Krawalle bei Paris

„Nein zur Gewalt, ja zum Dialog“

“Dialog statt Gewalt“

"Dialog statt Gewalt"

05. November 2005 Nach den bisher schwersten gewalttätigen Ausschreitungen in den französischen Vorstädten wächst der Protest in der Bevölkerung gegen die Brandstiftungen. Im Pariser Vorort Aulnay-sous-Bois gingen am Samstag mehr als 500 Menschen auf die Straße, um ein Ende der Gewalt zu fordern.

Angeführt vom neogaullistischen Bürgermeister Gérard Gaudron sangen sie die Nationalhymne und gingen zu einem Altersheim, das Ziel eines Angriffs der Randalierer gewesen war. „Nein zur Gewalt, ja zum Dialog“ stand auf einem Banner, das die Demonstranten durch die verwüsteten Straßen trugen. Anschließend zogen sie zu einer von Jugendlichen angezündeten Kaserne.

„Der Gewalt nicht weichen“

Schweigemarsch gegen die Gewalt

Schweigemarsch gegen die Gewalt

„Wir wollen zeigen, daß wir der Gewalt nicht weichen“, sagte Gaudron. „Die Gesetze der Republik müssen überall gelten.“ Zu den Demonstranten zählte auch ein Gebrauchtwagenhändler, der 18 Fahrzeuge durch Brandstiftung verloren hatte. „Wir haben Anfang Oktober den Laden aufgemacht, und wir haben ihn Ende Oktober wieder dichtgemacht“, sagte er.

In Aulnay-sous-Bois hatte es in den vergangenen Nächten schwere Zusammenstöße zwischen Polizei und Jugendlichen gegeben. Auch in Sevran, ebenfalls im Département Seine-Saint-Denis, protestierten 150 Menschen gegen die Unruhen. Dort hatte am Mittwoch eine behinderte Frau schwere Brandverletzungen erlitten, als ein Bus in einen Hinterhalt geriet.

Eltern fordern „Stop der Gewalt“

Unterdessen haben auch die Eltern der getöteten Jugendlichen am Samstag zur Ruhe aufgerufen. „Wir rufen zur Beruhigung und zur Rückkehr zur Gelassenheit auf, zum Stopp jeglicher Gewalt“, hieß es in der Erklärung. „Wir appellieren an den Bürgersinn jedes Einzelnen. Frankreich verdient dies nicht.“

Sie verlangten von der Regierung die schnellstmögliche Aufklärung über die Umstände des Todes ihrer Kinder. Sie und die Moslemvereinigung der Städte Clichy und Montfermeil luden Premierminister Dominique de Villepin und die „betroffenen Minister“ ein, zusammen mit den Verantwortlichen der Stadt Clichy einen Entwicklungsplan für die Vorstädte zu erarbeiten.

Krisensitzung der Regierung

Bei Ausschreitungen in der Nacht zum Samstag waren in Frankreich fast 900 Fahrzeuge in Flammen aufgegangen. 253 Tatverdächtige wurden festgenommen. Premierminister Dominique de Villepin empfing am Samstag den Rektor der Großen Moschee von Paris, Dalil Boubakeur, zu einem Gespräch über die Gewalt. Boubakeur hatte die Jugendlichen mehrfach zur Ruhe aufgerufen.

Die Polizei überwacht die Demonstration in Aulnay-sous-Bois

Die Polizei überwacht die Demonstration in Aulnay-sous-Bois

Zuvor hatte Villepin das Kabinett zu einer Krisensitzung zusammengerufen. Innenminister Nicolas Sarkozy sagte, die Regierung stehe vereint und fest den Unruhen gegenüber. „Jeder muß begreifen, daß die Brandstiftung an einem Auto ungerecht gegen den Besitzer ist und (den Täter) bei einer Verurteilung teuer zu stehen kommen kann“, sagte er.

Die französischen Sozialisten forderten, eine Nationaler Hilfsfonds müsse eingerichtet werden, um die Schäden für Zivilisten und Gemeinden aufzufangen. Auslöser der Krawalle war der Tod zweier Jugendlicher in der Pariser Vorstadt Clichy-sous-Bois am Donnerstag vergangener Woche gewesen. Die Jungen hatten sich wohl vor der Polizei in einem Transformatorenhäuschen versteckt und dort tödliche Stromschläge erlitten. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.

Gettoisierung auch in Deutschland?

“Stop der Gewalt“

"Stop der Gewalt"

SPD und Union wollen Unruhen wie in Frankreich durch zusätzliche Anstrengungen bei der Integration von Zuwanderern verhindern. In der Vereinbarung zur Innenpolitik hebe die große Koalition Integration als Querschnittsaufgabe hervor, sagte der SPD-Rechtspolitiker Dieter Wiefelspütz der „Welt am Sonntag“. Dem designierten Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) sei das sehr wichtig - „und er hat dabei meine volle Unterstützung“.

Wolfgang Bosbach, innenpolitischer Sprecher der CDU-Bundestagsfraktion, beurteilt die Situation kritischer. „Auch wenn die gesellschaftliche Realität bei uns anders ist, sollten wir uns nicht der Illusion hingeben, daß so etwas wie in Frankreich bei uns nicht geschehen könnte“, sagte Bosbach der Zeitung. Notwendig seien drei Schritte: Erstens müßten die Integrationsbemühungen verstärkt werden. „Zweitens müssen wir das Straf- und Ausländerrecht konsequent anwenden. Und drittens wird es Zeit, daß wir viel genauer hinsehen und hinhören, was sich da hinter verschlossenen Türen in den Moscheen abspielt.“

Krisensitzung der Regierung

Krisensitzung der Regierung

Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm (CDU) warnte: „Es gibt auch in Deutschland Entwicklungen in Richtung Gettoisierung, weil wir die Integration lange Zeit nicht ernst genug genommen haben“. (Siehe auch: Bislang schwerste Unruhen in Pariser Vorstädten)

Text: FAZ.NET mit Material von dpa, AFP
Bildmaterial: AP, REUTERS

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Die perfekte Wohnung oder das ideale Haus zum Kaufen oder Mieten: Jetzt über 960.000 Angebote bei Immowelt.de und FAZ.NET!

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche