Von Bernhard Heimrich, London
24. November 2005 Zum Antrittsbesuch in die Downing Street kommt die Bundeskanzlerin fast auf den Tag genau fünfzehn Jahre, nachdem Frau Thatcher von dort vertrieben worden war. Die Eiserne Lady hat ihren Schatten aber schon viel zu lange über Angela Merkel geworfen, teils sozusagen von Frau zu Frau, teils als eisernes Mißverständnis.
Der Name Eiserne Lady klingt zwar verdächtig nach Shakespeare, hat aber mehr mit Winston Churchill zu tun und seinem Wort vom Eisernen Vorhang. Der Titel ist ein Denkmal des krassesten Widerspruchs, den man sich denken kann: sowjetischen Humors. Moskaus Nachrichtenagentur TASS hatte ihn der britischen Oppositionsführerin 1976 verliehen, nachdem sie eine Rede über den Kalten Krieg gehalten hatte. Frau Thatcher hat es in ihren Memoiren vermerkt.
Nun sind sie schon wieder da!
Deutsche haben bei dem Vergleich vermutlich auch an den Eisernen Kanzler gedacht oder an den eisernen Besen. Frau Merkel selbst hatte die Frage, ob man sie mit Margaret Thatcher vergleichen solle, bei ihrem letzten Besuch in London als Oppositionsführerin mit einem Scherz pariert: Nein, denn Frau Thatcher war gegen die Wiedervereinigung.
Die 15 Jahre alte Wiedervereinigung ist hier dieser Tage noch einmal sauer aufgestoßen, als der jüngste Band der Erinnerungen Helmut Kohls mit einem Ausspruch Frau Thatchers oder im Sinn Frau Thatchers eine letzte winzige Prise Salz auf die Narbe zu reiben schien: Zweimal haben wir die Deutschen geschlagen, und nun sind sie schon wieder da!
Koalition? Der Brite rümpft die Nase
Frau Thatcher, so erfuhren britische Zeitungsleser, habe in der kritischen Zeit einen unfreundlichen, ja gefährlichen Part gespielt. Doch alles andere ist mittlerweile endgültig Geschichte, sozusagen altes Eisen. Der kalte Krieg ist am längsten vorbei; im Verhältnis Deutschlands, Großbritanniens oder der Europäischen Union mit Rußland hätte eine Eiserne Lady heute keine Rolle mehr. Eiserne Kanzlerin und eiserner Besen wiederum sind erst seit ein paar Wochen oder Tagen abgeräumt worden, zuerst nach der Verkündung des Wahlergebnisses und dann nach dem Abschluß der Verhandlungen für die große Koalition.
Doch schon Frau Merkels erster Besuch als Bundeskanzlerin hat den Gesprächspartnern auf der anderen Seite der Tafel im großen Eßzimmer der Downing Street Number 10 hinreichend deutlich vorgeführt, daß in Berlin anders regiert wird als im Reich Tony Blairs, und bestimmt nicht eisern.
Koalition ist ohnehin ein Wort, bei dem man in der britischen Politik die Nase rümpft. Bei den Berichten über die langwierigen Verhandlungen in Berlin haben hiesige Zeitungsleser vermutlich sogar den ganzen Kopf geschüttelt. Nach britischem Herkommen gibt es in Sport und Politik einen Sieger - nicht ein paar, die nach Spielschluß zwei Monate lang den Gewinn aushandeln.
Britische Phantasie
Das liegt aber nicht an den Spielern oder am Volkscharakter, sondern an den Spielregeln. Das letzte Wahlergebnis in Großbritannien war dem deutschen gar nicht so unähnlich: 35 Prozent für Labour, 32 Prozent für die Konservativen. Nur hat das hiesige Wahlsystem daraus 356 Mandate für die erste Partei gemacht und 198 für die zweite. Man mußte Tony Blair also gar nicht zu seinem Wahlsieg gratulieren, sondern nur zu seinem Wahlsystem.
Große Koalition gilt als ganz und gar widernatürlich. Die Vorstellung, Labour und die Konservativen könnten sich einigen, gemeinsam zu regieren, übersteigt britische Phantasie. So etwas hatte es nur im Weltkrieg gegeben. Und damit wären wir just wieder bei dem Thema, das der Besuch der Nichteisernen Kanzlerin hoffentlich wieder ein Stück weiter in den Hintergrund schiebt.
Frau Merkels Herkunft aus der früheren DDR wird hier regelmäßig erwähnt. Ihrem persönlichen Auftreten und ihrer beschränkten Macht als einvernehmliche Leiterin einer großen Koalition sollte es gelingen, dem Begriff Wiedervereinigung den Angstgehalt auszutreiben, der in Frau Thatchers Vorstellungen gespukt hatte - und nicht nur dort. Die zahlreichen Berichte der vergangenen Wochen über die wirtschaftlichen Bedrängnisse Deutschlands und die politischen Schwierigkeiten der großen Koalition haben sogar Briten überzeugen können, daß die Wiedervereinigung nicht jene Großmacht wiedergeboren hat, der Großbritannien in einer Generation zweimal den Krieg erklären mußte.
Vom Freund zum Schwerenöter
In der Zeit des deutschen Wahlkampfs hatte man in London immerfort über die Frage gewürfelt, was ein Kanzler Schröder für die britische Politik bedeuten würde, was eine Kanzlerin Merkel. Jetzt hat man sie plötzlich sozusagen beide am Tisch, auch wenn Gerd selbst, den Tony Blair zuerst mehr als Freund betrachtet hatte und später mehr als politischen Schwerenöter, nicht mehr dabei ist. Doch das muß die britischen Gastgeber um so neugieriger machen auf dieses gemischte Doppel aus Berlin.
Auf Tony Blairs Liste war der wichtigste Punkt der EU-Haushalt. Die Brüsseler Gipfelkonferenz am 12. Dezember rückt bedrohlich nahe. Schon Frau Merkels verbindliche Äußerungen in Paris und Brüssel hatten in London Hoffnungen geweckt, die Kanzlerin werde es von sich aus nicht zu einem neuen Eklat kommen lassen. Doch zugleich weiß man, daß der Einsatz jenes Würfelspiels sich geändert hat: Als Vorsteherin einer großen Koalition kann sie nicht mehr so nachdrücklich den Umbau der EU-Haushaltsordnung betreiben, sprich die Agrarsubventionen angreifen, wie sie es als Herrscherin einer kleinen Koalition mit den Freien Demokraten gedurft hätte.
Das Gespenst EU-Verfassung
Außerdem hatte man in London notiert, daß sie die EU-Verfassung wiederbeleben möchte. Für Tony Blair ist das Vertragswerk ein Gespenst, das derzeit totgeglaubt ist. Sollte es wiederkehren, müßte er oder sein Nachfolger ein Referendum halten, und das wäre nicht zu gewinnen. In der Politik gegenüber dem Irak, über die Tony and Gerd sich schließlich zerstritten hatten, erwartete man freundlichere Worte, aber nicht viel Habhaftes.
Auch der Unterschied in der Haltung zum EU-Beitritt der Türkei läßt sich mit Worten gut überdecken, schon weil die Verhandlungen so lange dauern werden. Die erwartete Erwärmung im Verhältnis zwischen Berlin und Washington wiederum kann auch London nur nützen; das alte Europa würde die Regierung Blair nicht mehr als atlantischen Außenseiter in der Ecke stehen lassen.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung
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