Waffenhandel

Ein Mann für alle Gelegenheiten

Von Alexander Bühler

29. Oktober 2007 Was haben Saddam Hussein, Charles Taylor, die Islamisten in Somalia und die Amerikaner im Irak gemeinsam? Sie alle wurden von dem Serben Tomislav Damnjanovic mit Waffen beliefert, der dafür mit ehemaligen KGB-Leuten, dem Regime von Slobodan Milosevic in Belgrad und Waffenhändlern in Deutschland und der Schweiz zusammenarbeitete.

Zwei Jahre lang haben Adrian Wilkinson und Hugh Griffiths im Auftrag der Südosteuropäischen Clearingstelle für Kleinwaffen und leichte Waffen (SEESAC) Damnjanovic nachgespürt. Eine 137 Seiten starke Broschüre soll Zöllnern in Südosteuropa helfen, illegale Waffenexporte aufzudecken. Nur wenige Seiten sind für die Öffentlichkeit bestimmt. Aber die genügen, um an der Wirksamkeit von Waffenexportkontrollen zu zweifeln.

Milosevics schützende Hand

Damnjanovics Karriere begann in den neunziger Jahren. Das Milosevic-Regime brauchte Devisen, um den Jugoslawien-Krieg weiterführen zu können. Weil die Vereinten Nationen das Land mit Sanktionen überzogen hatten, waren diese schwer zu bekommen. Der Zigarettenschmuggel war eine Quelle. Damnjanovic organisierte zusammen mit europäischen Verbrechersyndikaten den Schmuggel.

Damnjanovic baute auch ein Geflecht von Import- und Exportfirmen in Freihandelszonen auf, mietete Flugzeuge, gründete Luftfrachtunternehmen. Erstmals geriet er im Jahr 1996 in den Blick der Öffentlichkeit, als eines seiner Flugzeuge in der Nähe des Belgrader Flughafens abstürzte. An Bord der Maschine befanden sich Ersatzteile für libysche Kampfflugzeuge. Im Gegenzug sollte Belgrad libysches Öl erhalten. Obwohl die internationale Gemeinschaft, die serbische und die internationale Presse den Vorfall untersuchten, konnte Damnjanovic weiterarbeiten. Milosevic hielt seine schützende Hand über ihn.

Tausende Sturmgewehre für Liberias Diktator

Nach dem Sturz des Regimes in Belgrad im Jahr 2000 dehnte Damnjanovic seine Geschäftstätigkeit aus. Wie so viele Waffenhändler exportierte er nach Afrika. Einer der größten Abnehmer war der liberianische Diktator Charles Taylor, dessen Truppen im eigenen Land und in Sierra Leone wüteten. Auch gegen Liberia hatten die UN ein Waffenembargo verhängt.

Mit Hilfe der staatlichen serbischen Rüstungsfirma SDPR Yugoimport versorgte er Taylor mit Tausenden Sturmgewehren des Typs AK47 einschließlich Munition sowie Handgranaten und Raketenwerfern. Diese Geschäfte spülten Hunderttausende Dollar über eine libanesische Bank auf Damnjanovics Konto in der Schweiz.

Damnjanovic begeht einen Fehler

Zwar konnte die Delegation des UN-Sicherheitsrats, die das Waffenembargo überwachen sollte, immer wieder an Zeugenaussagen erkennen, dass alles auf serbische Exporte nach Liberia hindeutete. Es kam aber nie heraus, wer dahintersteckte. Wilkinson und Griffiths zeigen erstmals, wie einfach es war, die Waffenembargos zu umgehen: Zuerst produzierten Damnjanovic und seine Partner ein Endbenutzerzertifikat. Dieses Papier wird bei Waffenverkäufen benötigt und soll dem Verkäufer garantieren, dass seine Ware nicht in die falschen Hände gerät.

Für Taylors Waffen wurde ein nigerianisches Endbenutzerzertifikat gefälscht und bei der serbischen Waffenfabrik vorgelegt. Immer wieder hieß es, die Waffen würden nach Lagos in Nigeria gebracht. Doch Damnjanovic beging einen Fehler: Auf einer Rechnung des Belgrader Flughafens nannte er als Bestimmungsort Robertson in Liberia.

Versteckspiel mit den UN-Waffeninspekteuren

Damnjanovic war aber auch immer nahöstlichen Diktatoren zu Diensten, wie sich im Jahre 2002 herausstellte. Eine Durchsuchung der Flugzeugschmiede in Orao im serbischen Teil Bosniens durch Sfor-Truppen förderte peinliche Dokumente zutage: Nicht nur hatte Saddam Hussein Triebwerke und Ersatzteile gekauft. Es fanden sich auch Briefe, in denen die serbische Armee dem irakischen Diktator Unterstützung im Versteckspiel mit den UN-Waffeninspekteuren anbot. Wegen dieser Enthüllung musste die SDPR schließen.

Der CIA-Bericht aus dem Jahre 2004 über angebliche Massenvernichtungswaffen im Irak brachte noch etwas ans Licht: Es fanden sich zwar keine atomaren, biologischen oder chemischen Kampfstoffe im Land. Es tauchte aber ein Beleg dafür auf, dass SDPR 11,5 Tonnen weißen Phosphor geliefert hatte, der zur Herstellung von Brandbomben gebraucht wird.

Sofort wieder im Irak aktiv

Nach dem Sturz Saddam Husseins wurde Damnjanovic sofort wieder im Irak aktiv. Als dort im Jahr 2004 der Aufstand losbrach, suchte die amerikanische Übergangsregierung nach Möglichkeiten, die neue irakische Armee und Polizei mit Waffen auszustatten.

Das amerikanische Verteidigungsministerium schloss damals Verträge in Millionenhöhe mit Unternehmen ab, die Waffen beschaffen sollten, etwa mit dem Unternehmen TAOS aus Alabama. Damnjanovic erkannte seine Chance. Er wusste, dass auf dem Balkan nach wie vor Hunderttausende Waffen aus den Zeiten des Jugoslawien-Kriegs lagerten und auch neue in großer Stückzahl produziert wurden.

Karl Kleber auf Verteilerliste

Damnjanovic griff auf sein Netzwerk an Subunternehmen zurück, mietete Flugzeuge und ließ seine Beziehungen spielen. Zusammen mit amerikanischen Firmen und Waffenhändlern wie dem Deutschen Karl Kleber organisierte er Transporte aus Serbien, Bosnien oder Bulgarien nach Bagdad oder zu anderen amerikanischen Stützpunkten im Irak.

Eine E-Mail, die ein TAOS-Mitarbeiter Ende September 2004 an die Friedenssicherungstruppe Eufor in Bosnien schrieb, macht das Zusammenspiel der Waffenhändler deutlich: Der TAOS-Mitarbeiter will darin wissen, wann die Waffentransporte, die Damnjanovics Frachtgesellschaft „Kosmas Air“ organisiert hatte, genehmigt würden. Auch auf der Verteilerliste der E-Mail: Karl Kleber.

Spätestens jetzt hätte Eufor hellhörig werden müssen. Denn laut deutscher und europäischer Gesetzeslage war klar, dass Kleber die Munition nicht in den Irak hätte liefern dürfen. Er hätte dazu eine Ausnahmegenehmigung des Bundeswirtschaftsministeriums oder des Bundesamtes für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle gebraucht.

Er aber legte Papiere vor, die den Anschein erweckten, als importiere er Munition nach Deutschland. Das genügte Eufor offenbar. Wohl auch, weil der Druck der amerikanischen Botschaft in Bosnien groß war, die Waffen auf den Weg zu bringen. September 2004 geht der Waffentransport über die Bühne: Eine russische Frachtmaschine fliegt Munition vom amerikanischen Stützpunkt Tuzla nach Bagdad.

„Größter Waffenexport seit dem Zweiten Weltkrieg“

Damnjanovic gelang es auch, zusammen mit seinem deutschen Geschäftspartner und anderen Beteiligten, unter den Augen der Eufor Hunderttausende Waffen außer Landes zu schaffen. Er nutzte die Bürokratie in Bosnien, das Laissez-faire der EU und die Arglosigkeit deutscher Ministerien aus.

In Bosnien ließ ein Geheimdienstmann gegenüber Hugh Griffiths die Bemerkung fallen, dies sei der „größte Waffenexport seit dem Zweiten Weltkrieg“ gewesen. Er fügte hinzu: „Die fehlende Transparenz im Waffenhandel ermöglicht es Geschäftemachern wie Damnjanovic und dem deutschen Waffenhändler Kleber, unter Umgehung sämtlicher Gesetze Waffen in den Irak zu transportieren.“

Angeblich nur Kleider und Schuhe geliefert

Mittlerweile haben auch die UN Damnjanovic unter Beobachtung: In einem Bericht über den Waffenhandel in Somalia taucht sein neues Frachtunternehmen „Air Tomisko“ als potentieller Waffenlieferant der dortigen Islamisten auf. Im August vergangenen Jahres landete eines seiner russischen Frachtflugzeuge in Mogadischu. Just zu dem Zeitpunkt, als dort die Islamisten alles kontrollierten. Damnjanovic hat jedoch gegenüber den UN versichert, er habe nur Kleider und Schuhe geliefert.

Mittlerweile hat die serbische Regierung Damnjanovics Fluggesellschaft die Lizenz für Waffentransporte entzogen. Doch wird es ihm wohl nicht schwerfallen, eine neue Operationsbasis zu finden - vielleicht in Moldau oder in der Ukraine.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
Bildmaterial: dpa, REUTERS

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