Friedensvertrag

Hoffnung im Zeichen der Zerstörung

Von Jochen Buchsteiner

15. August 2005 Inmitten der Trümmer, die der Tsunami hinterlassen hat, ragt im ehemaligen Stadtzentrum von Banda Aceh ein ungewöhnliches Denkmal auf. Es ist das erste Flugzeug, das die Indonesier ihr eigen nennen konnten. Wohlhabende Acehnesen hatten im Unabhängigkeitskrieg gegen die Niederländer Geld gesammelt und es den Befreiungstruppen von General Sukarno zur Verfügung gestellt. Die Maschine, die später die Flotte der staatlichen Fluggesellschaft Garuda begründete, ist ein Symbol für die Sonderrolle, die die Acehnesen bis heute im Inselreich spielen. Sie gehören dazu, aber als stolze Sonderlinge.

Manche hoffen, daß Aceh mit dem Friedensvertrag, der am Montag in Helsinki besiegelt wurde, endlich seinen passenden Platz in Indonesien findet. Es hat etwas von einem modernen Märchen, daß die Provinz ausgerechnet im Augenblick ihrer größten Zerstörung die Chance für die Zukunft erhalten soll. Entsprechend zurückhaltend sind die Erwartungen der Acehnesen, die zumindest in ihrer jüngeren Geschichte viele Enttäuschungen erlebt haben.

Mehr Kummer als Freude

Lange vor anderen Regionen des Archipels bildete Aceh eine eigene Identität aus. Als weiter ostwärts hindu-buddhistische Königreiche kamen und gingen, pflegten die Acehnesen schon, was Indonesien erst in den kommenden Jahrhunderten prägen sollte: den Islam. Bereits im 13. Jahrhundert waren die Grundlagen für das Sultanat Aceh gelegt, um das selbst die holländischen Kolonialherren lange Zeit einen Bogen machten. Erst 1871 versuchten sie es - und scheiterten. Im frühen 20. Jahrhundert durften sich die Holländer dann kurzzeitig als Herrscher über Aceh fühlen, aber die Widerstandskämpfer, unter ihnen viele Frauen, machten ihren Erfolg bitter.

Die Unabhängigkeit Indonesiens, zu der die Acehnesen mehr als nur ein Flugzeug beigesteuert hatten, brachte ihnen mehr Kummer als Freude. Die straff geführten Regierungen in Jakarta verfolgten ihre Vision vom "Einheitsstaat" mit einiger Härte. Traditioneller Islam acehnesischer Prägung war ebensowenig gewünscht wie politische Selbstverwaltung. Vor allem aber nutzte Jakarta die öl- und gasreiche Provinz aus, um die Kassen in der Hauptstadt zu füllen.

Gewalt und erpresserische Methoden

Im Jahr 1976 begann die "Bewegung Freies Aceh" (Gam) ihren bewaffneten Kampf. Ihr Anführer Hasan de Tiro, der in direkter Linie von den Sultanen abstammen soll, zieht bis heute die Fäden im Hintergrund - namentlich in der "Exilregierung" Acehs in Schweden. Mehr als 12.000 Menschen wurden in den Kampfhandlungen im Nordwesten Sumatras getötet. Anfangs große Sympathie in der Bevölkerung schlug in dem Maße in Abwehr um, wie die Rebellen mit Gewalt und erpresserischen Methoden Hilfe einforderten.

Nach dem Sturz des langjährigen Diktators Suharto im Frühjahr 1998 schöpften die Menschen in Aceh Hoffnung. Überlegungen der nun demokratischen Regierungen in Jakarta, ein Referendum abzuhalten, wurden allerdings unter dem Eindruck der Entwicklungen in Osttimor bald wieder zurückgestellt. Gleichwohl ließen sich die Regierung von Präsident Abdurrahman Wahid und die Gam auf die Vermittlung durch eine in der Schweiz gegründete Agentur ein. Das "Henri Dunant Center" arrangierte mehrere Gesprächsrunden und erreichte schließlich im Jahr 2000 die Zustimmung zu einer dreimonatigen "humanitären Pause". Obwohl diese formal mehrfach verlängert wurde, endeten die Kampfhandlungen nicht.

Kriegsrecht

Im Dezember 2002 unterzeichnete die neue Regierung von Megawati Sukarnoputri mit der Gam ein "Rahmenabkommen zur Einstellung der Feindseligkeiten". Die Genfer Vereinbarung sah eine Reihe von Maßnahmen vor, die nun auch in Helsinki in den Vertrag gefügt wurden. Überwacht wurde das Abkommen von einer 150 Mann starken Beobachtermission, in der Repräsentanten beider Konfliktparteien sowie 50 Soldaten aus Thailand und den Philippinen vertreten waren, die wiederum unter der Leitung des Henri Dunant Centers standen.

Dem Unternehmen war wenig Erfolg beschieden. Das Abkommen wurde von beiden Seiten verletzt, und nach einem halben Jahr scheiterten die in Tokio fortgeführten Gespräche endgültig. Präsidentin Megawati verhängte das Kriegsrecht über Aceh und ließ mehr als 30.000 Soldaten einmarschieren. In Aceh stationierte Generäle beklagen sich bis heute, daß die Beobachter blind für die Aktivitäten der Rebellen gewesen seien, die sich in der Phase der Waffenruhe angeblich reorganisiert und aufgerüstet hatten. Unter dem Kriegsrecht reduzierten die Soldaten aus Jakarta die Zahl der Rebellen nach eigenen Angaben von 7.000 auf 3.000 bewaffnete Kämpfer.

Die große Flutwelle veränderte alles

Erst der Tsunami, der am 26. Dezember vergangenen Jahres die Küsten Acehs verwüstete und an die 150.000 Menschen in den Tod riß, veränderte die Lage. Die neue Regierung Yudhoyono sah sich gezwungen, das militärische Sperrgebiet für Helfer und Journalisten zu öffnen. Die Lage in Aceh wurde über Nacht zum internationalen Politikum. Der Druck der Geberstaaten, die ihre Milliarden nicht in ein Kriegsgebiet investieren wollen, zwang Jakarta zur Beendigung des Kriegsrechts und an den Verhandlungstisch. Auch an die Gam wurden Erwartungen herangetragen. Diplomaten in Jakarta erklären die Kompromißbereitschaft der Rebellen damit, daß die alternde Führung eine letzte Möglichkeit witterte, noch in den Genuß von Ämtern und Geld zu kommen. Die zukünftige Provinzregierung in Banda Aceh, in der die Gam aller Voraussicht nach eine maßgebliche Rolle spielen wird, darf nicht nur 70 Prozent der Einkünfte aus den Öl-und Gasgeschäften behalten, sie wird auch über die vier Milliarden Euro mitbestimmen können, die die internationale Gemeinschaft für den Wiederaufbau zur Verfügung stellt.

Präsident Yudhoyono, dem eine echte Bereitschaft zur Konfliktbeendigung nachgesagt wird, hat es nicht leicht. Politische Opposition gegen den Friedensvertrag ist verbreitet. Die Gegner fürchten nicht nur finanzielle Einbußen, sondern ein politisches Manöver der Gam, das langfristig auf die Abspaltung der Provinz abzielt. Sorgen bereiten den Friedensfreunden auch die Interessen innerhalb der Armee, die in Aceh einträgliche Geschäfte unterhält. Ob die EU mit 250 unbewaffneten Beobachtern in der Lage sein wird, den heiklen Abrüstungsprozeß in Aceh unter Kontrolle zu halten, steht dahin.

Text: F.A.Z., 16.08.2005, Nr. 189 / Seite 6
Bildmaterial: dpa

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