Von Erna Lackner, Wien
12. Oktober 2008 Vierzehn Tage nach seiner Rückkehr auf die bundespolitische Bühne Österreichs ist Jörg Haider tot. Der Kärntner Landeshauptmann verunglückte mit seinem Dienstauto auf einer nächtlichen Heimfahrt südlich von Klagenfurt. Heute geht in Kärnten die Sonne nicht auf“, formulierte am Samstagmorgen unter Tränen Stefan Petzner, sein Stellvertreter im Bündnis Zukunft Österreich (BZÖ), der freiheitlichen Partei, die Haider von der FPÖ abgespalten hatte.
In ganz Österreich zeigten sich selbst politische Gegner tief betroffen über das Ableben des 58 Jahre alten Ausnahmepolitikers, der Österreichs Politik in den letzten beiden Jahrzehnten prägte wie kaum ein Zweiter. Ist doch der Jörg“ so etwas wie eine Institution geworden. Bei den Nationalratswahlen vor zwei Wochen konnte der als BZÖ-Chef angetretene Haider die Wählerstimmen für seine Partei wieder auf überraschende 10,7 Prozent verdreifachen: ein letzter persönlicher Triumph für das politische Alphatier, das in Wien schon als abgeschrieben gegolten hatte und nun wieder täglich lautstark mitmischte, auch bei der Regierungsbildung.
Nach einem Überholmanöver nach rechts abgekommen
Am Samstag beherrschten zwei letzte Bilder das Land: ein strahlender, sonnengebräunter Jörg Haider mit der Unterzeile 1950 – 2008“ – und das Foto des Unfallwagens, eines VW Phaeton, total zerstört und querstehend auf einer breiten Ortsdurchfahrtsstraße.
Auf dem Weg ins heimatliche Bärental war der allein fahrende Landeshauptmann um 1 Uhr 15 nachts nach einem Überholmanöver von der Bundesstraße nach rechts abgekommen. Wie der Polizeidirektor bekanntgab, rammte die Limousine nach langem Schlittern am Böschungsrand mehrere Verkehrstafeln und einen Betonpfeiler, überschlug sich mehrmals, ehe sie nach 35 Metern zum Stillstand kam, ohne Fahrertür. Haider erlitt schwerste Kopf- und Brustverletzungen, der linke Arm sei fast abgetrennt gewesen, die Wirbelsäule vermutlich gebrochen; er starb noch vor dem Eintreffen ins Krankenhaus. Die Unfallstelle wurde großflächig abgesperrt; auch mit Hubschrauberfotos sollte der Unfallhergang rekonstruiert und dokumentiert werden. Die Frage nach der Fahrgeschwindigkeit wurde von der Polizei mit dem Hinweis auf die kommende Untersuchung des Autos beantwortet.
Ein Hang zu überhöhter Geschwindigkeit
Unterdessen bemerkten die ersten Zeitungskommentatoren schon, Jörg Haider sei immer viel und spät nachts“ unterwegs gewesen (Standard), und ein Hang zu überhöhter Geschwindigkeit gehörte zu seinem Charakter“ (Kurier). Auch daran, dass Haider vor fünfzehn Jahren nach einem Crash gegen einen Telegrafenmasten dem Unfalltod wie durch ein Wunder mit einer kleinen Beule entkommen war, wird wieder erinnert.
Die Tragödie spielte sich in der Nacht vor einem geplanten Familienfest für seine neunzig Jahre alte Mutter ab, die aus Oberösterreich angereist war, um auf Jörg Haiders Bärentaler Forstwirtschaftsgut ihren Geburtstag zu feiern. Haider hinterlässt eine Frau und zwei erwachsene Töchter.
Auch politisch ein reiches, aber zerrissenes Erbe
Der durch seine Bärentaler Erbschaft wohlhabend gewordene Jörg Haider hinterlässt auch politisch ein reiches, aber zerrissenes Erbe, um dessen Aufteilung, Weiterführung oder Wiedervereinigung es gewiss bald gehen wird. Der in vielerlei Hinsicht außergewöhnliche und umstrittene Rechtspopulist hat das kleine freiheitliche Lager mit flotten Sprüchen und heftigen Angriffen auf die rot-schwarze Proporzpolitik von einer 5-Prozent-Partei zu einem 27-Prozent-Block geführt. Ob die freiheitlichen Protestparteien mitregieren oder nicht – sie beeinflussen das politische Klima und auch die Gesetzgebung mit ihrer rechten Ausländer- und linken Sozialpolitik seit Jahren maßgeblich.
Jörg Haider, intelligenter, blitzschneller Sohn überzeugter Nationalsozialisten aus Oberösterreich, schloss sich als Jura-Student in Wien dem Ring freiheitlicher Jugendlicher an, war mit 20 Jahren Bundesobmann und acht Jahre später der jüngste Abgeordnete im Nationalrat. Seine Stelle als Universitätsassistent am Institut für Staats- und Verwaltungsrecht gab er für die politische Karriere auf.
Mit den Jahren braune Rhetorik abgelegt
Mit dem legendären Innsbrucker Putsch 1986 wurde der deutschnationale Jörg Haider neuer FPÖ-Chef, 1989 mit Hilfe der ÖVP Landeshauptmann im bislang erzroten Bundesland Kärnten. Aber wegen seines Ausspruchs über die ordentliche Beschäftigungspolitik im Dritten Reich“, der ihn erstmals weltweit in Verruf brachte, verlor er das Amt zwei Jahre später – nur um 1999 abermals Landeshauptmann in Kärnten zu werden. Zuletzt war er mit 42 Prozent der Stimmen wiedergewählt worden, und für die Landtagswahlen im kommenden Jahr gab es gute Aussichten auf die absolute Mehrheit.
Mit den Jahren hat der wendige Haider seine braune“ Rhetorik abgelegt, auch aus pragmatischen Gründen: Das 2005 von ihm gegründete BZÖ sollte auch als eine ideologische Loslösung von der teilweise stramm rechten, aus Nazi-Resten hervorgegangenen FPÖ gesehen werden. Die Parteispaltung war zugleich der Versuch eines politischen Neustarts: Mit der blau-schwarzen Koalition im Jahr 2000 war der Rechtspopulist auch durch die EU-Sanktionen gegenüber Österreich international in eine Art Quarantäne verbannt worden. Bundeskanzler hatte er auch nicht werden dürfen, obwohl seine FPÖ mehr Stimmen als die Volkspartei von Wolfgang Schüssel hatte.
So wurde Jörg Haider der ewig jugendliche Landesfürst von Kärnten, der alten Mutterln ebenso gefiel wie jungen Burschen. Als populistische Mittel zum Zweck dienten dem Störenfried statt altbrauner Sprüche längst schon Polemiken gegen die unsoziale Politik der Machthaber in Wien. Er habe für kaum vorstellbare Veränderungen innerhalb des rot-schwarzen Machtfilzes gesorgt, sagte gestern auch der mit ihm zuletzt verfeindete FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache und nannte Haider eine der prägendsten Politikerpersönlichkeiten der Zweiten Republik.
Für uns ist das wie ein Weltuntergang“, sagte Haiders Stellvertreter Stefan Petzner. Immer wieder erwähnt wurde in den unzähligen Beileidsbekundungen, wie sehr der Politiker auf die Menschen zugegangen sei. Der frühere Bundeskanzler Wolfgang Schüssel nannte seinen einstigen Koalitionspartner einen hochbegabten Politiker mit Leib und Seele“. Auch Bundespräsident Heinz Fischer sprach von der großen Begabung“ – und von einer menschlichen Tragödie“.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, reuters