Von Michael Borgstede, Amsterdam
07. November 2004 Job Cohen steht auf einem Podest und bewegt den Mund. Von dem, was Amsterdams Bürgermeister sagt, ist kein Wort zu verstehen. Um ihn herum produzieren einige tausend Niederländer einen ohrenbetäubenden Lärm. Nebelhörner, Mülltonnendeckel, Feuerwerkskörper, Trommeln, Töpfe und sogar ein Saxophon - es entsteht eine Kakophonie sondergleichen.
Cohen ist selbst schuld. Am Nachmittag, als die Nachricht vom Mord an dem Regisseur und Kolumnisten Theo van Gogh die sonst so braven Niederländer in Aufruhr versetzte, forderte Cohen für die Kundgebung am Abend so viel Lärm wie möglich. Ein Schweigemarsch passe nicht zum Charakter des Ermordeten. Cohen weiß das aus eigener Erfahrung nur zu gut. Später, im Fernsehen, ist auch zu verstehen, was Cohen in das Getute schrie: Theo hat mit vielen Streit angefangen. Auch mit mir. Und das darf man in diesem Land!
Zwei kopulierende gelbe Sterne in der Gaskammer
Van Goghs letzte Kolumne in der Gratiszeitung Metro war wieder einmal dem Bürgermeister gewidmet. Dessen Schmusekurs gegenüber einer umstrittenen Muslimorganisation und der Minimalanspruch, den Laden irgendwie zusammenhalten zu wollen, hatten van Goghs Zorn erregt. Denn Theo van Gogh hatte für versöhnliche Tendenzen keinen Sinn. Sein Spott war verletzend. Selbst vor den plumpesten Beleidigungen schreckte er in seinen Kommentaren nicht zurück, lief erst jenseits der Grenze des guten Geschmacks zu Hochform auf.
Bemerkungen beispielsweise über zwei kopulierende gelbe Sterne in der Gaskammer brachten ihm 1984 eine Klage wegen Antisemitismus ein. Neun Jahre später wurde er nach endlosen Berufungsverfahren freigesprochen. Dem Schriftsteller Leon de Winter warf er vor, sein Judentum zu vermarkten. Er wickele sich beim Sex wohl Stacheldraht um den Schwanz und schreie laut Auschwitz, Auschwitz, hieß das dann bei van Gogh.
Wer schießt schon auf den Dorfdeppen?
In letzter Zeit arbeitete sich der Provokateur vornehmlich am Islam ab, dessen Anhänger er mit dem Prädikat Ziegenficker bedachte. Den Propheten Mohammed nannte er einen pädophilen Vergewaltiger, und der Vorsitzende einer radikal-islamischen Organisation in den Niederlanden war für ihn nur der Scheißer des Propheten. Morddrohungen zog ein Film nach sich, den er gemeinsam mit der rechtsliberalen Abgeordneten Ayaan Hirsi Ali produziert hatte. Vier teils verstümmelte Frauen erzählen in Submission ihre grausamen Geschichten. Unter ihren durchsichtigen Ganzkörperschleiern scheinen frauenfeindliche Koranverse durch, die man ihnen auf den nackten Körper kalligraphiert hat.
Der Film sollte auf die Mißhandlung von Frauen in islamischen Kreisen aufmerksam machen. Hirsi Ali, die sich als Exmuslimin bezeichnet, in Somalia geboren wurde und vor einem Ehearrangement später aus Kenia flüchtete, wurde unter Polizeischutz gestellt. Van Gogh hielt das für sich nicht für nötig. Wer schießt schon auf den Dorfdeppen? fragte er in einem Interview. Am vergangenen Dienstag erschoß der 26 Jahre alte Mohammed B. auf offener Straße den Dorfdeppen, schnitt ihm die Kehle durch und rammte ihm zwei Messer mit daran befestigen Botschaften in den Leib.
Frontstaat im Kampf der Kulturen
Die archaische Brutalität eines Ritualmordes sandte Schockwellen durch die Niederlande und schien van Gogh postum recht zu geben. War das Land nicht längst zu einem Frontstaat im "Kampf der Kulturen" geworden? War van Gogh das erste Opfer in einer Schlacht um die Entscheidung zwischen westlichen Werten und dem Gesetz des "islamistischen Dschungels"?
Vor gut zwei Jahren erlebten die Niederlande ihren ersten politischen Mord seit dem Jahr 1584.
Theo van Goghs - unvollendet gebliebener - letzter Film, "0605", hat das Attentat auf den Rechtspopulisten Pim Fortuyn zum Thema. Fortuyn war ein Narziß, ein Flamboyant, der sich im Bentley chauffieren ließ und seine Krawatten mit den dicksten Knoten band, die das Land je gesehen hatte. Eigentlich war auch Fortuyn mehr Künstler als Politiker, stilisierte jeden Auftritt zum Medienspektakel, wiewohl er bisweilen kaum etwas zu sagen hatte. Dennoch brachte er neues Leben in die verschlafene politische Kultur des Landes.
Tiefe Risse in der niederländischen Gesellschaft verdeckt
Das Poldermodell hatte den politischen Diskurs abgeschafft und durch eine gemütliche Konsensdemokratie ersetzt. Bald waren Regierung und Opposition nur noch anhand der Sitzordnung im Parlament zu unterscheiden. Man darf es Pim Fortuyn als Verdienst anrechnen, dieser freiwilligen Gleichschaltung mit seinen populistischen Parolen ein Ende bereitet zu haben. Allein, es war ein Ende mit Schrecken. Die Konsensdemokratie hatte tiefe Risse in der niederländischen Gesellschaft verdeckt, die nun mit ungeahnter Wucht aufbrachen. Nicht zuletzt galt es, zuzugeben, daß der Traum einer multikulturellen Gesellschaft sich schwieriger verwirklichen ließ, als man gehofft hatte.
Lange Jahre wollte man, wie der Sozialdemokrat Ed van Thijn, in Neueinwanderern nur eine Bereicherung unserer Gesellschaft sehen. Schwierigkeiten bei der Integration waren nicht eingeplant und verschwanden unter dem Teppich. Die Linken kamen nach endlosen Diskussionen zu dem beruhigenden Schluß, daß auch das Tragen eines Kopftuches Ausdruck von Emanzipation sein könne. Und der Staat setzte darauf, Konfrontationen zu vermeiden.
Wir werden diskriminiert
Die Integration der Einwanderer müsse über die Moscheen laufen, sagte Bürgermeister Job Cohen noch vor ein paar Jahren. Einige Wochen später tauchten damals in einer großen Amsterdamer Moschee Flugblätter auf, die gläubige Muslime davor warnten, sich mit Ungläubigen anzufreunden oder auch nur in ihrer Nähe zu wohnen. Längst gibt es fast ausschließlich von Muslimen bewohnte Viertel und Schulen, auf die kein weißer Niederländer seine Kinder mehr schicken möchte. Immer häufiger berichten die Medien von Blutrache; gewaltbereite marokkanische Jugendgangs machen in manchen Stadtgebieten die Straßen unsicher.
Vierzig Prozent dieser jungen Leute haben keinen Schulabschluß, die Arbeitslosigkeit unter Niederländern marokkanischer Abstammung liegt das Vierfache über dem Landesdurchschnitt. Wir werden diskriminiert. Viele Jugendliche schließen sich in ihrer Verzweiflung dann den Radikalen an, sagt Achmed Larous von Tans, einer multikulturellen Netzwerkorganisation für Jugendliche mit höherer Schulbildung. Es sei aber Unsinn, wie van Gogh zu behaupten, die niederländischen Muslime hätten sich die Einführung der Scharia zum Ziel gesetzt.
Die Meinungsfreiheit scheint in Gefahr
Nur fünf Prozent der niederländischen Muslime seien dem radikalen Flügel zuzuordnen, hat der Geheimdienst BVD in einem Bericht Anfang des Jahres festgestellt. Doch das sind immerhin 50000. Bisher taten ihre moderaten Glaubensbrüder wenig, um sich von den Fanatikern abzugrenzen. Nach dem Mord am Dienstag aber war die Abscheu auch in muslimischen Kreisen groß. Wir verurteilen diese grauenhafte und durch nichts zu rechtfertigende Tat, stand auf der Internetseite der Al-Tawheed-Moschee in Amsterdam, deren Imam in der Vergangenheit auch schon mal zur Steinigung von Homosexuellen aufgerufen hat. Viele Geistliche nutzten nun die Freitagsgebete, um deutlich für Demokratie und Streitkultur zu plädieren.
Der Mord an van Gogh hat die Niederlande aus dem Schlaf der Selbstgerechten gerissen. Ein Nationalheiligtum, die Meinungsfreiheit, scheint in Gefahr. Die linken Intellektuellen des Landes treibt nun ein häßlicher Verdacht um: Was, wenn sie den staatszersetzenden bösen Geistern mit ihrer Duldsamkeit erst den Raum zur Entfaltung gegeben hätten? Was, wenn ihre Toleranz längst nichts Tugendhaftes mehr hätte, sondern euphemistisch eine bequeme Wegschau-Mentalität umschriebe? Und muß eine offene Gesellschaft neben Prostitution, Euthanasie, Abtreibung und Homo-Ehe tatsächlich auch radikale Islamisten akzeptieren, selbst dann, wenn diesen ebenjene Toleranz hassenswert ist? Oder trifft Toleranz da auf ihre Grenzen, wo sie zu ihrer eigenen Destruktion mißbraucht werden soll?
Und was, vor allen Dingen, ist jetzt zu tun? Die Politiker üben sich in Volksbefriedigung: Die Einwanderungsquote soll eingeschränkt werden, verpflichtende Sprach-Einbürgerungskurse sollen zwangsintegrieren und radikale Moscheen geschlossen werden. Daß sich das Problem damit lösen läßt, glaubt niemand ernsthaft. Wir sind auf dem falschen Weg, stellte Ministerpräsident Balkenende nach dem Mord fast überrascht fest. Und auch Bürgermeister Cohen hatte keine neuen Ideen. Wir müssen eben weiter versuchen, den Laden beieinanderzuhalten.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 07.11.2004, Nr. 45 / Seite 10