück, sagt er nicht ohne Schadenfreude.
Jugendliche mit weißen Kitteln
Auch ansonsten geht es in Maschhad, wie in vielen anderen Städten, bislang ohne nennenswerte Gewalttätigkeit zu. In Sadschad, einem besseren Stadtteil in Maschhad, gibt es etwa ein Dutzend Wahlbüros aller vier Kandidaten. Hier werden Broschüren und Plakate verteilt, Informationen ausgetauscht und Gäste mit Tee und Süßem bewirtet. Beherrschend ist das Grün, die Farbe Mussawis. Im Wahlbüro hängen grüne Banner. Auf den Dächern der Autos flattern grüne Fahnen. Die sommerlich dünnen Kopftücher der Frauen sind grün. Bei Demonstrationen malen junge Männer ihr Gesicht in verschiedenen Grüntönen an und tragen ein grünes Cape und eine grüne Melone wie ein Zauberer. Die Mädchen haben lange grünlackierte Fingernägel und tragen grüne Streifen im Haar.
Die Jugend geht bis tief in die Nacht die Straßen auf und ab. Die nächtliche Welle der Grünen, betitelte eine Zeitung ein Straßenbild. Unter den Grünen laufen gelegentlich auch Jugendliche mit weißen Kitteln, die aussehen wie Leichentücher. Sie sind Anhänger von Mehdi Karrubi, dem Scheich der Reformen, wie der 71 Jahre alte Mullah von der Presse genannt wird. Wer einen Dreitagebart trägt, dunkel gekleidet ist, auf einem Motorrad fährt und eine Trikolore schwingt, ist ein Mann von Ahmadineschad.
Für ein paar Stunden die Freiheit genießen
Der Umgang der Gegner miteinander ist friedlich. Von den Aggressionen früherer Wahlen ist auf den Straßen nichts zu bemerken. Was machst du hier?, fragt ein adrett aussehender junger Mann mit einem grünen Stirnband einen dünnen Burschen mit langem Hals. Was geht das dich an?, antwortet der Junge, allem Anschein nach ein Anhänger Ahmadineschads. Die Stadt gehört doch nicht deinem Vater. - Komm mit, lieber Bruder, beschwichtigt ihn der Mann der Grünen. Sie gehen ins Wahlbüro von Mussawi und trinken Coca-Cola. Der Mann mit dem grünen Stirnband macht ein paar Witze über Ahmadineschad. Der dünne Mann lacht und versucht zu kontern.
In Teheran, so erzählt man sich mit gewissem Neid in Maschhad, habe es am Mittwoch auf dem Platz Sadeqiyya eine spontane gemeinsame Tanzveranstaltung von Anhängern von Ahmadineschad und Mussawi gegeben, an der auch junge Frauen beteiligt gewesen seien. Am 2. Chordad vor zwölf Jahren waren die Versammlungen voller Ernst. Dieser Wahlkampf mutet an wie ein Festival. Von Grabenkämpfen der früheren Jahre hat die Jugend die Nase voll. Im Schutz der Gemeinschaft wollen junge Frauen und Männer für ein paar Stunden die Freiheit genießen.
Regeln, um Betrug Einhalt zu gebieten
Während das Fußvolk gut miteinander auskommt, kämpfen ihre Führer mit harten Bandagen. Anfang der Woche sollte Chatami in einem Stadion in Maschhad eine Rede halten. Aber die Veranstaltung wurde in einen viel kleineren Raum verlegt. Mit Staunen hatten die Besucher festgestellt, dass der Rasen unter Wasser stand. Der Chef der iranischen Sportorganisation, die für solche Plätze zuständig ist, Ali Abadi, ist ein Schwager Ahmadineschads. In einem sechsteiligen Rededuell im Fernsehen zwischen den Kandidaten, das jeweils anderthalb Stunden dauerte, sahen Millionen von Zuschauern, dass, wenn es um die Macht geht, die gepflegte persische Höflichkeit vergessen wird.
Ahmadineschad beschimpfte Haschemi Rafsandschani, der möglicherweise Mussawi finanziell unterstützt, als Mafioso, der Gelder des Staates veruntreut habe. Noch schlimmer war die Behauptung Ahmadineschads, Zahra Rahnaward, die Frau Mussawis, habe ihre akademische Karriere dank politischer Seilschaften gemacht. Dabei zeigte Ahmadineschad ein angebliches Dossier über die vielgeachtete Wissenschaftlerin. Mussawi ließ die Sache auf sich beruhen. Aber Rafsandschani schrieb am Dienstag einen offenen Brief an den Revolutionsführer, Ajatollah Chamenei, in dem er sich über die Beleidigungen beschwerte und nachdrücklich forderte, Chamenei möge dafür sorgen, dass die Wahl mächtig und korrekt vonstatten geht.
Die Reformer haben, um möglichem Betrug Einhalt zu gebieten, für ihre Anhänger einige Regeln aufgestellt. Die zwei wichtigsten lauten: Vermeide grüne Farbe, wenn du das Wahllokal betrittst und Wähle in Schulen und keineswegs in Moscheen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP